Märchen aus Morgenland

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Ja wirklich, Das Klima für das Wachstum von Wahrheit hatte sich immer mehr verändert in all diesen Jahren. Es wurde insgesamt förderlicher für ihr üppiges Gedeihen.

Und nun, wo der ursprüngliche Glaube ganz allgemein, und mit öffentlicher Genugtuung von einer überwältigenden Mehrheit wahrheitsliebender Menschen abgelehnt wurde, hingen in allen Häusern und wichtigen Bereichen des menschlichen Lebens unsichtbare, aber bemerkenswerte Bilder. Bilder von der Wahrheit, und zwar für jede wichtige Wahrheit eines.

Diese Bilder gaben den Bewohnern Sicherheit und Frieden, ja ganz besonders den ersehnten inneren Frieden. Als Verbündete der Wahrheit waren sie nun so mächtig wie einst die Verbündeten des Glaubens.

Die Wahrheit war allgegenwärtig. Sie klopfte an die Türen, sie begleitete die Menschen bei ihren Treffen mit anderen Wahrheitsliebenden und wurde dort verstärkt oder ausgetauscht, nachts prasselte sie auf die Dächer der Häuser nieder und verschaffte sich Zugang durch feinste Öffnungen, unbemerkt sickerte sie durch die Schächte und Leitungen in die Räume der Menschen ein, und formte sich auf wundersame Weise zu schönen, manchmal ein wenig kitschig wirkenden, leuchtenden bildhaften Darstellungen.

Aber häufig erwachten die Menschen des Nachts immer noch im Schlaf, angsterfüllt, und voll mit eigentlich unbegründeten Zweifeln.

Dann gingen sie an den Platz, wo sie sich eines Bildes mit der Wahrheit sicher waren und schauten ihr ins kurz Angesicht. Das beruhigte sie üblicherweise, und sie konnten ihren Schlaf meist friedlich fortsetzten.

Natürlich gab es auch zu dieser Zeit schon einige Zweifler, welche von der dringenden Überzeugung angetrieben wurden, dass die Wahrheit nur ein verborgenes Glaubensphänomen darstellt. Diese Zweifler brachten die vereinigte Welt der Wahrheit mit ihren egoistischen Überzeugungstaten zu einem späteren Zeitpunkt sogar bis an den Rand des Abgrundes.

Aber dies lag einzig im menschlichen Bedürfnis nach gelegentlicher wahrer Irrationalität begründet, welches neben dem immer deutlicher zum Ausdruck gekommenen Bedürfnis nach wahrer Liebe zu einer verhängnisvollen Schwäche der Wahrheit führte, und nicht, wie in folgenden Generationen oft nachträglich in geschichtsverfälschender Weise zu begründen versucht wurde, allein in der Überzeugungskraft der absolut von ihrer damaligen Überzeugung Überzeugten.

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00:18 06.02.2012
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Geschrieben von

ostello jaeger

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