Afghanistan, der Sommer und die Empathie

Empathie Wie können wir guten Gewissens den Sommer genießen, ohne uns gleichgültig gegenüber dem Leiden anderer zu verhalten?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am Mittwoch ertönte aus dem Nichts heraus plötzlich ein lauter Knall. Ein Knall der 90 Menschenleben auslöschte und mehr als 400 teils lebensgefährliche Verletzungen zufügte. Dieser Knall ereignete sich in der afghanischen Hauptstadt Kabul und ist nicht der erste seiner Art. Tatsächlich gab es alleine seit Jahresbeginn 2017 bereits achte schwere Anschläge in Kabul, die hunderte Menschen töteten und von denen jeder nicht nur ein Trümmerfeld in der Stadt hinterließ, sondern auch in den Herzen und Köpfen all jener, von denen wir denken, dass der Terror für sie doch längst zur Gewohnheit geworden sein muss.

Von all diesen Anschlägen habe ich jeweils nach kurzer Zeit erfahren. Über alle habe ich mich informiert und doch ist der Anschlag vom Mittwoch für mich etwas Besonderes. Nicht unbedingt, weil er einer der folgenschwersten in den letzten Jahren war, sondern vielmehr, weil das, was danach in meiner Heimat, Deutschland, passierte, mich emotional berührt hat. Am selben Mittwoch rückten Polizeikräfte in Nürnberg aus, um den 21 Jährigen Asef aus seiner Schule abzuholen und in seine Heimat abzuschieben. Anders als ich ist Asef nicht in Deutschland geboren und darf deshalb nicht so selbstverständlich wie ich hier zur Schule gehen. Meine Regierung ist sogar der Meinung, dass er überhaupt nichts mehr in Deutschland tun darf - dass er kein Recht hat, sich hier aufzuhalten. Und so schickt sie eine Polizeieskorte, um ihn abzuholen und gegen seinen Willen in ein Flugzeug zu setzten. Asef soll nach Afghanistan zurückkehren, das Land in dem er lebte, bevor er nach Deutschland kam.

Begründet wird dies damit, dass seine Heimat, Afghanistan, ein sicheres Land sei und er dort ohne Gefahr leben kann. Deshalb wurde Asef auch nicht gefragt, ob er nicht trotzdem lieber in Deutschland bleiben möchte, wo er zur Schule geht, viele Freunde hat und sich wohlzufühlen scheint. Die Entscheidung darüber, wo Asef leben darf, treffen andere für ihn. Wer genau ist schwer zu sagen, aber manchmal frage ich mich, ob diese Menschen auch Nachrichten gucken. Ob sie abends dieselben Bilder sehen, wenn sie nach Hause kommen. Ob ihnen klar ist, was es bedeuten muss, in einem Land zu leben, das sich seit 16 Jahren in einem Krieg befindet. Ein Land, in dem eine ganze Generation von jungen Menschen mit traumatischen Erfahrungen aufwächst. Ein Land, das ihnen keine Perspektive bieten kann.

Anders als die Beamten und Polizisten, die Asef am Mittwoch gegen seinen Willen abschieben wollten, haben seine Mitschülerinnen und Mitschüler vielleicht doch das ein oder andere Mal die Nachrichten geguckt, oder ihnen ist Asef einfach ans Herz gewachsen. Jedenfalls haben sie sich zu hunderten den Polizisten in den Weg gestellt, als diese ihn am Mittwoch abholen wollten. Dabei haben sie riskiert, dass die Gewalt, die die Polizeibeamten schließlich eingesetzt haben, um Asef dennoch abzuführen, auch sie trifft. Sie haben sich mit Asef solidarisiert und aktiv für ihn eingesetzt. Das hat mich beeindruckt und berührt.

