Zeiten des Aufruhrs

Theater-Premierenkritik Das Deutsche Theater Berlin adaptiert einen Roman über die Enge und die starren Konventionen in einem US-Vorort 1955.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Christoph Franken muss sich ständig den Text vorsagen lassen. Maren Eggert scheint völlig neben sich zu stehen. Alexander Khuon traute sich gar nicht auf die Bühne, sondern versteckte sich im Publikum. Nach wenigen Minuten senkt sich der Vorhang am Deutschen Theater Berlin am Premierenabend von „Zeiten des Aufruhrs“ schon wieder.

Dieser irritierende Auftakt ist von Regisseurin Jette Steckel und ihrer Dramaturgin Annika Steinhoff klug gewählt. Mit einem völlig verunglückten Theaterabend beginnt auch der Roman, den sie sich vorgenommen haben: Eine Laienspielgruppe, die „Laurel Players“, möchte der amerikanischen Vorstadt-Tristesse etwas kulturelles Leben einhauchen, scheitert aber schon bei der Premiere kläglich. April Wheeler, Hauptdarstellerin des Abends und ehemalige Schauspielstudentin, und ihr Mann Frank leiden schwer darunter. So beginnt der Roman „Revolutionary Road“ (Titel der deutschen Ausgabe: „Zeiten des Aufruhrs“ von Richard Yates aus dem Jahr 1961, der erst durch die hervorragende Verfilmung von Sam Mendes mit dem „Titanic“-Traumpaar Kate Winslet/Leonardo diCaprio von 2008 die verdiente Aufmerksamkeit bekam.

Die Spielfassung, die sie mit ihrer Dramaturgin aus der Roman-Vorlage entwickelte, greift zu einem interessanten Kniff: die gut ausgebildeten Staatstheater-Schauspieler, die eine Laienschar mimen, dilettieren sich hier nicht durch das krude, fiktive Stück „Versteinerter Wald“, sondern nehmen das tödliche Ende des Romans vorweg. Scheinbar scheint die Welt nach einem heftigen Streit beim Frühstück des Ehepaars Wheeler wieder in Ordnung, aber in Abwesenheit von Frank leitet April mit einer riskanten Spätabtreibung eine Fehlgeburt ein, die tödlich endet. In ihrem Abschiedsbrief hat sie dies bereits einkalkuliert.

Als sich der Vorhang wieder hebt, springt der Abend zurück an den Anfang der Romanhandlung. In kurzen Szenen entfaltet sich das Drama der Familie Wheeler, die auf ihre Nachbarn herabschauen und aus dem spießigen Alltagstrott der 1950er Jahre ausbrechen möchten. Die Drehbühne wird von überdimensionalen Groß-Buchstaben dominiert, die sich häufig neu zu sortieren, mal „SET“, mal „SHOW“ und oft auch Phantasiebegriffe formen. Nach Paris auszuwandern, wird für das Paar zur fixen Idee, an die sich klammern. Dass April (Maren Eggert) dort das Geld verdienen und Frank (Alexander Khuon) als Privatier zu sich selbst finden soll, sorgt bei ihren Nachbarn für Stirnrunzeln und Nachfragen. Nur Psychiatrie-Patient John (Ole Lagerpusch) hat für diesen Ausbruch aus den Konventionen Verständnis, bohrt dann allerdings getreu dem Motto „Kinder und Narren sagen die Wahrheit“ in einer Konfrontationum so tiefer in den Wunden des Paares, als sie krachend scheitern.

Bis zur Pause schleppt sich der wieder einmal furchtbar verqualmte Theaterabend begleitet von chilliger Jazz-Live-Musik des Trios Olaf Casimir, Bill Petry und Christian van der Goltz zäh dahin. Jette Steckels „Zeiten des Aufruhrs“ ist ein Lehrbeispiel dafür, woran Romanadaptionen häufig scheitern: das Handlungsgerüst des Romans wird bis auf das Skelett abgenagt. Nur die oft recht banalen Dialoge bleiben übrig. Fast alles, was den Roman lesenswert macht und die Charaktere lebendig werden lässt, nämlich die Reflexionen der Figuren und die kommentierenden Anmerkungen des Erzählers fällt in der Bühnenfassung zum Opfer.

Erst die letzte der drei Stunden von „Zeiten des Aufruhrs“ löst dies besser: die Hektik der Drehbühne weicht größerer Ruhe. Der Abend konzentriert sich stärker auf die Konfrontation der beiden Hauptdarsteller*innen: April und Frank erhalten mehr Konturen, Streitgespräche werden nicht mehr nur behauptet, sondern tatsächlich geführt.

Leider wird an dem Abend auch zu wenig deutlich, was Jette Steckel an dem Roman-Stoff interessierte. Das Programmheft bietet mit dem Essay „Die unheilvolle Ordnung der Geschlechter“ eine präzise Analyse des Verhaltens von April und Frank, die beide mit den Geschlechterkonventionen ringen: Sarah Speck arbeitet heraus, wie sich Frank in die Selbstillusion flüchtet. Seine Feier klassischer Männlichkeitsvorstellungen kann Ratlosigkeit und Feigheit kaum kaschieren. Mit perfiden Strategien, bei denen er sogar soweit geht, seiner Frau eine psychische Störung einzureden und ihr eine Therapie nahezulegen, setzt er durch, dass sie das Kind zunächst nicht abtreibt.

Während des Theaterabends, der die Stationen des Romans zu brav abklappert, kommen diese wichtigen Themen und Bezüge zu kurz. Eine mutigere Strichfassung hätte „Zeiten des Aufruhrs“ gut getan.

Die Kritik ist mit Bildern zuerst hier erschienen.

02:24 01.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kultur_Blog_

Aktuelle Rezensionen zu Kino, Theater, Oper, Kabarett, Tanz, Literatur
Kultur_Blog_

Kommentare