"Rückkehr nach Reims" mit Nina Hoss

Theater-Kritik Thomas Ostermeier und Nina Hoss machten sich am Wahlabend an der Schaubühne Gedanken zum Zustand der Linken.
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Angenehm unprätentiös beginnt dieser Abend: Mit einem Glas Wasser und ihrem Manuskript sitzt Nina Hoss an einem schmucklosen Tisch und liest eine komprimierte Fassung von Didier Eribons autobiographischem, soziologischem Essay „Rückkehr nach Reims“, das 2009 in Frankreich erschien und als deutsche Übersetzung (Suhrkamp) im vergangenen Jahr zu einem der meistdiskutierten Bücher wurde.

Leise, aber eindringlich und konzentriert arbeitet sie sich durch den Text. Im Hintergrund flimmern Videoaufnahmen über die große Leinwand: der Autor Didier Eribon wurde von Sébastien Dupouey und Regisseur Thomas Ostermeier dabei gefilmt, wie er mit dem Zug aus Paris in seine Geburtsstadt Reims fuhr, mit seiner Mutter in Fotoalben blätterte, durch den tristen Vorort spazierte und an der Fabrik vorbeiging, in der sein verstorbener Vater jahrzehntelang schuftete.

Nachdenkliche Stimmung macht sich im Globe der Schaubühne breit. Angesichts des vieldiskutierten Stoffs und der prominenten Besetzung hätte man locker auch einen der beiden größeren Säle ausverkauft bekommen, aber der intime Rahmen passt sehr gut zu diesem Projekt über die Forschungsreise eines französischen Intellektuellen zu seinen Wurzeln. Auf knapp 230 Seiten reflektiert Eribon in „Rückkehr nach Reims“ über seine Entfremdung von seiner Arbeiterfamilie: als Erster besuchte er das Gymnasium, eröffnete sich neue Horizonte in Philosophie, Literatur und Kunst und emanzipierte sich als Schwuler in Paris. Den Kontakt zum homophoben Vater und Bruder brach er ab. In seinem mit Zitaten und Fußnoten von Bourdieu, Foucault, Sartre und vielen anderen, weniger bekannten Denkern geht er der Frage nach, welchen Preis er für den Aufstieg zahlte, welche Alternativen es zur Entfremdung von seiner Familie gegeben hätte und warum die kommunistischen Stammwähler der 60er und 70er Jahre plötzlich in Scharen zu Le Pens Front National überlaufen.

Nina Hoss liest lange Passagen. Als die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums langsam nachlässt, bekommt es zwei Bonbons angeboten: auf der Videowand werden das Chanson „Tous les garçons et les filles“ von Françoise Hardy und eine Szene aus Jean Cocteaus Film „La Belle et la Bête“ mit Hauptdarsteller Jean Marais. Beide Motive erwähnte Eribon in seinem Essay als Etappen seines Coming-outs.

Nach einer Stunde muss Ostermeier das Gefühl beschlichen haben, dass er dem Publikum nun noch mehr bieten muss als die Lesung mit Video-Begleitung. Der Vortrag von Schauspielerin Katrin (Nina Hoss) wird von einer leider recht banalen Rahmenhandlung unterbrochen. Filmregisseur Paul (Hans-Joachim Wagner) und Aufnahmeleiter Toni (Renato Schuch) mischen sich ein. Das ist streckenweise noch intelligent gemacht, z.B. als sich Hoss und Wagner über eine Passage von Eribon streiten, in der er – mit Exkursen zu Bourdieu – über die Frage nachdenkt, ob hohe Schulabbrecherquoten in sozial schwächeren Schichten als strukturelle Gewalt und Teil eines Bürgerkriegs in den Banlieues zu interpretieren sind. Leider verzetteln sie sich dabei etwas zu sehr in Assoziationen zum von Eribon aufgeworfenen Stichwort „Verschwörungstheorien“. Renato Schuch bekommt für Rap-Einlagen verdienten Szenenapplaus. Aber die Reibereien des Trios werden in diesem schwachen Mittelteil zu sehr ausgewalzt und mit eher faden Gags garniert.

Als das Trio endlich wieder zur Arbeit zurückkehrt und seinen Eribon-Film abschließt, gelingt Dupouey eine Videocollage, die den Text klug kommentiert. Während Hoss über den schwindenden Einfluss der Linken und die lähmende Ohnmacht angesichts neoliberaler und rechtspopulistischer Diskurse spricht, werden oben auf der Leinwand Bilder von der Euphorie um François Mitterrands triumphalen Wahlsieg von 1981 mit ernüchternden Aufnahmen von Schröder, Blair und Hollande kontrastiert. In Erinnerung bleibt vor allem der Mitschnitt einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Begegnung des glücklosen damaligen Labour-Premiers Gordon Brown mit einer enttäuschten, langjährigen Genossin von der Basis.

Nach dem letzten Cut schauen sich Hauptdarstellerin und Filmregisseur fragend an: Haben sie ihre Ziele erreicht? Reicht so ein Film überhaupt als Statement aus? Oder sollte man nicht noch viel klarer Haltung beziehen? Drängende Fragen an diesem Wahlabend, an dem die beiden großen Volksparteien der Bonner Republik auf historische Tiefstände abstürzen und Rechtspopulisten in den Reichstag einziehen. Bewusst hat Intendant Ostermeier diesen Termin für die Berlin-Premiere gewählt, die Uraufführung fand schon im Juli beim koproduzierenden Manchester Festival statt.

Der Abend nimmt in der letzten Viertelstunde noch mal Fahrt auf: Nina Hoss taucht in Erinnerungen an ihren Vater Willi ein, der als kommunistischer Aktivist an Hochschulen Marx-Kurse gab, der IG Metall als Betriebsrat bei Daimler das Wasser abgrub, die Grünen mitgründete und sich um indigene Stämme am Amazonas einsetzte.

Mit einem Foto dieses Engagements endet der Abend. Nina Hoss erwähnte nicht mehr, dass ihr Vater 2001 aus Protest gegen das Ja zum Afghanistan-Einsatz der Regierung Schröder/Fischer aus seiner Partei austrat. Was würde er, wenn er noch leben würde, wohl dazu sagen, dass in seiner Stuttgarter Heimat sein alter Weggefährte Winfried Kretschmann einer Grün-Schwarzen Landesregierung vorsteht und in Berlin nun ernsthaft über eine Jamaika-Koalition mit Union und FDP verhandelt wird?

Die komplette Kritik ist mit Bildern hier erschienen

00:44 25.09.2017
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