Ich habe das Gefühl bekommen, dass dies etwas Besonderes war und mit mir offensichtlich viele andere. Bereits am Mittwochabend habe ich von mehreren Freunden gehört, dass es die Idee gibt aus Solidarität mit Asef und allen anderen von Abschiebung bedrohten Menschen, anlässlich dessen, was an diesem Tag fast zeitgleich in Kabul und Nürnberg passierte, zu demonstrieren. Für ein Ende der Abschiebungen. Für eine menschliche Politik.

Am nächsten Tag hatte ich viel zu tun. Auch wenn ich zurzeit eine kleine Pause in mein Studium eingebaut habe, bin ich viel beschäftigt und unterwegs. Ich habe zwei Jobs und gehe regelmäßig zum Sport. Das allermeiste, womit ich meinen Tag verbringe, kann aber sicherlich als Freizeitbeschäftigung gelten. Und so bin ich auch an diesem Tag von einer Verabredung zur nächsten geradelt. Weil ich den Sommer so mag, habe ich versucht auch von diesem besonders sonnigen Tag so viel wie möglich mitzubekommen. Schließlich sind die Sommertage in meiner deutschen Heimat recht begrenzt.

Am Abend habe ich dann nochmal eine Nachricht mit einem Link zu einer Facebook-Veranstaltung bekommen. In meiner Stadt haben sich offenbar genug Menschen zusammengetan, um in sehr kurzer Zeit eine Kundgebung an einem zentralen Ort in der Innenstadt auf die Beine zu stellen. Auch wenn Nürnberg und Asefs Schicksal gut 400km entfernt liegt - und Kabul fast 7000 - scheinen diese Menschen das Gefühl zu haben, dass sie die Ereignisse etwas angehen. Nach einem langen und teils auch anstrengenden Tag habe ich mich eigentlich auf einen gemütlichen Abend gefreut, wollte kurz vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause. Mein Zimmer ein bisschen aufräumen, ein paar Dinge und Gedanken sortieren. Ich wollte mir nochmal Zeit für mich nehmen und die Chance dafür nutzen, einen unbeschwerten Tag zu einem harmonischen Ende zu führen. Als ich mich schließlich von meinem Fahrrad aus dem Park und durch die belebten Häuserschluchten meiner Heimatstadt tragen ließ, habe ich Lust darauf bekommen, doch noch eine kleine Runde zu drehen. Ich entschied mich kurzerhand bei der Kundgebung vorbei zu schauen.

Ich traf etwa 20 Minuten nach Beginn der Veranstaltung ein und blieb fast bis zu ihrem Ende. Es waren vielleicht hundert Menschen dort, mit Plakaten, Transparenten und einer Lautsprecherbox. Für die Kundgebung wurde ein Ort im Herzen der Stadt gewählt und so tummelten sich rund um den Veranstaltungsort hunderte Passanten. Gleich aus der Ferne fiel mir auf, wie isoliert die Menschen standen, die sich der Kundgebung zugehörig zu fühlen schienen. Und auch, wie viele von Ihnen offensichtlich nicht aus Deutschland kommen mussten. Viele trugen Schilder in fremder Schrift und die meisten Menschen, die sich am „offenen Mikrofon“ zu Wort meldeten, sprachen nicht auf Deutsch.

Ich habe mich ein bisschen so gefühlt, als gehöre ich hier nicht hin, was auch daran lag, dass ich dort niemanden traf, den ich kannte. Obwohl meine Freunde sich doch auch für Politik interessieren und ihnen die Menschenrechte wichtig sind. Das hat mich etwas enttäuscht, allerdings habe ja auch ich mit dem Gedanken gespielt, es mir im Park und dann zuhause gemütlich zu machen. Dennoch bekam ich das Gefühl, dieser Protest, diese Solidarität sei eine Sache, die mich nicht betrifft, die mich nicht angeht. Etwas, das sich getrennt von meinem Leben entwickelt. Als ich kurz vor Ende der Kundgebung auf mein Fahrrad stieg und der untergehenden Sonne entgegen nach Hause fuhr, verstärkte sich dieses Gefühl. Nur wenige Meter von der Veranstaltung entfernt, schien eine Parallelwelt zu existieren.

