Berlinale Wettbewerb: "Smrt u Sarajevo"

Erneut ein Bärenfavorit "Tod in Sarajevo" - verhandelt alle wichtigen Themen unserer Zeit an einem Tag an einem Ort- In einem Hotel mit dem schönen Namen "Europa"
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Allegorien können anstrengend und nervig, weil besserwisserisch, sein. Sie können aber auch einfach Spaß machen- Natürlich ist es nicht besonders subtil, über Europa in einem Hotel mit dem bezeichnenden Namen "Europa" zu erzählen - Wenn sich der Sache aber ein Regisseur wie Danis Tanovic´annimmt, dann macht der Gang durch dieses Hotel mit seinen symbolisch aufgeladenen Etagen mehr als Spaß. Dann ist es ein nachhhaltig berührendes Erlebnis.

Wie schon in seinem Berlinalebeitrag " Episode aus dem Leben eines Schrottsammlers" versteht es der Regisseur in großer Ernsthaftigkeit und dennoch mit leichter Stimme und in zarten schönen Bildern zu erzählen:

Sarajevo: Es ist der 28. Juni 2014- der 100. Jahrestages des Attentates, das nach der Geschichtsschreibung als Auslöser für den 1. Weltkrieg- die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts- gilt.

Eins symbolisch aufgeladenes Datum und das "Hotel Europa" mittendrin: Festakte müssen vorbereitet werden, Gäste sind zu empfangen, Reden, Gesänge werden geübt, Tischdecken überprüft...

In luftiger Höhe, über den Dächern von Sarajevo, diskutiert eine Journalistin mit verschiedenen Gästen über eine Bewertung des Attentats und vor allem des Attentäters- Ist er ein irregeleiteter Junge? Oder ein serbischer Freiheitsheld - wie sein Namensvetter im Interview meint-? ... Und schon ist man bei der jüngeren Vergangenheit und beginnt, Massaker gegeneinander aufzurechnen...

In den unteren Etagen tobt der Klassenkampf. Der Chef hat seine Angestellten seit 2 Monaten nicht bezahlt- die wollen streiken- seine Empfangschefin versucht zwischen den Etagen zu vermitteln...

Und ganz u nten im Keller- vermutlich nicht ganz legal- ist die Welt des Glücksspiels und der käuflichen Liebe...

Davon völlig unberührt- in der verdunkelten Präsidentensuite probt ein Franzose seine große Rede- redet sich in Rage über die Verbrechen des 20. Jahrhunderts, aber vor allem über das schmähliche Versagen der Grande Nation- des alten,( weißen), aufklärerischen Europas ...

Der große französische Schauspieler Jaques Weber spielt hier ein wenig sich selbst- ein wenig die Parodie auf den Typ des europäischen Politikers und Intellektuellen, vor allem aber (die vielen Hinweise auf das weiße- weit offene Hemd lassen dies vermuten) eine leise Parodie des Mannes, dessen Text er da spricht. Den großen französischen Philosoph mit den wallenden Haaren und den offenen Hemden, dessen Namen man unbedingt mit diesem weichen französischen Akzent aussprechen sollte: "be asch el".

Die Legende erzählt, dass besagter BHL (Bernard H. Levy) 1992 zu Beginn des Krieges mit einem gemieteten Renault und seinem Freund Gilles Hertzog nach Sarajevo fuhr, dort unter Beschuß geriet und im Präsidentenpalast Schutz und die Bekanntschaft des damaligen Präsidenten fand. Er entdeckte die Tragik und die Symbolik dieses Ortes und machte es zu seinem Thema: Es gab wohl im europäischen intellektuellen Diskurs niemanden, der so vehemt und leidenschaftlich für eine humanitäre und militärische Intervention in Bosnien ( so wie jetzt im übrigen für eine Intervention in der Ukraine) gestritten hat wie Levy. Die Wut über das Versagen "Europas"- am offenkundigsten im Nicht- Verhindern des Massakers von Srebrenica- ist immer noch spürbar (ebenso wie die Freude über die damit verbundene mediale Aufmerksamkeit gegenüber seiner Person- aber welche Regel besagt, dass ein eitler Sack nicht auch recht haben kann?) und wurde von ihm niedergeschrieben im Theaterstück "Hotel Europa", dessen Aufführung (gespielt von J. Weber) er 2014 Sarajevo quasi schenkte. Nun, Tanovic hat - so scheint es- seine eigene Einschätzung der Bedeutung, in dem er nämlich die Figur von Jaques Weber konsequent am eigentlichen Geschehen vorbei schwadronieren läßt (nicht einmal den tödlichen Schuß, der wiederum nur zu seiner Sicherheit abgefeuert wird, bekommt er mit) - und ihn unbehelligt dorthin schickt, wo seine Reden gut aufgehoben sind- ins Theater. Währenddessen bricht im "Hotel Europa" alles zusammen...

Wieder einmal ist es Danis Tanovic´ gelungen, einen Film über existentielle Fragen- über Tod, Heimat, Geschichte ... auf eine besondere, leichte Art zu erzählen, in anmutig schönen Bildern, die aber die Realität nie verleugnen.

P.S. Wer noch mehr von diesem herausragenden Regisseur sehen möchte, dem sei "LÈnfer" , "Die Hölle" (nach einem Drehbuch von K. Kieslowski) empfohlen.

15:49 18.02.2016
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Geschrieben von

Kulturwissenschaft

Was die Sieger übersehen haben, its daß es bei der Gedankenfreiheit vor allem um den Kampf gegen die Dummheit geht, aber da es bei den Siegern derart viele Dumme gibt...
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