Berlinale Wettbewerb: "El Club"

Kein Trost. Nirgends In einem kleinen Küstenort in Chile begeht ein Priester Selbstmord. Die "neue Kirche" schickt einen ihrer Vertreter zu Aufklärung. Doch wie neu sind dessen Ansichten ?
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Vor einem Jahr lief auf der Berlinale der irische Beitrag "Am Sonntag bist du tot" mit großem Erfolg beim Publikum. Das war nicht verwunderlich, zeigte er doch schöne irische Landschaft und erzählte von einem durch und durch sympathischen Helden. Dennoch bot der Film keine kauzige Dorfwelt, wie sie sonst gern bemüht wird, die Geschichte war tragisch. Selbst für Atheisten wurde spürbar, welche tiefen Erschütterungen die Skandale um den Mißbrauch von Kindern durch katholische Geistliche (warum man die Vergewaltigung eines Kindes allerdings immer beschönigend Mißbrauch nennt, konnte mir auch der Film nicht erklären) gerade in Irland ausgelöst haben.

Der chilenische Film "El Club" wird es beim Publikum sicherlich schwerer haben, denn seine Landschaften- selbst das Meer- sind in erster Linie grau, seine Orte häßlich und ein sympathischer Held ist weit und breit nicht in Sicht.

Und während in Irland sich der Priester opfert für das von ihm gelebte Glaubensbekenntnis und das für ihn damit verbundene Modell der Kirche, läßt der chilenische Beitrag keinen Trost im Glauben mehr zu.

Ein trister Küstenort irgendwo in Chile- eine Gruppe alter Männer unter der Obhut einer Frau verbringt die Tage gemächlich mit dem Trainieren eines Windhundes, Gartenarbeit, Fernsehen... Es stellt sich heraus, dass es Priester sind und eine Nonne- dennoch ist das Haus kein Kloster. Mit der Ankunft eines neuen Mitbewohners steht auch ein verwahrlost wirkender junger Mann vor dem Haus, der diesen lauthals und detailliert der Vergewaltigung von Kindern u.a. sich selbst bezichtigt. Die kleine Gruppe hat Angst und übergibt dem Neuen einen Revolver damit er den Mann verscheucht. Doch der Priester erschießt damit sich selbst. Bei der Befragung durch die Polizei sagt keiner der Hausbewohner wie es wirklich war.

Ein Vertreter der Kirche wird zur Aufklärung des Vorfalls gesandt. Es ist ein schöner junger Mann, er ist modisch gekleidet, hat Psychologie studiert- äußerlich wirkt er wie der völlige Gegensatz zu den Hausbewohnern. In den Gesprächen mit ihm kommen die Verfehlungen der Einzelnen zur Sprache und offenbaren damit eine Art "Schwarzbuch der lateinamerikanischen Kirche". Denn es geht um Kindesmißbrauch ebenso wie um Babyhandel und um die Verstrickung der katholischen Kirche in die jeweiligen Militärdiktaturen.

Und es geht um etwas, das dem Prinzip des geistlichen Standes fundamental entgegen steht- es geht um persönliche Schuld. Was sich in den Gesprächen in diesem Haus offenbart ist der Aufstand des Individuums. Jeder dieser "Berufenen", dazu bestimmt, das Leid der anderen auf sich zu nehmen, ihnen zu vergeben, sie zu leiten und zu stützen, hat eine eigene Lebensgeschichte voll Angst und Schmerz- und hat in seinem Glauben und seiner damit verbundenen Aufgabe keinen Frieden damit gefunden.

Im Gegenteil: es scheint, dadurch, dass sie daran gehindert wurden als Individuum zu handeln und auch (zivilrechtlich) bestraft zu werden, bleibt ihnen eine Möglichkeit auf irgendeine Art von Frieden auf immer verwehrt.

Der sehr sehenswerte Film "El Club" vermag, die Tristesse dennoch in klug komponierten, symbolischen Bildern zu erzählen. Nicht ohne Ironie läßt er Raum für die Wut und die Angst und die Trauer seiner Figuren.

Hoffnung gibt er keine: Es wird keine Aufarbeitung, keine Auseinandersetzung geben. Die "neue" Kirche in Gestalt des schönen Psychologen verläßt das Haus am Meer, in dem sie die Opfer und die Täter (und die Mitwisser) sich selbst überläßt.

14:40 10.02.2015
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Geschrieben von

Kulturwissenschaft

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