Das Tuch auf dem Kopf lassen!

...oder die Kirche im Dorf... Furchteinflößende Kopftücher, böse Gedichte... und dazu die gute alte selbstbestimmte Sexarbeit... Merkwürdigkeiten in den derzeitigen Diskursen
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Was für eine schöne Ironie wäre es gewesen, wären die KritikerInnen des Gomringer- Gedichtes kopftuchtragend gewesen. Welche Einheit hätte geherrscht in der Empörung über Banausentum, Rückständigkeit... oder andere Dinge, die "wir Aufgeklärten" schon so lange hinter uns gelassen haben,

doch so weit wie ich informiert bin, handelt es sich bei den Bewunderungs-GegnerInnen um ganz normale emanzipierte moderne (- deutsche- ) Frauen.

Während also aufrechte Kunstfreunde um die Freiheit derselben fürchten, (weil sich eine kleine Gruppe gegen eine Zurschaustellung eines Gedichtes an einer für sie repräsentativen Stelle ausgesprochen hat), fürchten aufrechte Berliner PädagogInnen den verderblichen Einfluß eines Kleidungsstückes.

Jaja ich weiß, das Kopftuch ist nicht einfach ein Kleidungsstück, es ist ein Symbol - und dazu noch ein zutiefst Er- und Abschreckendes! Es ist das wahre Symbol der Unterdückung der Frau - im Falle einer Berliner Lehrerin also einer Frau, die eine gute Schulbildung und ein Studium absolviert hat und nun selbständig Geld (natürlich nicht soviel wie eine bayerische Kollegin!) verdienen möchte, indem sie Kindern das Rechnen beibringt- wirklich ein haarsträubend abschreckendes Beispiel für junge BerlinerInnen!

Die sind nämlich nach Aussage einer besorgten Schuldirektorin zutiefst irritiert wenn sie eine Lehrerin fragen würden warum sie ein Kopftuch trägt und diese dann mit einem religiösen Motiv (was auch fraglos immer vorausgesetzt wird) antworten würde...

Diese besorgte Direktorin betonte aber gleichzeitig noch, dass ihre Schule in einem Bezirk mit einem überwiegend muslimisch geprägten Klientel liegt. Was sollte die Kinder dann also irritieren wenn nicht die Tatsache, dass Dinge, die in ihrem Leben durchaus eine entscheidende Rolle spielen in einer für sie so wichtigen Einrichtung wie der Schule nicht verhandelt sondern einfach nur verboten werden?

(Als Alternative zur Berufsberatung dann eine Gesprächsrunde mit selbstbestimmten SexarbeiterInnen, natürlich mit offenem Haar?)

Das beliebteste Argument ist die angebliche Trennung von Bildung und Religion, doch erscheint mir angesichts der selbstverständlichen Kruzifixe in Berliner Kindergärten, christlichem Religionsunterricht an den Schulen, im Angesicht von hoch angesehenen katholischen Gymnasien und evangelischen Bildungsträgern das ziemlich schief- und erinnert eher an die säkulare Gesellschaft wie sie Marine Le Pen vorschwebt...

Besonders erschreckend empfinde ich die Art wie von den KolleginInnen, die gern mit Kopftuch unterrichten würden, gesprochen wird - die kopftuchtragende Lehrerin erscheint in diesen Abwehrbeschwörungen wie eine Mischung aus "Alien" und "Rattenfänger(in) aus Hameln"...

In Berlin ist noch nie eine kopftuchtragende Frau an mich herangetreten und hat mich gefragt warum ich meine Haare trage wie ich sie trage und ob ich mich mit dem Grundgesetz identifiziere. Diesen Schutz genießen kopftuchtragende Frauen wenig - solche Herabsetzungen wie sie von ganz normalen offiziellen Seiten täglich geäußert werden, müßten eigentlich als rassistisch oder diskriminierend geahndet werden- wäre da nicht der Fakt, dass man sich ja auf der richtigen, der aufgeklärten modernen Seite wähnt...

(... womit man auch so herrlich absurde Verdrehungen rechtfertigen kann wie ein Burkaverbot an den Stränden Frankreichs, einem der prüdesten Länder Westeuropas...)

Ich bin des Arabischen nicht mächtig, aber ich glaube, eine solche pauschale Verunglimpfung von "westlichen" Lebensweisen findet sich dort vor allem in einem Spektrum, das als fundamentalistisch bezeichnet wird...

Allerdings hat eine Gesellschaft, die sich nur vorstellen kann, zu verbieten was anders ist, und in deren Augen gelungene Integration vor allem darin besteht, den Integrationswilligen zu erlauben, den eigenen Dreck wegzuräumen, zu Recht Angst vor dem Verlust der Majorität,

denn dann wären wir ja "die anderen" - nicht auszumalen wenn uns dann die gleichen wunderbaren, demokratischen Möglichkeiten zur Integration offen stünden...

12:18 10.04.2018
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Kulturwissenschaft

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