Kernschmelze

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Der Zusammenbruch von Lehmann Brothers im September 2008 wird bisweilen als die Kernschmelze des Finanzsystems bezeichnet. Mit kaltem Schweiß auf der Stirn und Panik im Blick schauten Banker, Manager und Politiker in den Abgrund unserer Wirtschaftsordnung. Schon einmal hatte eine Kernschmelze ähnliche Angst und Entsetzen ausgelöst. Damals war im auf einmal gar nicht mehr fernen Tschernobyl ein Atomreaktor in die Luft geflogen und hatte großer Teile Europas verstrahlt. Auch wenn ich 1986 gerade mal sieben Jahre alt war, meine ich mich zu erinnern, dass die Reaktionen auf beide Katastrophen sich durchaus gleichen.

Im April vor 23 Jahren wurde nach dem Brand und der Kernschmelze im ukrainischen Reaktor erst einmal lautstark geschwiegen und dementiert. Dann schickte Moskau eine riesige Schar so genannter Liquidatoren – man geht heute von bis zu 600.000 aus - die weitgehend ungeschützten und für diesen Fall schlecht ausgerüstet den Brand bekämpften und den Schaden zu beheben versuchten. In einem nächsten Schritt wurde die Bevölkerung aus den am stärksten verstrahlten Gebieten evakuiert und schließlich ein riesiger Sarkophag aus Beton um die strahlende Ruine errichtet. Die übrigen Blöcke des Atomkraftwerks blieben bis in das neue Jahrtausend hinein in Betrieb.

Und wie war der Umgang mit der Kernschmelze des Jahres 2008? Zunächst wurde die Finanzkrise über Monate hinweg zu einem rein US-amerikanischen Problem herunter geredet. Als dann mit Lehmann Brothers die gesamte globale Finanzarchitektur ins Wanken geriet wurden eiligst Rettungspakete aufgelegt. Wie die völlig überforderten Sowjets meinten auch die Architekten der Rettungsschirme einen genauen Plan und eine sachgerechte Strategie durch schiere Größe und ersetzen zu können. Bis heute weiß niemand so genau welches Geld wofür eingesetzt wird. Klar ist nur, dass es einzelne Banken gibt, die mittlerweile einen dreistelligen Milliardenbetrag aus den Staatstöpfen erhalten haben. Längst hat sich die Finanzkrise zu einer weltweiten Wirtschaftskrise entwickelt. Und nun setzt auch hier die Evakuierung ein und zwar die der Arbeitskräfte von ihren Arbeitsplätzen. In Deutschland geschieht diese Evakuierung noch abgefedert durch Kurzarbeit. Über kurz oder lang droht aber auch den Arbeitskräften in unserem Land das Schicksal der Arbeitslosigkeit, das 20 Millionen chinesische Wanderarbeiter bereits ereilt hat. Der letzte Schritt des Kampfes gegen die Folgen der Kernschmelze, den Bau eines Sarkophags, wird im aktuellen Fall nicht gelingen. Unser ganzes Wirtschaftssystem ist der Krisenherd und lässt sich anders als bei Tschernobyl nicht von der noch intakten Welt abtrennen.

Insgesamt haben nicht nur die Reaktionen auf die Kernschmelze in beiden Fällen vieles gemeinsam. Dies scheint auch für die Atomenergie und den Kapitalismus generell zu gelten. Beide erzeugen eine große Hitze, sind nur schwer zu kontrollieren und richten im Schadensfall eine unglaubliche Zerstörung an. Ähnlich wie bei den strahlenden Hinterlassenschaften der Atomenergie ist auch beim Kapitalismus die Entsorgungsfrage noch ungelöst. Aber vielleicht sollte nach dem Atomausstieg jetzt der Kapitalismusausstieg angegangen werden. Das wäre doch mal ein echtes Projekt für das 21. Jahrhundert.

18:12 16.02.2009
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Geschrieben von

laob

In Berlin und der Welt
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