Berlinale: "La maison de la radio"

ein franz. Dokfilm von Nicolas Philibert
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Für mich begann heute Mittag die 63. Berlinale.

Kurz nach 12 Uhr betrat ich das Cinemaxx und war erfreut zu sehen, daß bereits viele andere Zwangsneurotiker anwesend waren - die Plätze ganz außen mittig waren schon gut besetzt. Ich suchte mir auch einen, das Kino begann sich zu füllen, neben mir klang es nach "Smörebröd", hinter mir englisch/französisch.

Dann der Berlinale-Trailer (jedesmal möchte ich den Machern dankbar die Hände schütteln)

"La maison de la radio"

Es beginnt in einem Tonstudio, die ersten Meldungen des Tages werden vorgelesen, mehrere Sprecher und Meldungen verdichten sich zu einer grandiosen Kakophonie in der unverwechselbaren Klangmelodie der französischen Sprache. Die musikalische Untermalung und die einleitenden Bilder- das moderne Paris, Scharen von Angestellten betreten gut gelaunt das große Haus der Radio France - machen sofort klar, dies wird kein kritischer Film, das wird eine Huldigung an die staatliche Kulturpolitik, an das Radio, an die Hochkultur, an Frankreich.

Der Film huldigt nicht nur dem Medium, das für das Hören arbeitet, er ist auch aufgebaut wie ein Musikstück- mit einer Einleitung, verschiedenen Themen und Leitmotiven.

Wir sehen die aktuellen Tagesbespechungen ( mit Diskussionen in erstaunlich zahmen Stil), die Einübung von Musikstücken , die Erarbeitung von Hörspielen, Features, Diskussionsrunden, Sportreportagen (natürlich die "Tour de France"), Naturerkundungen, das tägliche Brot der Nachrichtensuche und Sortierung, Quizshows und die Nische für Kuriositäten und Hörerwünsche.

(Erst zum Schluß gerät es ein wenig "aus dem Takt", die publikumsnahe Seite; die Hörerwünsche und das Nachtprogramm geraten etwas zu lang- einige Zuschauer verlassen das Kino)

Wir sehen Frankreich, wie es sich auch gern sieht, modern, liberal, offen, weiß, mit vielen Frauen in wichtigen Positionen (die politische Redaktionsrunde ist allerdings ausschließlich männlich) und dieser hohen Affinität zur Hochkultur - natürlich spielt man Schubert ("Heidenröslein"!) und Brahms, plaudert mit Umberto Eco und der Chor übt Mahler (sehr amüsant wie der deutsche Chorleiter seinen Sängern die schweren deutschen Worte vorspricht) .

Wir sehen Menschen, Künstler, Kulturarbeiter, die Spaß an ihrer Arbeit haben und deren Arbeit Achtung verdient- sie alle sind vereint durch den Wunsch, etwas zu schaffen (eine schöne Szene zeigt, wie anfällig solches Arbeiten auch sein kann: Baulärm legt mehrere Produktionen lahm und die Nerven bei einigen Künstlern drohen blank zu liegen); Wir erleben Schauspieler, Schriftsteller, Künstler, Sänger im Dialog mit den Radioschaffenden oder mit ihren Schöpfungen (sehr beeindruckend: die Performance von Antonio Plater).

Die Dreharbeiten zu dem Film fanden in der Zeit des "Arabischen Frühlings" statt, viele Politsendungen und die Nachrichten beschäftigen sich daher damit und auch hier liefert der Film einen klaren Kommentar. Als in einem Kommentar von der ägyptischen Revolution und dem Wunsch nach Freiheit die Rede ist, fährt die Kamera auf eine Totale des Radio France Gebäudes : Frankreich- das Mutterland der Demokratie!

Erst zum Schluß und auch nicht explizit stellt sich im Film die eine wesentliche Frage - nämlich welche Bedeutung Radio (in dieser Form) heute noch hat. Sie stellt sich auch nur indirekt in der Diskussion um die Bedeutung, die Facebook für die arabischen Revolutionen hatte. Die Reaktion des Moderators ist sicherlich so eindeutig wie die des Films und des geneigten Zuschauers: nachdem die Korrespondentin aus Kairo noch einmal bestätigt hat, wie entscheidend Facebook für die Entwicklung im arabischen Raum war, zeigt er sofort ein Cut- Zeichen zur Technik.

Ja, es ist ein Flagschiff der alten Zeiten - zum Schluß wird noch einmal die "Odysee" gelesen - die wahre Kultur wird eben immer leben!

16:15 08.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kulturwissenschaft

Immer wenn es regnet, freue ich mich. Aber wenn ich mich nicht freue, regnet es auch. Karl Valentin
Schreiber 0 Leser 1
Kulturwissenschaft

Kommentare 2