Die Linke und das Elend der Philosophie

Dialektik Die Linke ist nicht schwach, weil sie Nebenwidersprüchen folgt oder einfache Leute außer acht ließe, sondern weil sie philosophisch einen Unterschied ums Ganze macht.
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„Das Geheimnis des Marxismus besteht in seiner philosophischen Dimension. ‚Die im Kapital angewandte Methode ist wenig verstanden worden‘. Ich gehe so weit, und sage, das ist der Schlüssel schlechthin, um das Problem in seiner völligen Tragweite erst zu erfassen!“

„So so, eine Mysterienreligion? An solchen Formulierungen wird mir mal wieder bewusst, wie stark die Linke in der Metaphysik festhängt. Und überhaupt, ‚philosophische Dimension‘, ‚angewandte Methode‘, ist das denn wirklich mehr als die Kultsprache einer kulturchauvinistischen Legitimationsideologie, einer kolonialistischen Tradition der Herstellung weißer Vorherrschaft, ein identitäres Reich der westlichen Philosophie, das sich über Antike und Renaissance mit der Aufklärung aus den Schatten der Barbarei erhoben haben will, und bis heute die Unterdrückung aller anderen rechtfertigt?“

„Ich finde ja, dass deine Perspektive derjenigen der Religion und Metaphysik weitaus näher ist. Hegel konzipierte seine ‚Dialektik‘ als das Gegenteil von jeglicher ‚Metaphysik‘. Es geht um Erkenntnistheorie. Es geht um das Anfangsproblem. Womit kann und sollte eine Philosophie beginnen, ihre Erkenntnisse zu entwickeln? Und kann man wirklich nicht philosophieren? Entstammt deine Rede nicht einer Kritik, welche für gewöhnlich dieser Tradition am Ende vorwirft, den Relativismus einer Postmoderne, oder was man dafür hält, zu verantworten, und das mit Hilfe eines ebenso relativistischen Arguments? Eine Art ‚globalistische‘ Kultur der ‚Moderne‘, welche eine solche Kritik als ihr imperialistisch hegemoniales Gegenüber ausmacht?“

„Hörst du dir eigentlich zu? Das Gegenteil von jeglicher Metaphysik und dann – bumm! - kommt der Weltgeist. Ich finde, diese alten weißen Männer bauten große Theoriegebäude, die am Ende nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, die notwendig die autoritäre Geste wiederholen, sich wie Robinson auf der Insel oder Kevin allein zu Haus benehmen zu können. Ein gewaltiger Narzißmus. Ein gefährliches Denken. Und im Grunde der Kern jedes Totalitarismus. ‚Die Freiheit ist keine Theorie‘.“

„Und du? Schämst du dich eigentlich nicht die Friedrich-Naumann-Stiftung zu zitieren? Und weißt du, dass wir hier eigentlich den Positivismusstreit fortsetzen? Karl Popper, der Begründer des Kritischen Rationalismus, hätte seine Freude an dir. Er verwarf die Dialektik, die Wirklichkeit sei am Ende frei von Widersprüchen. Diese ließen sich nicht falsifizieren. Adorno und die Frankfurter Schule widersprachen. Auch dabei ging es um Erkenntnistheorie. Und darum, wie man am besten verhindern kann, dass der Faschismus wiederkehren könne...“

„Am Abgeschmacktesten sind mir ja solche Theorie-Linke, so Adorno Ultras wie du, die überall strukturellen Antisemitismus wittern. Eben hast du mir ihn im Grunde auch wieder unterstellt mit der ‚globalistischen‘ Kultur. Diese Art Linke sind wie eine melancholische Sekte, die nur noch Strukturen, Verhältnisse und Widersprüche dokumentieren, ihren wertkritischen Nostradamus regelmäßig in neue Manifeste gießen und die Neoliberalen an den Schultern tätscheln, diese vulgärmarxistischen Vandal*innen auf den Straßen der Gipfel hätten alle noch zu viel autoritären Charakter...“

