Der Schmerz und der Schnee

Wind River Warum in einem Indianerreservat der Jäger ein Weißer ist...
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Weite, Landschaft, Schafe - ein Wolfsrudel. Ein kurzer Moment des Mitleids mit dem Schaf, ein Gefühl der Bewunderung für die Kraft und die Schönheit des Wolfes... dann, Auftritt: der Jäger.

Der Mensch erscheint und - tötet. Und auch wenn er sich so perfekt der Landschaft anpassen kann wie die Hauptfigur Cory Lambert, dass man ihn nicht mehr sieht, er bleibt etwas, was nicht "richtig" zur Natur gehört. Das größte und gefährlichste Raubtier, gefährlich vor allem - so erzählt es der Film "Wind River" - für seine eigene Spezies...

Denn als Cory Lambert (Jeremy Renner), der im Auftrag des US- Innenministeriums Raubtiere jagt, die Spuren eines Pumas im Indianerreservat "Wind River" verfolgt, findet er im Schnee eine Tote. Sie ist barfuß, sie muß so meilenweit durch den Schnee gerannt sein bis ihre Lungen geplatzt sind und sie an ihrem Blut erstickt ist... Zuvor (so wird es die Obduktion zeigen) wurde sie vergewaltigt und geschlagen.

Damit sind die beiden Leitmotive des Films bereits vorgestellt: Schönheit und Gewalt. Die Schönheit offenbart sich in der betörenden Bildsprache, die Gewalt als narratives "Gegenüber".

Das tote Mädchen ist die ehemals beste Freundin von Lamberts Tochter, die vor zwei Jahren ebenfalls tot im Schnee gefunden wurde. Die genauen Umstände ihres Todes konnten nicht geklärt werden. Da die Befugnisse des örtlichen Sheriffs (Graham Greene, mit Schnurrbart) nicht ausreichen, wird das FBI angefordert. Es erscheint in Person einer sehr jungen, zarten blonden Frau (Elizabeth Olsen) in Seidenbluse. Sie kommt direkt aus Las Vegas wo augenscheinlich andere Temperaturen zu herrschen scheinen, in "Wind River" tobt inzwischen ein Schneesturm...

Gemeinsam mit dem Jäger (und unterstützt durch den indianischen Sheriff ) wird sie versuchen, die Tat aufzuklären. Die Zustände, die sich dabei im Indianerreservat offenbaren zeigen vor allem Hoffnungsloskeit, Drogenmißbrauch, Gewalt- Armut. Als junger Mann, so erzählt es der Regisseur Taylor Sheridan, hat er oft mit einem indianischen Freund dessen Verwandte besucht, dabei empörte ihn die Art wie "Amerika" die Indianer behandelt. Die indianischen Ureinwohnerinnen sind nach Aussage des Films auch die einzige Personengruppe in den USA, für die es keine Vermißtenstatistik gibt. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Produzenten des Films, Harvey Weinstein, kaufte sich Sheridan die Rechte am Film zurück, die Einnahmen durch den Kinoverleih gehen an das National Indigenous Women’s Resource Center, das sich für die Aufklärung von Verbrechen an indianischen Frauen einsetzt.

Die guten Absichten, die der Regisseur um seinen Film rankt, lassen noch mehr auffallen, dass die Indianer in dieser Story nur die Statisten sind - die Handlung wird von den weißen ("guten" wie "schlechten") Figuren getragen. Selbst die Rache übernimmt der weiße Mann für seinen indianischen Freund. In meinem ostsozialisierten Herzen regte sich sofort ein "das hätte der Gojko aber selbst erledigt!", und wetteiferten mehrere Deutungsmöglicheiten: Dürfen Indianer (im Gegensatz zu allen anderen Amerikanern) keine Waffen tragen (tun sie aber in "Halbblut"), sind sie zu lethargisch oder zu friedfertig, ihre Kinder zu rächen (oder den Puma zu jagen) - oder muß die Gewalt und das Unrecht, das von weißen Männern ausgeht auch von weißen Männern gerächt werden? Denn die Rache als solche ( also kein Winnetou- Christen-Geschmus) steht nicht zur Disposition. Was meines Erachtens die faszinierende und anhaltende Wirkung des Films noch verstärkt - wie ein leises anhaltendes Vibrieren, wie der Wind, der den Schnee zum Wirbeln bringt...

"Wind River" ist kein Sozialdrama, ebenso wenig wie ein Thriller oder ein moderner Western.

Letztendlich ist "Wind River" ein Film über die Angst und über den Verlust (spürbar auch in der Musik von Nick Cave, dessen Sohn vor zwei Jahren starb...), erzählt aus männlicher Sicht. Der Schmerz ist die eigentliche Hauptfigur des Films. Schmerz, der beim Lesen eines Gedichtes mitklingt, der sich zeigen kann im Anblick einer Strickmütze.

Schmerz, der sich durch den Schnee zieht wie eine (Blut)spur.

12:19 14.02.2018
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Geschrieben von

Kulturwissenschaft

Immer wenn es regnet, freue ich mich. Aber wenn ich mich nicht freue, regnet es auch. Karl Valentin
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