„Idomeneus“

Theater-Rezension Der Abend von Roland Schimmelpfennig in der Regie von Jürgen Gosch ist ein fröhliches Klassentreffen und ein intelligentes Spiel mit dem Mythos.
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Die Premiere von „Idomeneus“ am Deutschen Theater Berlin war im April 2009 von der schweren Erkrankung des Regisseurs Jürgen Gosch überschattet. Die Kritiken rückten damals den Schlussmonolog von Alexander Khuon („ich hänge am Leben“) und die Tränen angesichts von „Grauen“ und „Schmerz“ in den Mittelpunkt und setzten ihn mit dem persönlichen Schicksal des Regisseurs in Beziehung. Gosch wurde bei seiner letzten Premiere zum Schlussapplaus im Rollstuhl auf die Bühne geschoben und erlag nur wenige Wochen später seinem Krebsleiden.

Im Herbst 2015, mehr als 6 Jahre später, haben sich die Vorzeichen grundlegend geändert: „Idomeneus“ steht ab und zu weiterhin als eine der letzten Übernahmen aus der Willms-Ära, bevor Ulrich Khuon und sein Team vom Hamburger Thalia-Theater die Intendanz am DT übernahmen, auf dem Spielplan. Das Ensemble ist mittlerweile in alle Himmelsrichtungen verstreut. Margit Bendokat, Meike Droste, Alexander Khuon und Bernd Stempel gehören immer noch zum Ensemble, andere wie Christian Grashof und Barbara Schnitzler sind mittlerweile nur noch selten zu sehen. Die dritte Gruppe ist längst an anderen Häusern engagiert (Niklas Kohrt, Katharina Schmalenberg, Valery Tscheplanowa, Kathrin Wehlisch) und kommen für dieses Stück an die alte Wirkungsstätte zurück.

So bekommt der Abend den Charakter eines fröhlichen Klassentreffens: Nicht nur in den ersten Minuten ist eine große Vertrautheit zu spüren, als die Körper ineinandergeknäuelt vor der weißen Wand hin und herwogen, sich sehr nah auf die Pelle rücken und dennoch ein erstaunlich konzentriertes chorisches Sprechen hinbekommen. Vor allem auch später ist dem Ensemble anzumerken, dass es sich über das Wiedersehen freut und gerne wieder mal zusammen auf der Bühne steht. Diese kleinen Gesten, hier ein Zwinkern, dort ein Zulächeln oder ein gemeinsames Schmunzeln, prägen den „Idomeneus“ sechs Jahre nach der Premiere.

Und das Stück selbst? Roland Schimmelpfennigs Vorlage, die er für Dieter Dorn schrieb, ist ein kurzweiliges, intelligentes Spiel mit dem Mythos: Wie aus Mozarts Oper bekannt, verspricht der König dem Meeresgott, ihm die erste Person zu opfern, die sie am Strand treffen, wenn er sie aus dem Unwetter rettet und heil nach Hause kommen lässt. Als dem Idomeneus ausgerechnet sein Sohn Idamante in die Arme läuft, entspinnt sich ein dramatischer Konflikt: Muss Idomeneus sein dem Gott gegebenes Versprechen halten und den eigenen Sohn opfern? Oder darf er sich darüber hinwegsetzen?

In flapsigem Ton und kurzen Szenen spielt das Ensemble mehrere Varianten durch, bis zum nächsten Cut: „So war´s nicht. So ist es nicht gewesen.“ – Der Mythos wird zur Spielwiese, auf der sich Assoziationen, Überschreibungen und Neuinterpretationen austoben.

Der Text ist zuerst hier erschienen: http://kulturblog.e-politik.de

13:39 26.10.2015
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