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Wenn ich mir recht überlege, was du mir bedeutest, dann weiß ich nicht so recht, was ich überlegen soll.Ein verstohlener Blick auf mein Mobiltelefon.

„Nein, ich warte nicht auf einen Anruf, erwecke ich etwa den Eindruck? Nein, ganz und gar nicht, ich wollte nur nach der Uhrzeit schauen.“ - Die Uhrzeit ist mir scheißegal. Mir ist egal, ob es früh oder spät ist. Ich wünschte es wäre so spät, dass ich dich vergessen könnte. Eine kleine Lappalie, die mich daran denken lässt, dass ich mich nach etwas sehne. Und dann hat man es zugegeben und ist auf ein mal ein Mensch. Dabei habe ich mir doch vorgenommen, mir vorzulügen ich sei besonders. Besonders gut, um genauer zu sein.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf schießen, merkte ich gar nicht, dass S. weiterspricht. Er sagt Worte wie „Spreeufer“ und „Grillen“ und ich tue so als würde ich zuhören. Sein Tonfall lässt darauf schließen, dass er auf meine Zustimmung wartet, also gebe ich sie ihm und versinke weiter in meinen Gedanken. Im Prinzip habe ich mich nur mit ihm getroffen, um nicht alleine zu ein. Ich meine ein physisches Nicht-Allein-Sein, und damit wiederum meine ich keinen Sex, sondern viel mehr möchte ich, dass ein mir bekannter Körper in meiner unmittelbaren Umgebung ist und spricht. Auch wenn ich gar nicht zuhöre.

Dann steht dir ein Mensch gegenüber und er könnte gerade seinen Selbstmord planen, während du sprichst, du weißt es nicht. Irgendwann ist er tot, und du wirst dich entweder immer fragen, ob er in diesem Moment seinen Selbstmord geplant hat.

Oder du stellst dir diese Frage gar nicht. Wahrscheinlich ist das für das durchschnittliche, menschliche Bewusstsein viel zu schwierig.

Wir sind täglich umzingelt von Problemen, Dingen, Menschen, Geräuschen und Kopfschmerzen aufgrund von Hitze, Kälte, Übermüdung, Alkohol. Wobei uns diese Kopfschmerzen gar nicht umgeben, sie sind in uns drin. Doch trotzdem fühlen sie sich an, als wären sie um uns herum.

Die gelbe Bahn fährt an uns vorbei und wir sind oben. Ich möchte mich für einen Moment am Bahnsteig in die Sonne setzten, aber wenn ich schon wieder solche Wünsche äußere, denkt S. ich sei verrückt. Wir gehen also weiter und die Sonne bleibt da wo sie ist.

Jetzt merke ich, dass S. nicht mehr spricht und mich anschaut. Dann verzieht sich sein Gesicht zu einem enttäuschten „Du-hast-mir-nicht-zugehört- Ausdruck“. Ich denke alle Menschen sind Egoisten. So wie ich das verstanden habe, bin ich ein Mensch, also bin auch ich ein Egoist. Deduktion. Das verheimliche ich so gut, wie meine alzheimererkrankte Großmutter Brot versteckt. Sie hat ständig Angst, dass wieder Krieg sein könnte und der Feind wieder alle Nahrungsmittel mitnimmt. Genau so verstecke ich meinen Egoismus. Denn Egoismus ist hässlich, und menschlich. Na, worauf schließen wir daraus?

Ich sage Wörter und du gibst dich zufrieden. Bier kaufen? – Bier kaufen! Habe allerdings nur noch Geld für das ganz günstige Bier. Egal, Hauptsache ich bin ein bisschen benommen.

Jetzt spricht S. wieder.
Es gibt zwei Arten etwas zu sagen. Bei der ersten sagst du Wörter, bei der zweiten, sagst du Dinge. Wenn du Dinge sagst, dann sagst du wirklich etwas. Wenn du Wörter sagst, dann geht die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht auf. Bei dieser Variante verbrauchst du nämlich Energie und es macht keinen Sinn. Nichts verändert sich. Man sollte die Regel einführen, dass man nur Dinge sagt, wenn man nicht sinnlos Energie und Zeit verbraucht, sondern es wirklich einen Sinn macht. Ich denke, dann wäre es sehr still in der Welt, wie in einer U-Bahn, in der sich keiner kennt. So wie morgens, wenn ich zur Arbeit fahre. Wer fährt schon mit seinen Freunden zur Arbeit und plaudert? Also kennt keiner den Anderen und spricht dementsprechend nicht. Morgens haben wir noch nicht sinnlos Energie verbraucht. Wir haben einen ordentlichen Vorrat angespart. Vielleicht sollten wir es ein wenig machen wie meine alzheimerkranke Großmutter: Ein bisschen was zurücklegen, für schlechtere Zeiten.

S. möchte heute nichts zurücklegen.


21:45 30.06.2011
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Geschrieben von

Kunststurz

Sogar Omi möchte nun Hipster sein und wir stürzen so lange die Kunst!
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