Der Dorfjunge #4 - Giftpfeile

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Als ich zwölf Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir von einer Stadt, die damals für mich den Mittelpunkt der Erde darstellte, in ein Dorf. Ich musste auf eine neue Schule, hatte zunächst keine Freunde und wusste seit dem, dass ich mehr brauche, als schöne Wälder und klare Bäche, um glücklich zu werden. Nach dem Abitur zog ich aus. Sofort. Nach einem kurzen, einjährigen Zwischenstopp in Köln, bin ich nun in Berlin und erzähle aus der Sicht des Dorfjungen, den ich wohl nicht vollends aus mir rausbekommen werde. Ich laufe mit großen Augen durch eine große Stadt und staune.

Ein Besuch bei den Eltern, und schon verliere ich mich wieder. Ich möchte ausbrechen, obwohl ich schon längst weit weg bin. Ich weiß, ihr seid gut zu mir. Ich weiß auch, dass ihr mich vermisst, aber es ist nicht das Richtige für mich. Ich möchte mehr, und eigentlich nur glücklich sein. So viel ist das doch eigentlich gar nicht, möchte man meinen. Ich bin hier, um mich glücklich zu machen, nicht euch.

Umgeben zu sein von den Menschen, vor denen ich geflüchtet bin, weil ich gemerkt habe, dass sie mir nicht guttun. Dass sie mir wehtun, obwohl sie nur so sind, wie sie sind. In Berlin bin ich stärker geworden und hier geht es mir gut. Bei euch fühle ich mich wieder wie ein kleines Kind, das Schutz benötigt, und um eure Zuneigung kämpfen muss. Dafür bin ich zu gut.

Es hat lange gedauert, um festzustellen, dass ich gut bin – oder dass ich überhaupt etwas wert bin. Früher habe ich mich gefragt, warum meine Freunde mich überhaupt mögen. Es gab für mich keinen Grund. Dass ich nett und liebenswert bin – dieser Gedanke war für mich so abwegig wie kein zweiter. So Vieles war abhängig von der Meinung und den Äußerungen Anderer, die gar nicht wissen konnten, was Kritik an meiner Person für mich bedeutete. Ich hatte mich verloren in dem Bild, das andere von mir hatten und war bemüht, ein perfektes Bildnis aufrechtzuerhalten. Natürlich wusste ich, dass man nicht perfekt sein kann, aber kann man nicht wenigstens perfekt erscheinen?

Unmöglich – weiß ich nun. Es hat allerdings lange gedauert, um dies rauszufinden, doch letztlich hat es sich gelohnt, an meiner Wahrnehmung zu arbeiten. Sich selbst zu schätzen ist häufig schwierig in dieser Gesellschaft der retuschierten Plakatwerbungen und den scheinbar perfekten Menschen. “Leistung und Marktwert ” – Begriffe die mittlerweile ohne jeglichen Hintergedanken auf Menschen angewendet werden. Leistung und Marktwert – klingt das nicht nach Maschinen?

Ich rauche eine Zigarette in einem Café und sehe die Menschen, die zur U-Bahn laufen. Sie sind nicht perfekt. Sie haben alle ihre Makel. Ich bin einer von ihnen und schaue sie nicht verächtlich an, so wie ich es früher getan hätte. Nicht, weil ich die Menschen wirklich abgewertet habe, sondern mich selbst. Hier in Berlin ist es gut, sich zu unterscheiden und anders zu sein – damit meine ich nicht die Leute, die um jeden Preis anders sein wollen.

Vielleicht ist es wirklich wahr. Berlin scheint eine Stadt für Menschen zu sein, die woanders nicht klarkommen. Ich musste mich befreien von schlechten Einflüssen und dieser Umgebung. Sechshundert Kilometer weiterziehen, um zu sehen, dass ich genüge. Vielleicht sogar mehr, als nur das. Eure Worte sind keine, in Zuckerwatte gehüllten, Giftpfeile mehr für mich.

20:29 13.06.2011
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Geschrieben von

Kunststurz

Sogar Omi möchte nun Hipster sein und wir stürzen so lange die Kunst!
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