Keine halben Sachen für halbe Portionen

Aufklärung bitter nötig Am 17.12. 2015 verabschiedete Frankreich ein Gesetz gegen "Magermodels", zeitgleich mit neuen Regelungen, den Verkauf von Tabakwaren betreffend.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

https://encrypted-tbn3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcTf_73Q90outhgP5WpLZE120_mR99u_XHtj8e6jb3KHWQC5Vy1h7g

Models sollen künftig nur legal beschäftigt werden können, wenn sie einen bestimmten BMI nicht unterschreiten und ein Arzt die Unbedenklichkeit hinsichtlich der Ausübung des Berufs bescheinigt. Zuwiderhandlungen werden von nun an unter Strafe gestellt. Derweil darf auf Zigarettenpackungen kein Markenlogo mehr aufgedruckt sein, nur noch reiner Text.

Ist das staatliche Regulierungswut? Sind das unnötige oder gar verwerfliche Eingriffe in den freien Markt, ja in die Privat-und Intimsphäre? Muss der Gesetzgeber bestimmen, welches Gewicht in Relation zur Körpergrösse ein Mannequin hat? Darf er vorschreiben, welche Körperbilder wir zu sehen bekommen? Gehört es nicht zur Freiheit der Kunst? Sind die Magermodels nicht Teil des Gesamtwerkes, die z.B. der Designer kreiert, oder des Fotografen, der das entsprechend in Szene setzt und konserviert? Ist es nicht die freie Entscheidung einer jungen Frau, sich einen solchen Körper zu erarbeiten, der Ausdruck eines bestimmten ästhetischen Selbst-Verständnisses?

Jein. Es gibt durchaus Berührungspunkte zu den zeitgleich verabschiedeten Tabakwaren-Vorschriften. Ganz abgesehen davon, dass der Griff zum Glimmstängel häufig zur Unterstützung der Diät eingesetzt wird. Vorrangig geht es um Gesundheit, um Prävention.

Ob selbstschädigendes Verhalten allgemein geächtet oder gar bestraft gehört, darüber lässt sich streiten. Eine allgegenwärtige Verharmlosung und Aufwertung dessen gehört hingegen untersagt. Das gleiche, was für Tabak, harte Drogen, ungeschützten Sex sowie zu schnelles Fahren gilt, im Falle von Alkohol wohl zu wenig geschieht, sollte auch in puncto Magerwahn ganz klar Programm sein: Eine breite, öffentliche Aufklärung muss her!

Prävention. Unsere Kinder lernen mittlerweile: Mit der Fluppe in der Hand an der Ecke zu stehen- NICHT cool! Jedes Wochenende Filmriss - Was für Loser! Genauso müsste jungen Menschen, eigentlich allen Altersschichten, endlich einmal Aufklärung in Richtung Körperbilder zuteil werden. Im Grunde wissen doch die meisten von uns, dass Kleidergröße 34 für den allergrössten Teil der Frauen eine Utopie ist. Warum sehen wir dann selten etwas anderes, wenn, (zu welchem Zweck auch immer, meistens Werbung oder Präsentation anderer Art) öffentlich inszeniert wird?

Es sieht schön aus, ästhetisch. Schlank, attraktiv, dynamisch, sportlich, agil, gesund... Gesund?? Diese Assoziation kann ein Trugschluss sein. Abgesehen davon, dass viele dieser Bilder die Photoshop-Diät erfolgreich absolviert haben, sind diese Frauen gesund? Wie hart ist die Arbeit, die sie in einen solchen Körper stecken? Wie würde es aussehen, würde man die Kritierien des Arbeitsschutzes dort geltend machen?

https://encrypted-tbn1.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcTlXljPXDlFbOjJ8Jj35kWcWihUo4YLZgTTg-PzqSOblUxL2CyutA

Doch es geht hier nicht bloß um die Gesundheit des Models, das in Wirklichkeit oft nicht weit entfernt vom Hungertod sein zwanghaftes Dasein fristet, gequält von der Anorexie, benutzt von der Mode- und Werbeindustrie. Tatsächlich geht es um die psychische und körperliche Gesundheit vieler (vor allem junger, weiblicher) Menschen, die da so reinrutschen, in den Teufelskreis der Essstörungen. Man muss das wirklich so betrachten wie bei den beiden grössten Feinden der Volksgesundheit: Tabak und Alkohol. In Berührung damit kommt so gut wie jeder, für viele bleibt es mehr oder weniger ein unaufgeregter Teil des alltäglichen Lebens, doch nicht wenige, anfällig aus welchen Gründen auch immer, entwickelten den Abusus. Die Sucht schlägt zu, lässt jahrelang zunehmend leiden und schliesslich einen oft unschönen Tod sterben. Man könnte sagen, das erste Glas oder die erste Zigarette auf der Party entsprechen dem ersten, überkritischen Blick in den Spiegel, gefolgt von den ersten Diätversuchen. Vielleicht zunächst harmlos, doch einige bleiben halt erfolgreich dabei. Bei Rauchern ist das wohl offensichtlicher, beim Alkoholismus schon subtiler. Und im Ernst, wer denkt schon an Esstörungen, wenn er all die schönen, schlanken Leute im Alltag und in den Medien sieht? Oft merken Betroffene, mangels Aufklärung und persönlicher wie öffentlicher Verklärung, erst recht spät, was los ist.

