"Oratorium" von She She Pop

Performance Das Kollektiv She She Pop wandelt diesmal auf den Spuren Brechts. In ihrer neuen Stückentwicklung wollen sie mit dem Publikum über Besitzverhältnisse sprechen.
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Der Einstieg ins Thema ist klassisches Mitmachtheater: die Bühne bleibt leer, auf die Rückwand werden Satzfetzen oder auch mal ganze Monologe projiziert, die Teile des Publikums oder das Plenum vom Teleprompter ablesen sollen.

Im Lauf des Abends schält sich die Gruppe der Performerinnen und Performer aus der Masse und bildet einen Gegen-Chor auf der Bühne. In einem Ping-Pong-Spiel entwickelt sich ein charmanter, vom Teleprompter abgelesener Dialog, der zwar keine Freiräume für Improvisation oder Überraschungen lässt, aber durchaus unterhaltsam ist.

Am stärksten ist der Abend, wenn er im Stil des guten, alten, politisch engagierten Dokumentartheaters die „Fabel der entmieteten Frau“ erzählt. Von kurzen Einschüben unterbrochen, kehrt die Performance immer wieder zum prototypischen Fall einer Schriftstellerin im Prenzlauer Berg zurück. Annett Gröschner hat ihre Erfahrungen mit der Sanierung, den „Abgeschlossenheitsbescheinigungen“, und dem „80er-Jahre-Klischee eines Maklers mit Goldkettchen und zu viel Rasierwasser“ bereits 2015 in der Berliner Zeitung reflektiert. Nun bilden sie den Kern dieses Abends, der über die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen, über die Generation der Erben, Altersarmut und Gentrifizierung nachdenkt.

She She Pop und ihre Gäste haben diese brennenden Themen, die Berliner Bezirke grundlegend verändert haben, mit feiner Selbstironie und hübschem Unterhaltungswert verpackt. Annett Gröschners Mahnung, dass Oma Anni, die manche Wahlkampfplakate der Linken zierte, „bei einer weitblickenden linken Politik, für die die rot-rote Regierung neun Jahre Zeit hatte, gar nicht in diese Situation gekommen“ wäre, fehlte an diesem Abend jedoch. „Statt Genossenschaften zu fördern, wurden Abrissgenehmigungen für Plattenbauwohnungen erteilt und kommunaler Wohnungsbestand an Heuschrecken verkauft“, kritisierte Gröschner 2015 in ihrem Artikel. Kultursenator Klaus Lederer blieben diese unbequemen Wahrheiten erspart. Er durfte mit dem Rest des Publikums einen unterhaltsamen Theaterbesuch genießen, der zwar bekannte Missstände ansprach, dabei aber so harmlos blieb, dass er auch von amtierenden Senatsmitgliedern lächelnd konsumiert werden konnte.

Ausführlichere Kritik mit Bild

15:42 11.02.2018
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