Im Zweifel swingts

E-Books Ein paar Zweifel über E-­Books und Selbstvermarktung aus und in die Welt geschafft, auch durch die Veranstaltung „Recherchetage Berlin: „Bibliotheken und Digitale Agenda"

Ich zweifle grundsätzlich ganz gerne. An mir, an andern, an der Welt, am Zweifel, aber maßgeblich an mir. Ich probiere Sachen aus, lerne Sachen kennen, lasse Sachen fallen, nehme Sachen auf. Es ist ein andauernder Kreislauf. Der Prozess Leben lässt mich erstmal schreiben, ganz gleich wem es gefällt und das, was diese ich­machs­einfach­-Haltung kreiert, ist eben der Zweifel und nicht etwa die Regeln, die ich schulterzuckend missachte, wie ein dich ignorierendes Kamel, was zur Seite guckt und ausspuckt. Es ist mehr ein Tanzen im Zweifel.

Mein Gedichtband und meine zwei verträumten Adoleszenzromane sind vorerst nichts für etablierte Verlage gewesen. Das wurde mir klar, und unter anderem deshalb bin ich erstmal den Weg eines Selbstveröffentlichers angetreten. Nicht um damit großartig Geld zu verdienen, sondern der Sache wegen. Dem seichten doch konstanten Verlangen nach Ausdruck. Die qualitätsversprechenden Printverläge sind eben auch etwas spießig und lehnen gerne ab, was nicht in ihre etablierten und von der Norm geschätzten Einheitsprogramme passt. Das ist ja auch voll ok.

Ein Verleger, der sich um die Vermarktung kümmert, der einem aus reiner Kompetenz in den Arsch tritt, der einen motiviert, ist schon ein Luxus, auf den man womöglich gerne Zugriff hätte; aber brauchen tut man ihn nicht. Denn schneller als die S Bahn von der Friedrichstraße nach Wannsee braucht, so ruft Autorin Nina George begeistert von einem Podium der HU, kann man alles Geschriebene regelfrei in 21 Minuten auf tausende Reader der ganzen Welt verteilen und dabei noch verdienen.

Die Bücherei VoeBB, Verbund der öffentlichen Bibliotheken Berlins verleiht jetzt vermehrt auf Bildschirme. Durch von Verlagen eingekaufte Lizenzen verleihen sie E-Books für zwei Wochen, Magazine für einen Tag und Zeitungen für eine Stunde. Danach lässt die elektrische Datei sich nicht mehr öffnen. Doch was macht man ohne Verlag? Es funktioniert auch.

Ich habe keinen Verleger, sondern einen Manager, der sich um den Kram bezüglich der Veröffentlichung kümmert. Das Werben allerdings vernachlässige ich, weswegen die Verkaufszahlen irgendwo in Ungewissheit herumdümpeln. Ich sollte mich mehr interessieren. Wenn man weniger zweifelt und sich mehr einsetzt, klappt vieles besser.

Das E-­Book gibt es offiziell seit 1998. 2000 machten Plattformen und Foren im Internet auf, auf denen Autoren das erste mal hemmungslos und gratis veröffentlichen konnten. Das Selbstveröffentlichen im Eigenverlag unter dem Wort Selfpublishing kam aber erst zehn Jahre später auf und ist seitdem ein rapide wachsender Markt. Die meisten veröffentlichen zur Selbstverwirklichung, nurein drittel hat tatsächlich was zu sagen. Aber warum auch nicht, denn immerhin ist damit nicht wirklich Geld zu verdienen. 50 Prozent der Selbstveröffentlicher verdienen im Monat mit dem freiveröffentlichten nicht mal 50 Euro.

Wer meint, es gäbe hauptsächlich Stunk und Schund auf dem freien und regellosen Markt der elektronischen Literatur, sollte sich erstmal anschauen, was die Käufer und Leser überhaupt wollen: Das sind nämlich Fan Fiction und Erotika, deren große Verkaufszahlen sich hinter oftmals gesäuberten Amazonbestsellerlisten verstecken. Wie die Fifty Shades of Grey eben.

Die Kritik kommt vom Verbraucher direkt, der Journalismus wird ersetzt durch Sternchen und Kommentare. Keine Regeln. Alle zwei Sekunden wird auf der Welt ein E­-Book veröffentlicht. Das heißt die Leute schreiben mehr, sie schreiben mehr nach Schnauze und sie finden auch Gehör. Befreit der verlegerischen Bürgerlichkeit.

Man beschwert sich über die fehlende Haptik der E-­books, man will anfassen können, rumblättern können, man will wieder den Geruch alter siffiger Seiten von zweitausendtonnenschweren Bücherstapeln vernehmen, anstelle auf die verblüffende Punktdichte eines einzigen kalten geruchlosen Bildschirms zu glotzen und dann zu sagen, das wirke ja fast wie Papier mit Schrift. Aber Platon hat sich so 400 v. Chr. auch schon gegen die Schrift an sich ausgesprochen, als nur den Schein einer Weisheit, und die Zerstörung der eigentlichen Sache, der Erinnerung und des eigentlichen Werts der mündlich vermittelten Geschichte. So harte Worte gibt es gegen das E-­Book nicht.

Vielleicht sollten wir doch weniger zweifeln, sondern mehr auf die Zeit vertrauen. Ich kaufe mir heute meinen ersten elektronischen Reader... glaube ich.

16:03 02.12.2014
Geschrieben von

Anton Humpe

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