Damit wären wir bei den Unterschieden: dem öffentlichen Umgang. Während Raucher heute allen gesellschaftlichen Rückhalt haben, wenn es darum geht dem Selbstmord auf Raten den Kampf anzusagen. Die entspannende Zigarette flimmert nicht mehr zu Werbezwecken über die Bildschirme, in den Schulen laufen Kampagnen wie "BE SMART - DONT START!" Doch werden wir jemals erleben, dass die Klums & Co ,mit entsprechendem Warnhinweis versehen , neben dem HB- Männchen und dem Marlboro-Mann in den Geschichtsbüchern stehen? Esssgestörte, jene Mitmenschen, die Tag für Tag totale Kontrolle über ihre Nahrungszufuhr ausüben, Essattacken erleiden, um danach auf dem Klo oder im Fitnessstudio zu verschwinden; die häufig unter- und mangelernährt sind, die Schäden an Zähnen, Herz, Nieren, Knochen, dem Nervensystem aufweisen, keinen Menstrustionszyklus haben, frieren und depressiv sind ( unvollständig! ).... diese Menschen bekommen nach wie vor im TV und auf Papier nur das dünnste vom Normalen zu sehen, hören und lesen von allen Seiten Diätratschläge, Bewegungsempfehlungen etc. Und damit kämpfen sie mit ähnlichen Problemen wie die trockenen Alkoholiker: Auch sie sind der ständigen gesellschaftlichen Aufwertung der Substanz ausgesetzt, die sie tunlichst meiden müssen, um gesund am Leben zu bleiben. Bei den Essstörungen ist es noch einen Deut komplizierter: es geht ja noch nicht einmal um konkrete Noxen wie bei Alkohol und anderen Drogen, sondern um toxische gesellschaftliche Konventionen, denen man sich sehr schwer entziehen kann, da sie noch nicht einmal öffentlich als schädlich (an-)erkannt sind.

Nicht wirklich hilfreich. Ihnen wird z.B. nicht gesagt, dass der als gesund geltende Bereich des BMI um das Jahr 2000 herum abgesenkt wurde, einfach, damit man leichter rechnen und verallgemeinern konnte. Dass der BMI-Durschnitt einer Glocken-Kurve entspricht, dessen höchster Bereich (also, der der auf die meisten zutrifft) um die 25 liegt und das mit überhaupt keinem Imperativ verbunden sein sollte:

http://static1.squarespace.com/static/4ff3b820c4aa4a0dd8c9f238/t/55ee277ae4b086d4d6a764b4/1441671038574/?format=750wEs wird nicht erwähnt, dass das Körpergewicht und -form hauptsächlich Einflüssen unterliegen, auf die wir nur bedingt einwirken können: genetische Disposition, Stress, künstliches Licht, unterschwellige Entzündungsprozesse durch zB. Umweltgifte... Und dass die Regulierung des Körpergewichts nicht allein durch eine (mentale) Kontrolle des Essverhalten sowie die vielgepriesene sportliche Betätigung zu leisten ist. Ja, vielmehr gar nicht willentlich zu leisten ist, da sich der Körper unter normalen Umständen selbst in den Bereich reguliert, in dem er rund läuft.

Essgestörte, die klinisch auffallen, und das sind weitaus weniger, als die tatsächliche Zahl der Betroffenen, werden schnell in den psychiatrisierten Winkel dieser Gesellschaft abgeschoben. Die digital ersponnenen Schönheiten lachen ihnen weiter ins Gesicht, die schöne Medienwelt blendet uns weiter mit ihrem surrealen Schein, ohne Rücksicht auf Verluste, schliesslich ist nichts ohne collateral damages zu haben, soviel wissen wir ja mittlerweile.

Der französische Vorstoß einer gesetzlichen Regulierung ist ein Anfang, mehr nicht. Verbindliche BMI- Untergrenzen konnten nicht durchgesetzt werden. Der Attest, eines Arztes, dass das Model nicht unter gefährlichem Untergewicht leide, soll ausreichen. Es werden sich Ärzte finden, die einen solchen bereitwillig ausstellen und unterschreiben.

18:18 20.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

krümmmel

Schreiber 0 Leser 0
krümmmel

Kommentare 2