Berlinale Wettbewerb:"Vergine giurata"

Ich bin anders Italien und die weibliche Freiheit - "Bist du ein Mann oder eine verkleidete Lesbe?" Das Schwimmbad als Ort der Geschlechterdiskurse
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Ein sehr schöner Film. Mein persönlicher Lieblingsfilm der Berlinale dieses Jahr. Auch wenn das vielleicht beim reinen Nacherzählen der Handlung schwer verständlich scheint: Eine Frau, die als Mann in den Bergen Albaniens lebt, fährt zu ihrer Schwester nach Italien in die Stadt und hat dort Sex mit dem Bademeister.

Damit wird man dem Film natürlich nicht gerecht- und dennoch so viel mehr gibt es nicht an Handlung. Erzählt wird aber viel mehr: in Rückblenden, auch einfach in den Gesichtern der Schauspieler und den kurzen Dialogen- und besonders in den sehr schönen, oft auch ironisch eingesetzten, Bildern.

Es ist die Geschichte eines Mädchens, das eine Einsamkeit umgibt, von Anfang an. Ihre Eltern sind in den Bergen ungekommen, vermutlich erschossen. Zumindest wirkt das Leben in dieser beeindruckenden, aber unwirtlichen Berglandschaft, sehr gewalttätig. Eine Familie nimmt sie auf- sie wird Tochter, Schwester, lebt in dieser Familie innerhalb der festen Regeln der Dorfgemeinschaft. Von Anfang an will sie sich den Regeln aber nicht beugen- sie will frei sein. Für eine Frau unmöglich- Frauen müssen in den Bergen hart arbeiten und sind ansonsten rechtlos.

Zur Freiheit gibt es nur zwei Wege. Flucht- diesen Weg wählt ihre Schwester. Oder durch ein Leben als Mann - Hana schwört, ein Leben zu führen in Keuschheit als Mann, schneidet sich die Haare ab und bekommt einen Dolch.

Doch eine Frau, die frei sein will, will eben nicht automatisch ein Mann sein. Nach Jahren geht sie zu ihrer Schwester nach Italien und wird dort mit einem anderen Modell Weiblichkeit konfrontiert, das aber nicht weniger dominierend ist. Bei einem Nichtfügen droht auch hier: Ausschluß aus der Gemeinschaft (wenn auch nur durch Ächtung nicht durch Mord wie es in den albanischen Bergen wohl möglich ist).

Bilder im Schwimmbad, in das Hana ihre Nichte, eine Synchronschwimmerin, oft begleitet, laden ein zu Betrachtungen über Körperlichkeit und geschlechtliche Identität auf eine sehr amüsante und doch nachdenkliche Weise. Die Fragilität der Freiheit ist das Thema dieses leisen eindringlichen Films mit seinen wundervollen Schauspielern- ebenso wie er eine Hommage an mutige Frauen (und Männer) ist.

13:25 24.02.2015
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Kulturwissenschaft

Immer wenn es regnet, freue ich mich. Aber wenn ich mich nicht freue, regnet es auch. Karl Valentin
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