„Vergiss den autoritären Charakter. Das war doch nur ein Versuch empirisch zu werden. Es geht nicht so sehr darum, potenzielle Faschist*innen auszumachen. Es geht um die ‚Dialektik der Aufklärung‘. Du hast es ja bereits angesprochen: Der Mythos transformiere sich mit der Aufklärung zur Struktur des Antisemitismus. In radikalen Dualismen werden akteursbedingte Verfallserzählungen konstruiert, welche eine weltumfassende Verschwörung ausmachen, da die modernen Verhältnisse nicht durchschaut werden und Akteuren diverser Minderheiten deren Folgen kausal zugeschrieben werden – mit der besonderen Rolle des ‚Gerüchts um die Juden‘. Das Ergebnis sei ein totaler Vernichtungswillen. Doch darum ging es gar nicht direkt im Positivismusstreit. Zwar gilt wahrscheinlich, dass die Kritische Theorie dem sogenannten ‚Positivismus‘ unterstellen würde, dass er nicht in der Lage sei, Antisemitismus zu erkennen – er muss mühselig jede einzelne ‚Verschwörungstheorie‘ widerlegen. Aber warum? Eigentlich ringen hier nämlich Natur- und Geisteswissenschaften miteinander. Popper geht mit ersten von der ‚Natur‘ der äußeren Erscheinungen aus. Er setzt eine Welt der Phänomene und Akteure voraus, einschließlich der biologischen Erkenntnis über das Gehirn, dessen ‚Autopoiesis‘ dann Ausgangspunkt eines Trugphänomens namens ‚Selbstbewusstsein‘ sei...“

„Na, wenn das mal nicht selbst ein krass radikaler Dualismus ist? Du willst also dem Materialismus der Naturwissenschaften irgendeine links gefärbte idealistische Anschauung entgegenstellen. Genau das sind diese gefährlichen reinen Ideen, die wie in der Romantik eines Novalis am Ende zu nationalistischen totalitären Ideen von Retro-Monarchismen verklärter Mittelalterkonzepte verführen. Deine ganze historisch-dialektische fin-de-siécle-Ästhetik ist ein Spätromantizismus...“

„Es geht gerade nicht um Idealismus. Es geht um einen Unterschied im Materialismus. Um einen nicht-idealistischen und nicht-naturalistischen Materialismus. Aber wie du richtig sagst, spätestens seit der Philosophie des René Descartes unterscheidet die Philosophie zwei mögliche Zugänge zur Erkenntnis: der eine löst das Anfangsproblem, indem er von der res extensa ausgeht, also von den Phänomenen und Akteuren der ausgedehnten Welt; der andere indem er von der res cogitans ausgeht, dem archimedischen Punkt des denkenden Subjekts als ‚Ich‘, und der Sprache. Dem empirischen (und naturalistischen) Materialismus stehen idealistische Strömungen gegenüber...“

„Also gibst du zu, dass du eine unverbesserliche Idealistin und Romantikerin bist? Dass du jetzt mit Descartes und diesen Substanzen kommst! Ist das der Clue bei euch Theorielinken? Etwas yin und yang, dabei vor allem ‚Ohne-Tun‘, wu wei?“

„Dieses res bedeutet nicht nur Substanz. Und es geht ja gerade darum, dass diese Trennung den Anfang aller Metaphysik ausmacht. Und eben dazu verführt, entweder alles auf einem Zirkelschluss zu begründen, der ‚Autopoiesis‘ des naturwissenschaftlich erkannten Gehirns, oder von einer Setzung ewiger Ideen her. Alles beruht darauf: die Einteilung der Wissenschaften, die säkulare Verortung der religiösen Anschauungen, die Trennung von Fakten und Meinungen, die Zuständigkeiten von Staatsanwaltschaft und Psychiatrie, die Subjektivität der Kunst und das Ideal der Objektivität der Medien...“

