Der Dorfjunge #2 - Identität

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Als ich zwölf Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir von einer Stadt, die damals für mich den Mittelpunkt der Erde darstellte, in ein Dorf. Ich musste auf eine neue Schule, hatte zunächst keine Freunde und wusste seit dem, dass ich mehr brauche, als schöne Wälder und klare Bäche, um glücklich zu werden. Nach dem Abitur zog ich aus. Sofort. Nach einem kurzen, einjährigen Zwischenstopp in Köln, bin ich nun in Berlin und erzähle aus der Sicht des Dorfjungen, den ich wohl nicht vollends aus mir rausbekommen werde. Ich laufe mit großen Augen durch eine große Stadt und staune.

Ein Umzug bedeutet, dass man die Chance hat, komplett neu zu beginnen. Wie möchte ich sein, was möchte ich zurücklassen, was mitnehmen? Man kann sich neu erfinden, wenn man möchte. Der Vorteil, den eine so große Stadt wie Berlin bietet, ist, dass man jeden Tag jemand anderes sein kann. Oder eben ein Niemand, weile es prinzipiell niemanden interessiert.

Für den einen, oder anderen mag der Gedanke der völligen Anonymität beängstigend klingen, für mich bedeutet er einfach nur pure Freiheit. Ich könnte nackt zum Späti laufen, um mir Zigaretten zu besorgen und nach fünf Minuten wäre ich vergessen. Mein egozentrisches Wesen muss keine Pläne aushecken, wie es auffallen könnte, da es sowieso nicht klappt. Irgendwie ist es, als hätten die Leute hier schon alles gesehen, als wären sie teilweise total abgestumpft, was das Neue, Kreative angeht. Hier ist jeder neu und kreativ. Manche bevorzugen es lediglich kreativ auszusehen und zu wirken - und denken sich gerne lustige Berufsbezeichnungen aus, die häufig mit "freiberuflich" beginnen, worauf ein seltsamer, englischer Begriff folgt.

Ich habe mich noch nicht entschieden, welche Eigenschaften ich behalten möchte, und welche ich versuchen möchte, über Bord zu werfen. Nur um festzustellen, dass ich es mal wieder nicht geschafft habe, mich von ihnen zu befreien. Vielleicht sollte ich aufhören, ständig über schlechte Eigenschaften nachzudenken und einfach mal leben. Das ist wie mit Silvester und den Vorsätzen für das neue Jahr: Man nimmt sich vor die Fehler nicht zu machen, endlich mal alles auf die Reihe zu bekommen und so zu leben, wie man es sich lange vorgestellt hat. Allerdings wird es nie so laufen, wie man es sich in seinen feuchten Mädchenträumen ausgemalt hat. Es kommt ganz anders - ob besser, oder schlechter, sei mal dahingestellt.

Ich bin ein Gewohnheitstier, das gewisse Sicherheiten im Leben braucht und gleichzeitig sehr viel Abwechslung benötigt. Ich bin jung, und werde wahrscheinlich noch lange provisorisch leben, häufig umziehen, meine Lebensweise ändern. Vielleicht werde ich mein Studium schmeißen, weil ich feststelle, dass Gartenbau oder Evangelische Theologie doch mehr meins ist. Es ist so gut, dass nur wenige Dinge so eintreffen, wie wir sie uns wünschen. Wir würden sterben vor Langeweile und noch mehr Menschen würden sich das vermeintlich spannende Leben von Leuten anschauen, die ihre Frau, bzw. Mutter für zehn Tage gegen eine andere verschachern, sich über hygienische und pädagogische Fragen streiten und sich gegenseitig in aller Medienöffentlichkeit anschreien.

Wir Ich sollte mir bewusst machen, dass meine Persönlichkeit noch lange nicht ausgereift ist und dass das, was wir als Identität bezeichnen, viel mehr etwas Abstraktes ist, was einem ständigen Prozess der Veränderung und der Interaktion mit der Außenwelt ausgesetzt ist. Eine Kleinigkeit kann ausschlaggebend dafür sein, dass sich unser Leben in eine komplett andere Richtung entwickelt. Als ich von Sicherheiten sprach, meinte ich vor allem die Sicherheit, sich selbst zu kennen. So zu kennen, dass man sich immer auf sich selbst, seine Identität und Persönlichkeit verlassen kann. Warum versuche ich etwas so Abstraktes zu begreifen, mich darauf zu verlassen?

Ich sollte aufhören nachzudenken, stattdessen leben. Mal schauen was passiert. In einer Stadt wie Berlin gibt es so viele Möglichkeiten, sich auszudrücken und auszuleben und ich bin mir ganz sicher, dass hier jeder eine Nische besetzen kann. Ich sollte nicht ständig nach Sicherheiten in der Unsicherheit suchen. Ich sollte mich auf Überraschungen und Veränderungen freuen, die mein Leben und meine Identität prägen werden. Ich sollte...


11:44 07.05.2011
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Geschrieben von

Kunststurz

Sogar Omi möchte nun Hipster sein und wir stürzen so lange die Kunst!
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