Berlinale Wettbewerb: "Elser"

Der gute Terrorist Wie bleibt man menschlich in unmenschlichen Zeiten? Der Film "Elser" erschreckt durch aktuelle und sehr bekannte Bilder Aufwühlend: "Die Widerständigen" (Panorama)
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Was ist ein Terrorist? Jemand, der eine Bombe legt.

"Elser" (Regie: Oliver Hirschbiegel) Der Zuschauer wird gleich mit dem Vorspann zum Mitwisser- er ist hautnah dabei als die Bombe in einen Pfeiler geschoben und der Zündmechanismus eingestellt wird. Und obwohl man danach vor allem das nächtliche München sieht, gelingt es dem Film auf einmal die ganze Dimension dieses unscheinbar wirkenden Mechanismus erahnen zu lassen. Dieser Moment, in dem schrecklich bewußt wird, wie es hätte sein können. Die Frage: Was wäre gewesen wenn die Bombe früher explodiert wäre? Sind es tatsächlich 13 Minuten, die über das Leben von Millionen Menschen entschieden haben?

(Der historische Hintergrund: Am 8.11.1939 explodierte um 21.20 Uhr im Bürgerbräukeller in München bei einer Gedenkfeier eine Bombe. Der Führer, dem das Attentat galt, hatte die Feier früher verlassen, da sein Flug wegen Nebel ausfiel und er mit dem Sonderzug fahren mußte. )

Das Attentat mißlingt. 8 Menschen sterben. Adolf Hitler aber lebt und Georg Elser, der Mann der die Bombe gelegt hat, wird verhaftet. "Was gibt Ihnen das Recht, das Blut unschuldiger Menschen zu vergießen? Was haben ihnen diese Menschen getan?" So fragen die Nazis. Und natürlich kann es sich keiner dieser exponierten Vertreter der "Volksgemeinschaft" vorstellen, das jemand allein, dass ein Individuum aus moralischen Beweggründen heraus, gehandelt hat.

Die Geschichte dieses Individuums, eines wie er sich selbst nennt "unpolitischen Menschen", der auch schon mal als Pazifist beschimpft wird, erzählt das herausragende Drehbuch von Fred Breinersdorfer in langen Rückblenden. Der Film läßt sich viel Zeit, von Georg Elser zu erzählen, von seiner Lebens- und Liebeslust, seinen Hoffnungen- seiner Herkunft. Das mag an manchen Stellen plakativ erscheinen. Die kleine Dorfgemeinschaft, in der die politischen Ereignisse wie unter einem Brennglas im Kleinen funktionieren- die Nazis, der Wirt, der die Wilderer (die Kommunisten) endlich erwischen will und der dann der SA- Chef im Ort wird. Die "Gewinnler" die einfach nur Modernität (Kino!) und eine bessere Straße wollen, die verhärmten, hart arbeitenden Frauen, die bei ihren versoffenen Männern bleiben und die jungen Frauen, die die Freiheit suchen und dennoch ihre Kinder ernähren müssen. Wie gesagt, dass kann man als plakativ abtun, aber so werden viele Dörfer zu der Zeit "funktioniert" haben und dank der hervorragend agierenden Schauspieler (Christian Friedel!) entsteht eine große Lebendigkeit und Emotionalität. (Allerdings sehe ich auch kein TV, bin also auch nicht "überfüttert" mit Stoffen wie "Unsere Mütter, Väter... Dörfer" etc.)

Dass der Film kein politischer Heimatfilm bleibt, liegt an dem harten Kontrast zwischen den ruhig erzählten Dorfgeschichten, dem langsam sich erst bildenden und dann umso unausweichlicher erscheinenden Entschluß Elsers, "etwas" zu tun und den brutalen Verhörszenen.

Die Folter-und Verhörszenen erinnern an amerikanische Filme, z.B. den oscarprämierten "Zero Dark Thirty". Keine sadistischen Untiere sind hier am Werk sondern pragmatisch "arbeitende" Folterer. Niemand hat Spaß dabei, aber einer muß den Job ja machen. (Bis hin zur Schreibkraft, die den Raum verlassen darf, wenn es zu blutig wird und auf dem Gang- die Schreie ignorierend- ein Buch liest.) Schließlich ist Elser für die Staatspolizisten ein Terrorist. So kann man "Elser" auch sehen als Kommentar zur aktuellen alltäglichen Gewalt mit der die Freiheit und Demokratie verteidigt wird- (und sich selbst noch einmal fragen wie weit man sich daran schon gewöhnt hat.)

Meine Befürchtung, nach dem "Untergang" (Regie ebenfalls Hirschbiegel) wieder auf gutaussehende tapfere deutsche Offiziere zu treffen, erwies sich glücklicherweise als unbegründet. Johann von Bülow und Burghart Klaußner spielen die beiden Offiziere, die Elser verhören, überzeugend und zeigen (ähnlich Niels Arestrup in Schlöndorffs erfreulichem "Diplomatie") deren ganze Dummheit, Feigheit und Brutalität.

Und ganz wichtig: indem er den Tod eines der beiden Verhörenden durch den Strang nach dem 20. Juli dramaturgisch miteinbaut, zeigt er noch einmal den sehr breiten moralischen Graben, der diese Attentäter von jemandem wie Georg Elser trennt.

Muß man noch einmal einen Film über diese Zeit sehen? Ich denke ja, die Frage nach der persönlichen Verantwortung ist eine Frage, die sich immer stellen wird, in jeder Diktatur und (was gern vergessen wird) in jeder Demokratie umso mehr.

Georg Elsers Schicksal war sehr lange unbekannt. Als Einzelgänger hatte er keine Lobby und natürlich entsprach seine Geschichte auch nicht dem "man konnte ja nichts tun"- Geschichtsbild. ( 1989 hatte sich Klaus Maria Brandauer an einen Film über ihn gewagt. "Georg Elser- Einer aus Deutschland")

Auch die Protagonisten des ebenfalls sehr berührenden Dokumentarfilms "Die Widerständigen" sind in der Geschichtsschreibung nicht groß als Helden eingegangen. Es handelt sich um eine "Gruppe" (keine Gruppe im organisierten Sinne, das wird sehr oft betont im Film) junger Studenten, die nach dem Tod von Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst weiter Flugblätter verteilt haben.

Die ungeheure Wirkung, die der Film hat, kommt aus der seltsamen Ruhe, mit der diese jetzt alten Menschen über die Zeit und ihre Taten erzählen. Man spürt auch heute noch ihre Verwunderung, dass etwas, dass ihnen damals angebracht und richtig erschien, eine solche Reaktion ausgelöst hat. (Sie alle wurden verhaftet und einige auch hingerichtet. )

Ich war beeindruckt von ihrem Mut und ihrer Freundlichkeit und ich bin sehr dankbar (der Film sowie alle Interviews sind das Lebenswerk der deutschen Regisseurin Katrin Seybold), dass ich sie "kennenlernen" durfte.

12:47 19.02.2015
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