Dor Dorfjunge #3 - Der Mikrokosmos

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Als ich zwölf Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir von einer Stadt, die damals für mich den Mittelpunkt der Erde darstellte, in ein Dorf. Ich musste auf eine neue Schule, hatte zunächst keine Freunde und wusste seit dem, dass ich mehr brauche, als schöne Wälder und klare Bäche, um glücklich zu werden. Nach dem Abitur zog ich aus. Sofort. Nach einem kurzen, einjährigen Zwischenstopp in Köln, bin ich nun in Berlin und erzähle aus der Sicht des Dorfjungen, den ich wohl nicht vollends aus mir rausbekommen werde. Ich laufe mit großen Augen durch eine große Stadt und staune.

"Migrationshintergrund" ist ein wahnsinnig lustiges Wort. Wenn ich durch Kreuzberg gehe, in der U-Bahn fahre oder im Park sitze frage ich mich häufig, was genau ist eigentlich "deutsch sein"? Bedeutet es lediglich, dass man seinen Hauptwohnsitz in Deutschland hat, oder dass man Lederhosen trägt und Sauerkraut mag? Bedeutet es vielleicht, dass man hellere Haut hat? Einen deutschen Namen?

Dann frage ich mich, wie lange ich es ausgehalten habe hier zu leben, ohne jedoch meine eigene Nationalität richtig zu definieren. Wenn man die politischen Debatten verfolgt, könnte man meinen, dass nur Menschen von ehemaligen Gastarbeitern aus der Türkei oder anderen, muslimisch geprägten Ländern, Menschen mit Migrationshintergrund sind. Von Menschen die in Kasachstan geboren sind, deren Vorfahren mütterlicherseits aus Deutschland und väterlicherseits aus Polen stammen und russisch sprechen, redet man jedoch nie. Meine Eltern sind auch in Kasachstan geboren, aber selbst in Kasachstan waren sie keine "Kasachen". Sie waren Minderheiten polnischen und deutschen Ursprungs. Mit polnischem, beziehungsweise deutschen Migrationshintergrund, wenn man denn so will. Sie wurden jedoch russisch sozialisiert, genau wie ich.

Ich spreche fließend Russisch, ebenso jedoch akzentfreies Deutsch. Wäre da nicht mein russischer Vor- und mein polnischer Nachname, würde keinem auffallen, dass ich nicht einer von euch bin. Je nach Situation werde ich in verschiedene Schubladen gesteckt, mal passt die deutsche besser, mal die der Migranten. Manchmal sagen meine deutschen Freunde, dass ich so deutsch wäre wie sie. Dann bitte ich sie meine Eltern mit mir zu besuchen, um zu sehen wie "deutsch" ich aufgewachsen bin. Russisches Fernsehen, russische Bücher, Zeitungen, Essen. Russische Musik und die fremde Sprache ist allgegenwärtig. Von unseren Verwandten, die mittlerweile in verschiedenen osteuropäischen, beziehungsweise zentralasiatischen (Kasachstan) Ländern leben wird meine Familie liebevoll "die Deutschen" genannt. Meine Großmutter hat mal gesagt: "In Kasachstan waren wir 'die Deutschen' und in Deutschland sind wir 'die Russen'. Russlanddeutsche? Deutsche Russen? Russische Deutsche?

Es scheint verschiedene Abstufungen von Migranten zu geben. Ganz unten sind die mit muslimischem Hintergrund. Da ist er schon wieder: der "Hintergrund". So weit hinten ist der Grund gar nicht, denn warum sollten diese Menschen gänzlich ihre Kultur ablegen, sobald sie in ein neues Land kommen? Ich fühle mich in Deutschland zu Hause, aber es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn ich in der Bahn eine Frau ein russisches Buch lesen sehe. Oder wenn sich auf der Straße zwei Männer auf russisch unterhalten. Das ist wirklich zu Hause. Denn es ist in Deutschland, aber trotzdem irgendwie auch nicht.

In Russland, würde ich wohl nicht als "Russe" gelten - zurecht. Denn die russische Kultur hierzulande unterscheidet sich so stark von der in Russland und den Staaten der ehemaligen UdSSr. Hier ist es ein Mix aus Nostalgie, dem Bewahren der russischen Sprache und Kultur, und den Einflüssen der neuen, deutschen Heimat. Deswegen könnte ich mich auch nie als "richtig deutsch" bezeichnen.

Mit großem Interesse lese ich Zeitungsberichte zur Migrationsthematik in Deutschland. Schaue mir politische Talkshows dazu an, und ich finde mich nie dort wieder. Ich kann mich nicht identifizieren mit den Problemen, denn immer geht es um Migranten aus der Türkei und den arabischen Staaten. Die Wichtigkeit, diesen Personenkreis einzubeziehen, stelle ich selbstverständlich nicht in Frage. Ich wünschte mir nur, dass mir jemand erklärt, wer ich eigentlich bin.

Manchmal stelle ich mir vor, dass ich in einem kleinen, osteuropäisch geprägtem Mikrokosmos, der sich wiederum in einem viel größeren, deutschen befindet, aufgewachsen bin. Zwei Kulturen treffen aufeinander, und ich fühle mich in beiden wohl. Das heißt jedoch nicht, dass ich auf eine davon verzichten möchte. In politischen Debatten können sich viele Menschen etwas solches nicht vorstellen, deswegen scheinen sie häufig zu verlangen, dass die Migranten ihre alte Kultur vollends ablegen. Wie soll man sich auch etwas solches Vorstellen können, schließlich ist ein Großteil der Deutschen "richtig deutsch".

Oft erinnert mich Kreuzberg, und Berlin im allgemeinen an den Mikrokosmos, den ich in meiner Vorstellung habe, wenn ich an meine Kindheit denke. Nur ist dieser Mikrokosmos kein rein russischer, er beheimatet so viele, verschiedene Kulturen, die größtenteils friedlich nebeneinender existieren. Ich fühle mich hier wohl, weil es nicht nötig ist, seinen Hintergrund zu definieren. Er ist einfach da, es ist in Ordnung. Ich wohne zwischen einer Moschee und einer muslimischen Koranschule. Wie kann jemand in Frage stellen, dass dies ein Teil von Deutschland ist? Das ist mein persönliches Deutschland.

Ich bin aufgewachen zwischen zwei Kulturen. Ich passe weder richtig in die eine, noch in die andere, aber in Berlin ist das egal. Es ist ein riesiger Unterschied zur Provinz, wo die Nachbarn über "dreckigen Araber" oder die "dämlichen Russen" schimpfen. Seien wir ehrlich, in Berlin muss man im Alltag als Migrant nicht mal die deutsche Sprache beherrschen - ob dies gut, oder schlecht ist, das sei mal dahingestellt. Russische Supermärkte, türkische Plakatwerbung und deutsches Bier. Ich jedenfalls habe weiterhin ein Grinsen im Gesicht, wenn ich auf meinem Pass lese: "Staatsangehörigkeit: deutsch"

21:55 27.05.2011
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Geschrieben von

Kunststurz

Sogar Omi möchte nun Hipster sein und wir stürzen so lange die Kunst!
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