Foxtrot

Film-Kritik In Venedig preisgekrönt, in Israel angefeindet: die Anti-Kriegs-Groteske "Foxtrot" startete im Kino.
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Ein Checkpoint im Nirgendwo einer wüstenartigen Landschaft, junge Wehrpflichtige heben gelangweilt die Schranke, ein Dromedar schreitet gravitätisch hindurch. Wenige Minuten später: eine feiernde Clique nähert sich dem Checkpoint, kurbelt das Autofenster runter, treibt mit den gleichaltrigen Soldaten seine Späße und provoziert durch ein Missverständnis ein Massaker. Die per Funkspruch alarmierten Vorgesetzten sind schnell mit der Lösung zur Hand: der Vorfall muss vertuscht, das Auto mit den Leichen im Sand verbuddelt werden. Dazwischen amüsiert Soldat Jonathan Feldmann (Yonaton Shiran) seine Kumpels und das Kinopublikum mit einer improvisierten Foxtrot-Tanzeinlage mit Waffe vor dem Schlagbaum. Diese drei Szenen aus dem zweiten Akt von „Foxtrot“ bleiben am stärksten in Erinnerung.

Ansonsten prägt vor allem bleierne Schwere die Anti-Kriegs-Groteske „Foxtrot“ von Samuel Maoz, die in Venedig 2017 immerhin mit einem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde. Der erste und dritte Akt des Films zeigen ein traumatisiertes Land im Dauer-Ausnahmezustand. Die Eltern von Jonathan (Lior Ashkenazi und Sarah Adler) werden zu Abziehbildern geschockter Angehöriger, die von den geschulten Spezialisten der Armee die Nachricht bekommen, dass ihr Sohn tot ist. Dies ist mittlerweile ein fester Topos in der israelischen Literatur und z.B. auch Ausgangspunkt von David Grossmans Romanen „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ und „Aus der Zeit fallen“.

Den Schmerz und die Trauer seiner Figuren unterläuft Maoz mit galligen Running-Gags: Stündlich piept der Wecker und erinnert den Vater daran, dass er wieder ein Glas Wasser trinken muss. Die Elterngeneration wird als lebensunfähig und seelisch tief verwundet gezeichnet, wie beim titelgebenden „Foxtrot“-Tanz drehen sie sich im Kreis und treten auf der Stelle, die Militärs sind hilflose Apparatschiks, die ihr Programm aus dem Handbuch abspulen.

Die israelische Rechte lief gegen diesen Film prompt Sturm. Die Kulturministerin Miri Regev von Netanjahus Likud kritisierte, dass der Film gegen die „moralischste Armee der Welt“ hetz und unter dem Deckmantel der Kunst Lügen verbreite. Redaktionsnetzwerk Deutschland liefert die interessante Hintergrundinformation, dass die Likud-Ministerin und Brigadegeneralin Regev zuvor Sprecherin der israelischen Armee war und dazu aufrief, künftig keine Filme mehr staatlich zu fördern, die Propaganda für die Feinde Israels machten.

Erst diese politische Kontroverse in Israel macht den sehr langatmigen, schwerfällig ächzenden Film auch für ein internationales Publikum interessant. In den deutschen Kinos startete der Film am 12. Juli 2018, also fast ein Jahr nach seiner Festivalpremiere.

Komplette Kritik mit Bildern

15:43 13.07.2018
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