Wenn "der Russe" provoziert

Satirisches Lied. Über den medialen (Wieder-)Aufbau des Feindbilds Russland. Zu singen auf die Melodie von "Kalinka".
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(Wers lieber gesungen hört, kann das hier tun: YouTube-Video)

(Anmerkung: die Durchstreichungen sind das Ergebnis einer leichten redaktionellen Überarbeitung durch einen qualitätsbewussten Journalisten eines deutschen Leitmediums)

Ach wie friedlich wars noch als der Jelzin regiert /
Und das russische Volk wurde schock-therapiert /
Und die Gruppe um Jelzin hat gut profitiert /
War der Russe auch kein Freund / so hat er doch kooperiert.

Doch der Putin hat Jelzins Kumpan inhaftiert /
Und hat Zeitungen und NGOs drangsaliert /
Und den Vormarsch der NATO ganz scharf kritisiert /
Und jetzt ist es wieder Usus / dass der Russe provoziert.

Wenn der Sicherheitsrat für ein Flugverbot votiert /
Der Franzose Gaddhafi mit Bomben traktiert /
Und der Russe sich nachher darüber mokiert /
Ja da kann man wieder sehen / wie der Russe provoziert!

Wenn die UNO in Syrien Gift detektiert /
Und der Amerikaner fast interveniert /
Und der Russe den Kriegsvorwand neutralisiert /
Ja da kann man wieder sehen / wie der Russe provoziert!

Wenn in Kiew der friedliche Mob* revoltiert /
Und der Deutsche vor Ort als Vermittler brilliert /
Und der Russe den Vorgang als "Putsch" tituliert /
Ja da kann man wieder sehen / wie der Russe provoziert!
* zu ersetzen durch: das friedliche Volk

Ist am Schwarzmeer die russische Flotte platziert /
Deren Duldung der Westen nicht mehr offeriert /
Wenn der Russe die Krim einfach assoziiert* /
Ja da kann man wieder sehen / wie der Russe provoziert!
* zu ersetzen durch: brutal annektiert

Wenn der Amerikaner den "Jats" finanziert /
Und ihm hilfreich bei Umsturz und Krieg assistiert /
Und der Russe mit Separatisten paktiert /
Ja da kann man wieder sehen / wie der Russe provoziert!

Wenn die Deutsche der EU Sanktionen diktiert /
Und dem Russen den Import von Technik blockiert /
Und der Russe mit Gegen-Sanktionen agiert /
Ja da kann man wieder sehen / wie der Russe provoziert!

All das haben wir noch mit Geduld toleriert /
Und in schwieriger Lage stets deeskaliert /
Wenn der Russe jetzt aber immer weiter provoziert /
Ja dann muss er sich nicht wundern /
wenn zurückgeschossen wird!

(Seite 2: Erläuterungen zum Lied)

Erläuterungen zum Lied "Wenn der Russe provoziert"

Der Text bezieht sich auf die Darstellung in den deutsche Medien 2013/2014, der friedliebende freie Westen werde von einem aggressiven autoritär regierten Russland bedroht, weshalb die westliche Militärmacht ("Verteidigungsbereitschaft") zu stärken sei. Dabei suchen insbesondere die "Qualitätsmedien" durch Fortlassen wichtiger Zusammenhänge diesen Eindruck zu vermitteln [1,2,3]. Dies wird in dem Lied karikierend überspitzt durch die Anspielung auf die Begrifflichkeit der deutschen Medienkampagne im Jahr 1939, dass „der Pole“ provoziere. Höhepunkt der damaligen „Provokationen“ war ein angeblicher Angriff polnischer Soldaten auf den Sender Gleiwitz, woraufhin der zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen begann, der mit den Worten begründet wurde: „ab heute wird zurückgeschossen“.

