68. Berlinale "Isle of dogs"

Eine Prise Genozid... Wes Anderson zeigt die genaue Arbeitsweise für die Herausbildung einer faschistischen Diktatur
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Dieser Sex in der Stimme, diese Dialoge! Der Preis für das coolste Liebespaar geht an eine streunende Promenadenmischung (Bryan Cranston) und eine Showhündin, gesprochen von Scarlett Johansson. Ihren Auftritt haben die beiden bei Wes Andersons Adaption der Balkonszene aus Romeo und Julia: zwei computeranimierte Hunde im Mondschein, die auf einer verseuchten Insel ums Überleben kämpfen und sich dennoch stark voneinander angezogen fühlen...

In gewohnt anmutiger Verspieltheit, mit der üblichen Liebe zum kleinsten Detail, erzählt der neue Film von Wes Anderson, der die 68. Berlinale eröffnete, von einem machthungrigen, hundehassenden Imperator, der seinen Weg zur faschistischen Alleinherrschaft mit der Ausrottung der verhassten Spezies untermauern will. Mit dabei auch alle anderen bekannten Motive und Figuren aus dem "Anderson-Universum": verlassene, bedrohte Kinder, schwache Erwachsene, eine feindliche kalte Umwelt und diesmal "underdogs" im wahrsten Sinne des Wortes.

Ungefähr passiert folgendes: In einer japanisch anmutenden Stadt in naher Zukunft (oder auch nicht) sind auf einmal alle Hunde von einer schrecklichen, auch den Mensch bedrohenden, Seuche befallen. Deshalb werden sie auf Beschluß des Bürgermeisters (Achtung: Finsterling!) auf eine Insel vor der Stadt deportiert. Dort fristen sie ein Leben zwischen Giftmüll und schimmeligen Essensresten, verstoßen und vergessen von ihren, sie einst so liebevoll verwöhnenden, Herrchen (und Frauchen). Eines Tages taucht ein Flugzeug mit einem kleinen Jungen auf, der seinen Hund sucht. Es ist der adoptierte Neffe des schurkigen Bürgermeisters, sein Name ist Atari. Jetzt zu versuchen die weitere Story zu erzählen, all die überraschenden Wendungen, Rückblenden, Verwicklungen, Anspielungen auf möglich oder unmögliche Geschehnisse.... nur soviel, es geht- vermutlich- (wie immer? ) gut aus...

Seinen Reiz bezieht "Isle of dogs - Ataris Reise" aus dem Kontrast zwischen animierter erzählender Leichtigkeit und der Brutalität der Handlung, die auch bildlich und begrifflich bekannte Topoi zitiert: Euthanasie, Deportation, Giftgas, Opfer medizinischer Experimente, ausgemergelte Körper... und dazwischen slapstickartiger Humor, Dialoge, die an Ernst Lubitsch erinnern, kindliche Freude am Spiel. Wobei zu Filmbeginn darauf hingewiesen wird, dass jedes Bellen übersetzt wird während bei menschlichen Äußerungen es sich nicht immer lohne... was dann aber konkret sich so anhört, dass die Hunde englisch bellen während die meisten Menschen (große Ausnahme ist die amerikanische Austauschschülerin) etwas reden, das dem europäischen Ohr wie japanisch vorkommt. Das ist sehr amüsant (auch bei uns herrscht immer größte Heiterkeit wenn meine Söhne Akira Kurosawa Filme im "Original" nachspielen...) aber ich habe mich schon oft gefragt ob Japaner das eigentlich auch lustig finden...

Der Film lief am Freitag im Friedrichstadtpalast- Anstehen in schönstem Winter-Sonnen- Wetter, gut gelaunte, freundliche Menschen, genügend Karten - Alles in allem: ein angenehmer Auftakt.

22:22 18.02.2018
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Kulturwissenschaft

Immer wenn es regnet, freue ich mich. Aber wenn ich mich nicht freue, regnet es auch. Karl Valentin
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