"Gift" am Deutschen Theater

Theater-Rezension Starschauspieler Ulrich Matthes und Dagmar Manzel klammern sich wie verzweifelte Schiffbrüchige an die Boje
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Vor dem heruntergelassenen Eisernen Vorhang sieht es aus wie im Wartezimmer beim HNO-Arzt oder bei der Meldestelle im Bürgeramt: schlichte weiße Plastikstühle, ein Kaffeeautomat und ein Wasserspender mit Pappbechern. „Am Bühnenbild wurde wirklich sehr gespart“, raunt eine Sitznachbarin ihrem Begleiter zu. Für das Bühnenbild mag spartanisch noch ein Euphemismus sein, dafür trumpft Christian Schwochow bei seinem Regie-Debüt „Gift“ am Deutschen Theater mit einer Deluxe-Besetzung auf: Dagmar Manzel und Ulrich Matthes.

Sie spielen „zwei Verzweifelte, zwei Schiffbrüchige, die sich an einer Boje festhalten“: Sie waren mal ein Paar. Erst haben sie ein Kind verloren, dann einander. Nach langer Zeit treffen sie sich an diesem Un-Ort, dem Wartesaal eines Friedhofs, wieder. Ihr Sohn Jakob wurde dort beerdigt, auch das ist etliche Jahre her. Sie wurden in einem Brief benachrichtigt, dass sein Grab wegen Gift im Boden verlegt werden müsse.

Stockend überwinden sie das Schweigen. Aufgestaute Aggressionen machen sich Luft. „Er“ sei – wie immer – so schrecklich distanziert. „Er“ mache es sich so furchtbar leicht, beginne mit einer jüngeren Frau einfach ein neues Leben in der Normandie. „Sie“ sei unfähig, über die Vergangenheit hinwegzukommen und habe sich in ihrem Schmerz eingerichtet.

Es ist symptomatisch, dass wir an keiner Stelle die Vornamen dieses gescheiterten Paares erfahren. Die beiden Protagonisten sind nur Sprachrohre für die Textbausteine, die ihnen die niederländische Autorin Lot Vekemans in ihrem „Klipp-Klapp-Dialogstück“ zugewiesen hat.

Das Problem dieses Abends sind die Schwächen der Textvorlage, die zwischen „Geh wohin Dein Herz Dich trägt“-Erbauungsliteratur á la Susanna Tamaro (daran fühlte sich auch Mounia Meiborg in der SZ erinnert) und dem glücklosen Versuch, die Melancholie aus Ingmar Bergman-Filmen zu kopieren (ähnlich Thomas Rothschild in einem Kommentar auf Nachtkritik) schwankt.

Dennoch machen die beiden Schauspielstars das Beste aus dieser schwachen Vorlage: auch wenn die hölzernen Dialoge allzu vorhersehbar und „wohltemperiert“ vor sich hinplätschern, ist es dennoch sehenswert, Matthes und Manzel zuzusehen: ihre kleinen Gesten, ihre unsicheren, sich belauernden Blicke, ihre sarkastische Schärfe zu erleben.

Für diese beiden Könner hat sich der Weg an diesem November-grauen Abend mitten im Oktober ins auch fast zwei Jahre nach der Premiere vollbesetzte Deutsche Theater doch gelohnt. Ohne ihre schauspielerische Klasse wäre dieses Kammerspiel auf der Großen Bühne in grauer Trübsal auf Grund gelaufen.

Der Text ist zuerst hier erschienen: http://kulturblog.e-politik.de

13:41 26.10.2015
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