"Feygele"

Performance-Kritik Im Studio Я des Gorki Theaters und demnächst als Gastspiel in Köln ist eine streitbare Performance von Tobias Herzberg zu erleben.
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Als die Zuschauer sich noch ihre Plätze suchen, sitzt Tobias Herzberg (Dramaturg, Regisseur und Performer) ganz friedlich in der ersten Reihe. Er mischt sich unters Publikum und erzählt mit einem Badetuch um die Hüften vom Cruising in einer Basler Sauna.

Im anekdotischen Plauderton beginnt er seine Performance "Feygele": das jiddische Wort bedeutet ursprünglich "Vögelchen", ist aber auch eine abwertende Bezeichnung für Homosexuelle. Das englische Schmähwort "faggot" hat - laut Gorki-Programmzettel - darin seinen Ursprung.

Als der gebürtige Hamburger Herzberg mit Mitte 20 in das schönere, aber auch noch teurere Zürich ziehen wollte, um dort Regie zu studieren, riet ihm sein Vater, sich bei einem jüdischen Stipendienwerk zu bewerben.

Tobias Herzberg erzählt von seinem Auswahlgespräch: Er sei schwuler Jude. Bisher habe er aber nur mit seiner Homosexualität praktische Erfahrungen. Sein Vater habe ihn nicht mit in die Synagoge genommen, nicht religiös erzogen und auch nicht beschneiden ließ. Dennoch sei er auf Anhieb aufgenommen worden.

Die zweite Hälfte der Performance besteht aus sehr detaillierten Schilderungen seiner sexuellen Vorlieben für kernige Machotypen, die sich an ihm austoben, und anekdotischen Schilderungen seiner Diskussionen mit anderen Stipendiaten des Begabtenwerks in Tel Aviv.

Der Abend entwickelt sich zu einem hedonistischen Plädoyer für das Ausleben der Lust, schildert Erlebnisse am Strand in Tel Aviv und in Darkrooms von Berlin bis Jerusalem. Statt der biologischen Verwandtschaft, die Netanjahu-Bilder über dem Sofa hängen hat, feiert er die Wahlfamilie einer Community und ihrer "Hoods", in denen er sich sofort wohl fühle: am Nollendorfplatz, in St. Georg, im Marais, im Castro oder im Glockenbachviertel.

Als "kämpferische Hymne auf die Perversen und Gefährdeten dieser und aller möglichen Welten" beschreibt Herzberg seine Performance. Nach der gemütlich-unterhaltsamen ersten Hälfte wartet Herzberg mit umstrittenen Thesen auf.

Explizit greift er den offen schwulen Staatssekretär Jens Spahn (CDU) an, da er eine Minderheit (LGBTI) gegen eine andere (Muslime, die sie bedrohen) ausspielt. Während er dieses Thema nur kurz anreißt, begründet er in einem langen Plädoyer für ungeschützten "Bareback"-Verkehr, warum er Safer Sex und Kondome ablehnt.

Erstaunlich war, wie ruhig es blieb. Der Performer wurde mit freundlichem Applaus verabschiedet.

23:09 11.03.2017
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