Begründungen

Rezitativ. Beispiele regierungsseitiger Bemühungen, militärische Angriffe als "gerecht" erscheinen zu lassen (mit Quellenangaben).
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

(Gesungene Fassung: https://www.youtube.com/watch?v=VVh1zgKSmKo)

Meinem Urgroßvater erzählten sie, dass der Feind /
Mitten im Frieden das Land überfiel /
Und es sei vaterländische Pflicht /
Zu kämpfen.

Meinem Großvater sagten Sie, dass der Pole /
Überfallen habe den Sender Gleiwitz /
Und dass die Heimat geschützt werden müsse /
Vor Bolschewisten.

Meinem Vater erzählten Sie, der Vietnamese /
Habe geschossen im Golf von Tonkin /
Und dass die Freiheit bedroht sei /
Durch Rote Gefahr.

Mir selbst sagten sie, der Iraker /
Risse aus Brutkästen Babys heraus, und der Serbe /
Plane eine neues Auschwitz. Da dürfe man /
Doch nicht zusehn.

Jetzt sagen Sie meinen Kindern erneut /
Dass die anderen unmenschlich sind /
Damit es gerecht erscheint /
Wenn die Bomben fallen.

Ich aber wundere mich /
Dass das jedes mal wieder /
So viele glauben.

Erläuterungen

Schon seit der Antike ist die angreifende Seite bemüht, einen Krieg als gerecht erscheinen zu lassen („bellum justum“). Der Text greift ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit heraus:

1914

Der deutsche Kaiser erklärte: "Mitten im Frieden überfällt uns der Feind". Dazu notierte der Admiral G. von Müller: "Stimmung glänzend. Die Regierung hat eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen". (Wette: "1914: Deutscher Wille zum Zukunftskrieg." Blätter 1'14, pp. 41-53, 2014)

1939

Als polnische Soldaten verkleidet überfielen SS-Männer den Sender Gleiwitz. Kurz darauf erklärte Hitler Polen den Krieg und sagte im Reichstag: "Polen hat heute nacht zum erstenmal auf unserem eigenen Territorium auch durch reguläre Soldaten geschossen. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!" Zuvor hatte er geäußert: „Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht.“ (Grobe: "Der Überfall auf den Sender Gleiwitz 1939." aixpaix.de, 2014)

1964

Angeblich wurde der US-Zerstörer „Maddox“ im Golf von Tonkin von Nordvietnam beschossen, woraufhin die USA umgehend mit der „Tonkin-Resolution“ den Vietnam-Krieg eröffneten. Nach Auswertung historischer Dokumente schrieb dazu das Naval History Magazine (vol. 22/1, 2008): "High government officials distorted facts and deceived the American public about events that led to full U.S. involvement in the Vietnam War." Im Deutschlandfunk sagte Otto Langels dazu: „Der vermeintliche Beschuss der US-Marine im Golf von Tonkin 1964 durch Nordvietnamesen war reine Inszenierung. Die USA suchten einen Vorwand eine strategische Offensive zu beginnen.“ (DLF 02.08.2014)

1990

Die Tochter des kuwaitischen Botschafters behauptete als angebliche "Krankenschwester Nayirah" vor dem US-Kongress, irakische Soldaten hätten in Kuwait Babys aus Brutkästen gerissen und auf dem Boden sterben lassen. Durch diese von der Marketingfirma Hill & Knowlton organisierte PR-Maßnahme wurde die US-Öffentlichkeit für den Angriff der USA auf den Irak gewonnen.(MacArthur: "Die Schlacht der Lügen: wie die USA den Golfkrieg verkauften." dtv 1993)

1999

Verteidigungsminister Scharping behauptete, die Serben würden "in Pristina ein Konzentrationslager einrichten". Außenminister Fischer sagte auf dem Parteitag der Grünen, gegen Jugoslawien sei ein Militärschlag erforderlich, weil er "gelernt habe: nie wieder Auschwitz". Dazu bemerkte NATO-Sprecher J. Shea gegenüber dem WDR: "Nicht nur Minister Scharping, auch Kanzler Schröder und Minister Fischer waren ein großartiges Beispiel für politische Führer, die nicht der öffentlichen Meinung hinterher rennen, sondern diese zu formen verstehen." (Angerer, Werth: "Es begann mit einer Lüge." WDR 2001)

heute

Einen Ausblick in Gegenwart und Zukunft bot eine Konferenz der NATO 2015 in Essen. Die Konferenzunterlagen empfehlen, zur Rechtfertigung von Militäroffensiven auf die mediale Verbreitung von Gräueltaten („atrocities“) des designierten Feindes zu setzen, weil sich andere Formen der „strategic communication“ nicht bewährt hätten. Wörtlich heißt es dazu, ein "Key Principle for NATO Strategic Communications" sei: "Emphasize the human rights aspects of the conflict. [...] In all future conflicts NATO should deploy sizable media teams to record and publicize the human rights abuses of the enemy and should bring evidence before the public immediately and continually." (JAPCC Read Ahead, Essen, 2015)

Anmerkung: Text und Lied sind zuerst auf friedensmusik.de erschienen. Die Noten der Vertonung zusätzlich auf CPDL.

16:00 09.03.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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