Champignol wider Willen

Theater-Premierenkritik Herbert Fritsch inszeniert in seinem bisher besten Abend an seinem neuen Berliner Stammhaus eine fast vergessene Farce aus dem Paris der Jahrhundertwende.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Nehmen Sie unseren Rat an und verbrennen Sie es“, sollen die Direktoren des Théâtre du Palais-Royal gesagt haben, als ihnen Georges Feydeau 1892 seine Farce „Champignol wider Willen“ angeboten hat.

Für dieses harsche Urteil sprechen einige gute Gründe: Verwechslungskomödien um betrogene Ehemänner sind fast so zahlreich wie der Sand am Meer. „Champignol wider Willen“ bedient die üblichen Muster des Boulevardtheaters, die Akteure stolpern von einem Fettnäpfchen ins nächste. Saint-Florimond sitzt in der Patsche, weil er Angèle, die Frau des Malers Champignol, angebaggert hat. Sie hat kein ernsthaftes Interesse an ihm, lässt sich aber aus Langeweile auf ihn ein. Als sie ihm den Laufpass gibt, ringt er ihr einen Abschiedskuss ab, bei dem sie vom neuen Dienstmädchen erwischt werden. Um einen Skandal zu vermeiden, tun Angèle und Saint-Florimond so, als ob es sich um Champignol handelt. Ständig klappern die Türen, ständig kommt neues Komödien-Personal herein, was die Angelegenheit ziemlich unübersichtlich macht, aber den eindeutigen Effekt hat, dass sich Saint-Florimond immer tiefer im Netz seiner falschen Identität verstrickt und alle um ihn herum überzeugt sind, es mit dem talentierten Maler zu tun zu haben.

So weit, so albern und belanglos. Es hat also gute Gründe, warum das Stück „Champignol wider Willen“ heute weitgehend vergessen ist und warum der Vaudeville-Autor Georges Feydeau, ein Star im Paris der vorigen Jahrhundertwende, heute nur noch selten auf unseren Spielplänen zu finden ist. Den „Champignol wider Willen“ kann man einfach nicht ernst nehmen.

Was man allerdings damit machen kann: Herbert Fritsch, den Zeremonienmeister des Slapsticks, höheren Blödsinns und Springteufel-Körper-Theaters auf den Stoff loslassen. Fritsch macht aus der angestaubten, mehr als ein Jahrhundert alten Boulevard-Komödie einen herrlich abgedrehten Abend mit einem Ensemble in Hochform.

Ausführlichere Kritik mit Bildern

00:57 25.10.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kultur_Blog_

Aktuelle Rezensionen zu Kino, Theater, Oper, Kabarett, Tanz, Literatur
Kultur_Blog_

Kommentare