Nerd, nerdiger, Erfolg

Sachbuch "Nerds, Geeks und Piraten" erzählt vom Siegeszug der Außenseiter zur Idolfigur im Kultur- und Politikbetrieb
Nerd, nerdiger, Erfolg
Nerdmode Vollbart: Kai Diekmann macht es vor
Foto: Oliver Hardt/ AFP/ Getty Images

Eine weitere Lobeshymne auf die Nerds aus allen Perspektiven der Gegenwart. Man reist mit Nina Scholz auf 116 Seiten durch die Welt der Hippiekinder, die es aus einer Randgesellschaft von Computertüfftlern und Stubenhockern bis ganz nach oben geschafft haben und nun den Alltag prägen, Kultur und Politik besetzen und verändern. Aschenputtelartig hat sich der unsportliche Außenseiter zu einer Idolfigur entwickelt. Einige werden aufgezählt, auch wenn die Beispiele hin und wieder etwas willkürlich wirken. Zum Beispiel Woody Allen, der doch ein Künstler ist. Musiker, Autor, Regisseur. Oder ist heute wirklich jeder erfolgreiche Hornbrillenträger am Computer ein Nerd?

Aber eigentlich klingt es romantisch. Aus dem Babyboom nach dem zweiten Weltkrieg kamen sie, als Kinder von Hippies, aus Landhauskommunen. Sie wurden keine Punks sondern Nerds, besetzen jetzt Hollywood und Silicon Vally, repräsentieren Erfolg und bringen Kai Diekmann dazu, die zurückgegelten Haare zu zerzausen und einen Vollbart und eine Hornbrille zu tragen.

In der Jugend seien es jetzt die Hipster, die auf einmal den schlichten 80er Pulli und die Hornbrille zum Szenelook gekührt haben. Der junge Nerd soll also hip sein. Das was in den 40ern und 50ern Jazzer und Poeten waren. Aber computerinteressierte, intelligente Außenseiter sind Hipster ja nicht. Sondern eher sich profilierende Stilkopierer. Wie Kai Diekmann.

Dann geht es um die Ursprünge und Unterschiede der Worte Geek und Nerd und auch der Freak spielt eine Rolle. Man erfährt zum Beispiel, dass Geek auf deutsch Geck heißt und eigentlich einen Verrückten bezeichnet der im 19. Jahrhundert in Zirkusszelten ausgestellt, gefürchtet und verspottet wurde. Erst durch den Superhelden Brother Power the Geek, der eigentlich Brother Power the Freak hätte heißen sollen, aber auf Grund leichter Zuordnung zu Drogen auf Geek geändert wurde, hat der Geek den Freakstatus abgelegt und wurde zum Nerd. Alles etwas verwirrend, aber auch interessant.

Natürlich spielt auch die Frau eine Rolle, die das ehemals großteils von Männern belegte Nerdphänomen aufnimmt und jetzt in Gestalt von Figuren wie Marissa Mayer als Yahoo-Vorstandsvorsitzende oder Sheryl Sandberg als Facebook-Managerin erfolgreich mitnerden.

Man erfährt etwas über von Nerds gemachter Politik aus Piratenbuchten über Torrentseiten, auf denen man unbezahlt Daten downloaden kann, bis zu Assange und Snowden, die sich im Gegensatz zu Anonymous noch zu einem eigenen Gesicht bekennen, aber auch Nerds sein sollen. Es geht darum, dass Nerds im Politikbetrieb mitmischen und leider nur am Rande, wofür sie sich einsetzen: Für Drogen etwa, für offene Wireless-Netze und gegen U-Bahntickets. Glücklicherweise gibt es Wahlplakate aus Thüringen, die erklären, welche Ziele die Nerds verfolgen.

Es fallen Zitate wie „Compter sind das neue LSD“, „A geek is what you will soon call a boss“ und am Ende fragt man sich, wieso man eigentlich selber kein Nerd ist – wenn man es nicht längst schon ist.

Nerds, Geeks und Piraten Nina Scholz, Bertz+Fischer 2014, 116 S., 9,90 €

06:00 08.10.2014
Geschrieben von

Anton Humpe

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Anton Humpe

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