„Also nicht einsam vorm Feuer sitzen und rauchen und sich illustre Gedanken über das eigene Ego machen! Vor allem nicht rauchen! Dieses ganze ‚cogito ergo sum – ich denke, also bin ich‘ ist doch nur ein anderer Ausdruck für die imperialistische Lebensweise der Menschen im Kapitalismus, für diesen endlosen Wachstumsgedanken. Der Philosoph macht sich die Welt untertan, und am Ende muss passend gemacht werden, was abweicht. Deine private Theorie ist nur eine Ausrede für fortgesetzte Grübelei, und zur pessimistischen Rechtfertigung deines Status Quo. Wenn dich etwas stört, dann ändere doch dein Leben, anstatt irgendwelche systemischen Betrachtungen anzustellen und wie Gott über den Wassern zu schweben!“

„Zu dieser Trennung gehört auch, dass Philosophien aus ihr resultierend entweder Gesellschaften bzw. die Menschheit in isolierte, im Zweifelsfall pathologisierbare Individuen auflösen oder in schwierige Kollektivsubjekte. Marx könnte für seine Theorie beanspruchen, dass sie zugleich ‚objektiver‘ Materialismus und ‚subjektive‘ Erkenntnistheorie sei. Er geht nicht von dem denkenden Philosophen am Feuer auf dem Stein aus. Diesen ‚Gott über den Wassern‘, der äthertrunken mit dem ‚Seienden‘ und ‚Nicht-Seienden‘ anfängt, stellt Marx gerade mit Hegel auf den Kopf. Am Anfang ist der materielle Widerspruch...“

„Auch der ganze Kommunismus lebt im Grunde von diesem Fortschrittsoptimismus der wachstumsbasierten imperialistischen Lebensweise. Auch Marx träumte einen Maschinenpark und hatte die Umweltfrage noch nicht so ganz im Blick. Und du unterstellst mir ja jetzt indirekt, auch ein solcher Positivist zu sein, weil ich den Finger in die Wunde der Pathologie deines Denkens lege, und damit sogar auf dem Weg dahin sei, aus dir ein Exemplar einer der unwiederbringlich verlorenen verderbten Problemgruppen einer reaktionären Verfallserzählung zu machen, das ich am liebsten einer rigorosen Behandlung zukommen lassen möchte, wenn nicht gleich seiner Beseitigung...“

„Du bist eher der linksliberale Typus, der eher fördert und den Sozialarbeiter macht, weniger der rechtsliberale, der lieber fordert und schließlich den Anderen aus Gefühlshygienegründen aus der Kontaktliste löscht.“

„Also doch kein Faschist? Das ist ja nett. Andere hätten diesen Dialog schon lange abgebrochen. Du kannst echt froh sein, dass du mich hast.“

„Ach Mensch! Ich meine das doch nicht beleidigend. Und ich muss ja auch hart einstecken, ‚Pathologie meines Denkens‘ und so. Der Fehler besteht darin, dass dieses Wort ‚Widerspruch‘ genau keine metaphorische Rede darstellt. Es ist eben mehr als ein ‚Unterschied‘ oder ein ‚Gegensatz‘. Es ist wirklich ein ‚Widerspruch‘ gemeint, widersprechende Rede. In diesem Moment eines Widerspruchs prallen zwei unterschiedliche, genau gegenläufige Interessen aufeinander, werden artikuliert. So wie einem Baby-Bewusstsein das Außen der Welt im Widerspruch, etwa durch die Mutter, manifest wird…“

„Aber das hängt doch mit Instinkten, Genen und der Evolution zusammen. Was haben Babies bitte mit dem Marxismus zu tun? Dass es einen Unterschied macht, ob die Eltern Akademiker*innen sind und das Kapital auswendig können oder ob es einfache Leute sind?“

„Mir geht es um die Perspektive der Philosophie. Die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis, das Transzendentale sozusagen. Und dass das viele nicht verstanden haben. Auch dass es gar nicht um Haupt- und Nebenwidersprüche geht. Das ist ein über Engels, Lenin, Stalin und Mao kolportiertes Missverständnis. Marx entwickelt ganz konkret vier materielle Widersprüche: zwischen Gebrauchswert und Warenform im 1. Band, zwischen Akkumulation und Reproduktion im 2. Band, zwischen Produktion und Konsumption im 3. Band, und das schließende 52. Kapitel ‚Die Klassen‘ deutet den vierten Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital an, aus dem viele in Folge den Hauptwiderspruch machten.“