Strophe 1: In der Regierungszeit B. Jelzins 1991-99 wurde die Sowjetunion aufgelöst und das Staatseigentum privatisiert, wobei einige „Oligarchen“ sehr reich und einflussreich wurden und der Großteil der Bevölkerung verarmte. Die von US-Ökonomen empfohlenen („Schocktherapie“) und von Jelzin durchgeführten Wirtschaftsreformen boten „ungeahnte Möglichkeiten zur Bereicherung“ [5], führten zu einer Halbierung des Bruttoinlandsprodukts und zum Staatsbankrott [4,5].

Strophe 2: Unter Jelzins Nachfolger W. Putin übernahm der russische Staat eine aktivere Rolle in der Wirtschaft, wobei gegen einzelne Oligarchen, die sich dem widersetzten, gerichtlich vorgegangen wurde. Das meiste Aufsehen in der westlichen Presse erregte das Vorgehen gegen M. Chodorkowsi, der unter Jelzin neben seiner unternehmerischen Tätigkeit auch stellvertretender Minister für Brennstoffe und Energie war. 2006 wurden die Möglichkeiten aus dem Ausland finanzierter NGOs („Non Government Organizations“) in Russland eingeschränkt; über NGOs hatten zuvor die USA in einigen Ländern „farbige Revolutionen“ organisiert [6]. Obwohl der russischen Seite beim Abzug der russischen Truppen aus der DDR zugesagt worden war, die NATO nicht nach Osten zu erweitern, wurden sukzessive fast alle Länder des ehem. Ostblocks in die NATO aufgenommen. 2008 hat die russische Regierung gegenüber der US-Regierung vor der Hinzunahme Georgiens und der Ukraine scharf gewarnt; zwei Monate später hat die NATO beschlossen, die Aufnahme dieser Länder anzustreben [7].

Strophe 3: In 2011 hat der UNO Sicherheitsrat auf Initiative der französischen Regierung eine Flugverbotszone über Lybien verhängt, die von Frankreich, Großbritannien und den USA genutzt wurde, mittels Bombardments den Bürgerkrieg in Lybien zu entscheiden. Dazu bemerkte der russische Präsident Putin: „Sie griffen Afghanistan und den Irak an, und haben offen die UN Sicherheitsratsresolution zu Libyen verletzt, als sie anstelle der Errichtung einer sogenannten Flugverbotszone das Land bombardiert haben.“ [8]

Strophe 4: Nachdem die Unterstützung der Rebellen durch die USA im syrischen Bürgerkrieg nicht kurzfristig den erhofften „Regime-Change“ herbeiführte, erklärte US-Präsident B. Obama, er wolle direkt militärisch in Syrien intervenieren, wenn Chemiewaffen eingesetzt würden. Kurz darauf haben UN-Inspektoren den Einsatz von Chemiewaffen bestätigt, ohne allerdings zu ermitteln, wer das Giftgas eingesetzt hatte [9]. Daraufhin hat W. Putin mit dem syrischen Präsidenten vereinbart, dass die syrische Armee ihre Chemiewaffen unter internationaler Kontrolle vernichtet, so dass der Vorwand für ein direktes militärisches Eingreifen der USA entkräftet war.

Strophe 5: Als der ukrainische Präsident Janukowitsch ein Assoziierungsabkommen zur wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit zwischen der EU und der Ukraine nicht mehr unterzeichnen wollte, kam es zu Protesten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Unter „Vermittlung“ des deutschen Außenministers wurde ein Kompromiss zwischen Opposition und Regierung vereinbart, der kurz darauf von der Opposition gebrochen wurde, die den Präsidenten absetzte und, der Forderung der US Europabeauftragten V. Nuland folgend [10], A. Jazenjuk als Ministerpräsidenten einer „Übergangsregierung“ einsetzte.

Strophe 6: Für den derzeit unersetzbaren russischen Flottenstützpunkt auf der Krim hatte die Regierung Janukowitsch eine Bestandsgarantie bis 2042 gegeben, die aber von der neuen Regierung nicht anerkannt wurde [11]. Daraufhin hat Russland die Halbinsel Krim wieder aufgenommen, nachdem eine Mehrheit der Bevölkerung in einer Abstimmung für den Anschluss an Russland votiert hat. Die deutschen Medien sprechen von „Annexion“.