Niemand nahm Notiz von dem, was dort passierte, niemand guckte rüber oder schloss sich uns interessiert an, obwohl doch alle auf den Lautsprecher aufmerksam geworden sein müssen und die großen Transparente eindeutig zeigten, warum wir uns hier versammelt haben: Damit niemand mehr gegen seinen Willen in ein Land abgeschoben wird, aus dem die UNO berichtet, dass unter den stetig steigenden zivilen Opfern von Terroranschlägen inzwischen fast jedes dritte ein Kind ist. Ein Land aus dem sich das International Rote Kreuz aufgrund der verschlechterten Sicherheitslage zurückgezogen hat. Ein Land, das sich seit 16 Jahren im Krieg befindet und in dem der Kommandant der US-Streitkräfte auf eine massive Aufstockung der NATO-Bodentruppen drängt, um überhaupt eine Chance zu haben, den anhaltenden Konflikt zu beruhigen.

Eine Forderung also, die doch ziemlich plausibel scheinen sollte und der sich jeder leicht anschließen können sollte. Dennoch blieb ich mit dem Gefühl zurück, dass der Kampf gegen Abschiebungen vor allem etwas zu sein scheint, dass diejenigen etwas angeht, die von Abschiebungen direkt bedroht sind. Als ich entlang der belebten Cafés und Bars durch die bunten Straßen der Stadt und vorbei an den dicht bevölkerten Parks nach Hause fuhr, wurde diese Trennung noch deutlicher. Dort diejenigen, die vor Krieg und Terror geflohen sind, um hier in permanenter Angst vor Abschiebung zu leben und hier diejenigen, für die das ganze vielleicht sogar mehr als 7000km weit weg ist. Obwohl meine Stadt doch als so weltoffen und tolerant gilt. Und obwohl unsere Bundeswehr doch seit Beginn des Kriegs in Afghanistan im Jahr 2001 an den Kämpfen beteiligt ist und hunderttausende Zuflucht Suchende von dort in den letzten Jahren hier in Deutschland ankamen. Wir alle haben sie heute als Nachbarn, Schulkameraden oder laufen ihnen so regelmäßig über den Weg.

Doch offensichtlich scheint uns dennoch etwas zu trennen. Und auch ich nahm die ersten Meldungen zu dem Terroranschlag in Kabul mit einer gewissen Routine auf, interessierte mich für die Fakten zu Zielen und Todesopfern, anstatt mir die menschlichen Schicksale hinter dieser Horrortat vorzustellen. Ich reagierte kühl und abgeklärt, Emotionen spielten keine Rolle. Erst die Tatsache der zeitlichen Parallele und der Mut der Jugendlichen in Nürnberg haben mir klar gemacht, dass es hier nicht um irgendwelche Opferstatistiken geht, sondern um das Recht auf Leben, dass jeder Mensch genauso verdient hat, wie ich selbst.

Und so kamen in mir viele Fragen auf. Fragen danach, was es über mich selbst aussagt, dass ich erst auf den zweiten Sprung zu fühlen anfing? Was es über die Gesellschaft aussagt, in der ich lebe, dass sie sich lieber in sommerlicher Unbeschwertheit vergnügt, als an dem Schicksal derer teilzuhaben, die als verwundbarste Mitglieder unserer Gesellschaft gelten können. Sind es nicht gerade Empathie und Mitgefühl, die uns als menschliche Wesen auszeichnen? Ich frage mich, ob es heute zum Menschsein dazu gehört, den Terror und das unendliche Leid, das auf der ganzen Welt existiert zu ignorieren, um selbst ein paar Glücksmomente erleben zu können?

Ich habe das Gefühl, dieses Glück verdient zu haben, immerhin bin auch ich hier vielen Zumutungen ausgesetzt. Nicht erst die steigende Zahl von Burnouts und Depressionskrankheiten zeigt, dass auch bei uns das Leben nicht nur leicht ist. Ich brauche solche guten Momente, Momente die einfach Spaß machen und Kraft schenken. Deshalb ist es mir wichtig, dass ich mich auch um mich sorge. Sicherstelle, dass ich Spaß habe und möglichst viel Zeit damit verbringe, Dinge zu tun, die mir gefallen.