„Das sagt die Arzttochter zum Sohn eines Schreinermeisters. Das mit den Klassen ist doch eine seltsame Arbeiterromantik. Der Rest klingt wie dieser Gewerkschaftstyp von der DKP. Histomat, Diamat und dazu ostalgische Spreewaldgurken...“

„Was ist so schwer daran zu begreifen, dass diese Interessen entscheidend sind, nicht die gesellschaftlichen Gruppen. So wie es oben nicht darum ging, Faschist*innen dingfest zu machen, geht es auch nicht unbedingt darum, eine revolutionäre Klasse auszumachen bzw. ein Proletariat in die Verhältnisse des 21. Jahrhunderts hineinzuprojizieren. Bzw. irgendwelche vermeintlich ‚gierigen‘ Kapitalist*innen, von denen man dann Listen erstellt und sie in der eigenen Darstellung zu einem imperialistischen krakenförmigen Netzwerk überhöht und ihnen eine metaphysische Bosheit andichtet, die das allgemeine Profitstreben übersieht. Nein, diese Interessen bestehen aus der materiellen Bedingtheit unserer Existenz heraus. Wollte man es als eine Computerspiel-Simulation programmieren, bestünden die ersten Routinen nicht aus solchen, die eine autonome open world mit einer ‚Physik‘ und ihre ‚Objekte‘ mit einer ‚Chemie‘ oder ‚Biologie‘ ausstatten, sondern aus denjenigen Routinen, welche die materiellen Interessen zum Ausgang aller geistigen Bewegung machen, aus welcher heraus erst ein interessegeleitetes ‚Worlding‘ erfolgt.“

„Ah, ich sehe schon, das ist eine lange und umständliche Rechtfertigung deines Konsums der Produkte von McDonalds und Coca Cola. Bestellst du nicht sogar bei Amazon?“

„Ah, endlich! Verkürzte Kapitalismuskritik! Oder besser: Kapitalistenschelte. Dein Papa ist nur ein ehrlicher Unternehmer, aber Ikea – das ist die Reinkarnation Satans. Was ist so unverständlich daran, dass es das allgemeine Profitstreben ist, das den Kapitalismus ausmacht, nicht seine Übertreibung? Und was ist euch Liberalen so uneinsehbar daran, dass euer Liberalismus die Widersprüche befreit hat? Dass es klarerweise eine Barbarei darstellt, andere Menschen zu versklaven, dass aber das Fallen eines Menschen in den Besitzstatus eines anderen zugleich eine mögliche Verschärfung des Widerspruchs zwischen Gebrauchswert und Warenform blockierte? Eine Gesellschaft, die sich auf besitzende Herrenmenschen und besitzlose Sklav*innen festlegt, hat einen konstanten Gini-Koeffizienten nahe 1 und wenig wirtschaftliche Entwicklung...“

„Wow! Das klingt jetzt, als ob du die Sklaverei wiedereinführen möchtest. Wer ist hier Faschistin?“

„Warte mal ab! Natürlich wäre es Faschismus, die Sklaverei wiedereinzuführen. Warum? Weil weder Liberalismus noch Faschismus die Widersprüche erkennen, aber intuitiv in entgegengesetzter Richtung behandeln. Der Liberalismus muss sie befreien, so dass sie sich verschärfen. Der Faschismus versucht sie wieder zu blockieren, kann aber nur Akteure beseitigen, die er mit jener ‚globalistischen Kultur‘ identifiziert, als die verschworenen Verursacher*innen der vermeintlichen einfachen Krise einer ‚guten, alten Ordnung‘. Jeweils kann das autopoietische Gehirn nur einen Status quo des ollen Systems abbildtheoretisch reproduzieren: diese Wahrheit ist vermeintlich interesselos. Entsprechend befreite die allmähliche ‚Einhegung‘ der ‚Allmende‘, das Ende der Subsistenzwirtschaft, den zweiten Widerspruch zwischen Akkumulation und Reproduktion. 2008 schließlich lebten global mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Und das ist im Grunde auch der Hintergrund der kolonialistischen Zivilisationsidee, die Völker aus der ‚Barbarei‘ in die ‚Zivilisation‘ zu führen.“