Strophe 7: „Jats“ ist ein Kosename des Ministerpräsidenten der ukrainischen "Übergangsregierung", A. Jazenjuk. Dieser war im Vorfeld des Umsturzes über seine Stiftung „Open Ukraine“ aus den USA unterstützt worden [12], wobei die US Europabeauftragte V. Nuland erklärte, die USA hätten insgesamt 5 Mrd. Dollar in „demokratische Veränderungen“ in der Ukraine investiert [13]. Die neue Regierung unter „Jats“ wird vor Ort vom CIA beraten [14]. Gegen den Regierungswechsel gibt es Proteste im Osten der Ukraine, gegen die die neue Kiewer Regierung mit Gewalt vorgeht, was zu einem Bürgerkrieg führt, in dem USA und NATO die Kiewer Regierung zumindest militärisch beraten [15] und die russische Seite sich zumindest diplomatisch für die Interessen der „prorussischen Separatisten“ einsetzt (mehr wird offiziell von den USA und Russland nicht zugegeben, trotz wechselseitiger Beschuldigungen).

Strophe 8: Gegen den Widerstand anderer europäischer Länder setzt die deutsche Kanzlerin A. Merkel auf dem EU-Gipfel im September 2014 verschärfte Wirtschaftssanktionen gegen Russland durch [16].

Literatur

  1. M. Bröckers, P. Schreyers: „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren.“ Westend-Verlag, 2014

  2. M. Daniljuk: „Ukraine-Konflikt: ARD-Programmbeirat bestätigt Publikumskritik.“ Telepolis, 18.09.2014

  3. Interview mit D. Ganser, NachDenkSeiten – Die kritische Website, www.nachdenkseiten.de, 22.09.2014

  4. J. Stieglitz: „Wer hat Russland zugrunde gerichtet?“ Kap. 5 in „Die Schatten der Globalisierung.“ Goldmann-Verlag, 2004

  5. F. Jaitner: „Hoffnungsträger Chodorkowski?“ Blätter für deutsche und internationale Politik 5'14, pp. 83-91, 2014

  6. R. Flottau, E. Follath, U. Klußmann, G. Mascolo, W. Mayr, C. Neef: „Die Revolutions-GmbH.“ Der Spiegel 46/2005, pp. 178-199, 2005

  7. Steering Group of the Veteran Intelligence Professionals for Sanity: „Germany’s Merkel Needs To Ask Tough Questions at NATO Summit.“ http://antiwar.com/blog, 31.08.2014

  8. W. Putin: Rede vor der Duma am 18.03.2014

  9. Zeit Online: „UN-Inspektoren beenden Untersuchung in Syrien.“ 30.08.2013

  10. N. Busse: „Fuck the EU Fauxpass: Was Nuland sagen wollte.“ FAZ, 07.02.2014

  11. W. Gerns: „Die Wiedervereinigung der Krim mit Russland. Aktuelle, geschichtliche und sicherheitspolitische Hintergründe.“ in P. Strutynski (Hg.): „Ein Spiel mit dem Feuer.“ Papyrossa, 2014

  12. D. Dahn: „Modell Maidan – Illegal, aber legitim?“ in P. Strutynski (Hg.): „Ein Spiel mit dem Feuer.“ Papyrossa, 2014

  13. V. Nuland: „US Has Invested $5 Billion In The Development of Ukrainian 'Democratic Institutions'.“ Pressekonferenz, Washington, 13.12.2013

  14. M.S. Lambeck, A. Rackow: "CIA & FBI: Agenten beraten Übergangsregierung in Kiew.“ Bild am Sonntag, 4.5.2014

  15. „Rasmussen in Kiew - Nato-Chef: Wir stehen bereit“, Deutschlandfunk, 7.8.2014

  16. S. Reinecke: „Russland-Sanktionen der EU: Der Starrsinn der Kanzlerin.“ taz, 11.09.2014

Parodie auf die Berichterstattung in den deutschen Medien, die die Verfehlungen "des Westens" ignorieren und jede Aktion der russischen Seite als Provokation darstellen.

14:59 19.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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