Leider habe ich aber immer wieder das Gefühl, dies nur zu können, indem ich ignorant gegenüber dem Leben anderer werde. Mir fällt es schwer eine passende Balance zu finden, zwischen der Sorge um mich selbst und dem Mitgefühl für andere. Wie steht es um meine Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf das Leid, die Trauer und den Schmerz anderer, wenn es mir so leicht fällt, den Ort der Kundgebung zu verlassen, um mit meinen Freunden im Park zu grillen? Wie steht es um meine Hilfsbereitschaft, wenn ich abends lieber einen klassischen Roman lese, als mich mit der akuten Bedrohung durch Abschiebung auseinanderzusetzten, der sich die Menschen im Wohnheim eine Straße weiter stellen müssen?

Die in der Psychologie gängigen Begriffe der Empathie und des Mitgefühls beschreiben genau diese Fähigkeiten, die die Grundlage für Solidarität bilden. Ihr gegenüber steht der Begriff der Entfremdung. Diese macht uns unfähig lebendig, mitfühlend und empathisch die Wirklichkeit wahrzunehmen. Mein gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein legt mir nahe, mich solidarisch für andere einsetzten zu wollen. Zeitgleich weiß ich aber auch, dass es mir persönlich am besten geht, wenn ich mich vor allem auf mein eigenes Wohlbefinden konzentriere. Manchmal fühle ich mich, als werde mein Inneres durch diese Widersprüche zwischen Lebenslust und gesellschaftlicher Verantwortung zerrissen. Dann erinnere ich mich daran, was Carolin Emcke, die Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016, in ihrem Essay „Weil es sagbar ist“ geschrieben hat. Sie plädiert dafür, dass es in einer guten Gesellschaft nicht nur möglich, sondern auch nötig sein muss, vom Leid anderer erfahren zu können. Sie argumentiert für das Ethos der Empathie und des Erzählens. Doch wie viel kann ich erzählen, wie viel mir anhören? Und überhaupt, was tue ich dann mit dem neu erfahrenen Leid, außer ein weiteres dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte in meinem Kopf und meinem Herzen mit mir herumzutragen?

Vielleicht hat Carolin Emcke recht und wir müssen uns dem als „unsagbar“ geltenden Stellen, müssen all unsere Kraft darauf verwenden, die Bedingungen unseres Zusammenlebens neu zu definieren. Doch ich kann mir nicht vorstellen, woher die zwischenmenschliche Energie kommen soll, die dafür notwendig wäre, einander offen zu begegnen und uns tatkräftig für die Leiden und Belange anderer einzusetzen. In seinem Buch „Dem Leben entfremdet“ vertritt der Psychoanalytiker Arno Gruen die Meinung, dass wir in der westlichen Welt als „Originale“ geboren werden und im Prozess unseres Aufwachsens von uns selbst entfremdet werden. Er behauptet, unsere Zivilisation beeinträchtige die Fähigkeit, wahre Lieben und Empathie zu empfinden nachhaltig und oft zerstörerisch. Nur wenn wir uns selbst mit all unseren Schwächen annehmen und lernen die Schwächen anderer zu respektieren, können wir Arno Gruen zufolge den Prozess der Selbstentfremdung durchbrechen. Dies könnte der Ausgangspunkt für eine neue solidarische Lebensweise sein.

Wie das konkret geht, verrät er leider nicht. Und in mir wächst das Gefühl, auf der Suche nach einer Antwort darauf, endlich eines der zahlreichen Bücher in die Hand nehmen zu müssen, die sich mal wieder seit Wochen auf meinem Schreibtisch stapeln. Wenn ich nur wüsste, wie ich zwischen Uni, Arbeit, Engagement und Freizeit die nötige Zeit dafür finden soll.

02:37 02.06.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 10