„Irgendwie steckt da doch eine Dimitroff-These drin, also so ein Automatismus, nach dem aus einem Spätkapitalismus schließlich Faschismus werden muss. Du bist also sogar eine Stalinistin, welche die Demokratie abschaffen möchte zugunsten einer marxistisch-leninistischen Propaganda, und alle anderen sind Systemlinge, und Liberalismus und Faschismus nur eine Variation von good cop / bad cop“.

„Oh, das trifft es wirklich gut! Also das mit den cops. All cats are beautiful. Wenn die Menschen nicht nur nebenbei auch etwas verkaufen, von dem, was sie subsistent erwirtschaften, sondern darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft anzubieten, ist auch das eine Verschärfung der Widersprüche. Genauso wie schließlich derjenige Widerspruch zwischen Produktion und Konsumption befreit wird mit dem Ende der Ständegesellschaft und dem Aufstieg des Bürgertums und der Nationalstaaten. Heute schließlich ist auch der vierte Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital befreit. Der Horror der Technik von 1984 besteht weniger in einer totalen Überwachung der überbaulichen Kulturindustrie, sondern in einer Überwindung des materiellen Widerspruchs der Gewerkschaften mit Hilfe von Hubschraubern. Die Technik ist ‚der eigentliche Sieger im Tarifkonflikt‘. Mit der ‚Luftbrücke‘ bei einem Streik beim Dresdner Automobilzulieferer Federal Mogul 2003 spätestens fiel die Mauer ein zweites Mal, diesmal diejenige des Werktores, das die Gewerkschaft im Streik blockiert. Das Ende der nationalstaatlichen Grenze ist auch das Ende von Konzepten eines ‚Sozialismus in einem Land‘ und das endgültige Scheitern der Sozialdemokratie.“

„Das ist ja geil! Eine Antideutsche, also von wegen Adorno und struktureller Antisemitismus und so, und jetzt fällt die Blockade des vierten Widerspruchs, wo? Im Ursprungsort von Pegida, im schönen Dresden! Und Schröder, Blair und Clinton sind also nur folgerichtig neoliberal geworden, wegen ein paar Hubschraubern? Und was hat der Fall der Mauer damit zu tun? Das klingt stark nach Aluhut, Chemtrails und zu viel Lack.“

„Ich würde wirklich sagen, dass die Sozialdemokratie nicht betrogen oder entführt worden ist, sondern dass eine klassische sozialdemokratische Politik unter den heutigen Bedingungen einer globalen Wirtschaft nicht mehr möglich ist. Bzw. es wäre eben ein Versuch, Widersprüche zu blockieren – eben um irgendwelche nationalen Akteure unter der Unternehmerschaft zu stärken gegenüber einer vermeinten ‚globalistischen Elite‘. Das Fallen des zweiten Widerspruchs ins Misstrauen und in die Inflation der Weltwirtschaftskrise 1929 konnte zwar über den ‚New Deal‘ und die Sicherheitsgarantie der nationalen Bankeinlage und der Sozialversicherungen überbrückt werden, doch diese Maßnahmen der Industrienationen nehmen gerade nicht die Befreiung von der Subsistenz zurück, sondern exportieren die negativen Auswirkungen dorthin, wo die Maßnahmen nicht greifen – zu den realexistierenden Sozialismen der ‚zweiten Welt‘ und in den Globalen Süden. Ähnlich ist es mit der Weltwirtschaftskrise 2008, nur dass es sich um ein Fallen des dritten Widerspruchs zwischen Produktion und Konsumption ins Misstrauen handelt, also wer ein kapitalistisches Interesse verfolgt, kann sich nicht mehr auf die Konsument*innen verlassen. Daher ist es eine Krise der Stagnation, und die Lösung, die angebliche ‚Enteignung‘ der Banken, stellt eigentlich eine einseitige Wiederherstellung des Vertrauens dar, nämlich nur unter Kapitalist*innen...“

