"Macht und Widerstand" auf der Bühne

Theater-Kritik Schauspiel Hannover und Deutsches Theater Berlin bringen Ilja Trojanows großartigen Roman über das postsozialistische Bulgarien auf die Bühne.
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Der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek ist für seine sperrigen, oft recht spröden Adaptionen bekannt. Dass ihm die „Macht und Widerstand“-Inszenierung wesentlich besser gelang als Kafkas „Amerika“, mit dem er vor einer Woche an selber Stelle langweilte, hat eine ganze Reihe von Gründen:

Erstens hat Trojanow seinen Roman sehr szenisch angelegt. In schnellen Schnitten, die sich auch sehr gut für eine Verfilmung eignen würden, wechselt er zwischen den Perspektiven der beiden Hauptfiguren hin und her. Das Buch führt den Leser furios durch die Umbruchzeiten und ist gespickt mit lebendigen Dialogen, teilweise sogar regelrechten Streitgesprächen wie im klassischen Drama. Das ist ein Vergnügen beim Lesen und gibt auch dem Abend einen bei Pařízek bisher ungewohnten Drive.

Zweitens kann diese Inszenierung mit einem beliebten Star punkten: Samuel Finzi, der sich in den vergangenen Jahren mehr auf Fernsehauftritte konzentrierte, darf einige Register seines Könnens ziehen. Er spielt den Konstantin als wütenden alten Mann, der nach zehnjähriger Haft vergeblich die an ihren Sesseln klebenden Eliten zur Rechenschaft ziehen will. Er variiert zwischen lauten Wutausbrüchen und stillen Rückblicken auf die Verhöre und Demütigungen. Zwischendurch unterhält er mit Klaviersoli und pantomimischen Slapstick-Einlagen. Als Sahnehäubchen bekommt er Szenenapplaus für seine kurzen Auftritte als exzentrische Gattin von Metodi.

Drittens passt Pařízeks Lieblingsstilmittel, die an die Wand projizierten Overhead-Folien, diesmal sehr gut. Auch der Roman wird an vielen Stellen von kurzen Ausschnitten aus den Akten des bulgarischen Pendants zur Stasi-Unterlagenbehörde unterbrochen. Anfangs muss Konstantin um jeden Schnipsel kämpfen. Nach einigen Interventionen wird er derart mit Akten-Müll zugeschüttet, dass er daraus kaum noch wertvolle Informationen destillieren kann. In dieser Szene wird die ansonsten kahle Bühne mit den Overhead-Projektionen der Akten regelrecht zutapeziert.

Ausführlichere Kritik

00:23 04.10.2017
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