„Und jetzt kommen die Kapitalist*innen, die sich gegen die Arbeiter*innen verschworen haben...“

„Nein, nicht verschworen. Auch nicht ‚die Kapitalist*innen‘. Es geht nicht um Gruppen. Es geht um Interessen. Wie gesagt. Es zählt nicht deine Zugehörigkeit zu einer Schicht, oder gar dein ‚Klassenbewusstsein‘, sondern lediglich, ob du Kapital investierst oder ob du konsumierst und sparst. Das Vertrauen in dich und deine lohnabhängigen Ersparnisse ist weg, so dass du nicht länger an einem Zinsgewinn beteiligt wirst, sondern Gebühren für die monetäre Dienstleistung erhoben werden. Und deshalb konzentriert sich ‚das Kapital‘ auf die großen Metropolen, die sogenannte ‚Entwertung der Arbeit‘ verschärft in ‚postindustriellen Regionen‘ den Gegensatz zwischen Provinz und Metropole. In entsprechenden Ländern steigt der Gini-Koeffizient wieder, während er im globalen Durchschnitt sinkt.“

„Und nun? Soll das heißen, der Kapitalismus zerstört sich selbst? Wäre doch toll? Dann musst du diese ganzen Kapitalist*innen nicht mehr umbringen oder in ein Gulag stecken...“

„Es geht nicht darum, dass du entweder Kapitalist oder Arbeiter bist. Es geht um Interessen, die als materielle Interessen erst einmal objektiv und unabhängig von dem konkreten Interessenkonflikt bestehen, wo sie zum Ausdruck kommen, sei es in deinem persönlichen Handlungskalkül oder bei einem Streit gesellschaftlicher Akteursgruppen. Viele Menschen im Globalen Norden haben etwas Vermögen, das sie als Kapital einsetzen können, und sind dennoch auch Lohnabhängige. Und ich glaube nicht, dass der Kapitalismus einfach aufhört. Das ist doch der Witz. Es geht ja um Widersprüche. Die können sich am Ende nur entweder blockieren oder mörderisch werden. Der zweite Widerspruch zwischen Akkumulation und Reproduktion ist längst mörderisch geworden. Das Mittelmeer ist eines seiner Massengräber. Wobei es dem Marx ja um eine andere, eine dritte Möglichkeit ging, was mit den Widersprüchen passieren müsste: die Aufhebung der Widersprüche...“

„Ja, im Sozialismus, mit Hilfe einer gewalttätigen Revolution...“

„Ja, aber ist das wirklich dialektisch gedacht? Manche sehen ja in sogenannten ‚Commons‘ eine Aufhebung des ersten Widerspruchs. Wenn ich eine Mediendatei unendlich und kostenfrei reproduzieren kann, ist der Widerspruch zwischen Warenform und Gebrauchswert aufgehoben. Die Kapitalist*innen können kein Geld mehr damit verdienen.“

„Hm, aber du kannst diese Mediendatei nicht essen, es ist nur digital. Du brauchst immer noch Computer, Strom, Ressourcen.“

„Es geht darum, dass diese Mediendatei selbst als Ware ausfällt und dennoch Gebrauchswert hat. Im Grunde ginge es darum, die Güter als Möglichkeiten zu begreifen, und diese allgemein zugänglich zu machen – einschließlich der Produktionsmittel, wie eine Open-Source-Software, bei der die Hardware so selbstverständlich wäre wie heute noch das Leitungswasser.“

„Klingt immer noch ziemlich elitär und absurd utopisch. Das wäre ja damit nur etwas für Informatiker*innen und Ingenieure. Und die Revolutionstheorie ist verabschiedet. Und der Klassenkampf… Und du nennst mich unpolitisch?"

11:00 26.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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