sozusagen, ein Verbalterrorist

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Wer die Freude hat häufiger Menschen aus dem politischen Berlin zuzuhören, dem wird ein merkwürdiges Phänomen zu Ohren kommen. Viele Einlassungen und Beiträge sind sprachlich kontaminiert durch das Wort „sozusagen“. Schleichend hat es sich ausgebreitet und in politischen Statements mittlerweile den quantitativen Status von Hundehaufen auf Berliner Trottoirs erreicht. Erstmalig ist mir das „sozusagen“ vor rund sieben Jahren bewusst und geballt über den Weg gelaufen. Seit dem kann ich über diese Floskel nicht mehr hinweghören, was ich mit dem Preis des zeitweiligen Wahnsinns bezahle. Vor allem Spezialisten, die in einem Satz sechs bis zehnmal dieses unheilvolle Nicht-Wort unterbringen, zerren an meinen Nerven.

Noch absurder wird es, wenn man es mit einem Schnellsprecher zu tun bekommt. Dann wird das vielsilbige Wort zu einem schlichten „sosagen“ oder gar einem „sosa“ zusammen gezogen. In einem solchen Fall ist für einen ungeübten Zuhörer kaum möglich zu entschlüsseln, was mit diesen Lauten gemeint sein könnte oder worin der Ursprung dieses merkwürdigen Geräusches liegt.

Nach mehr als einem halben Jahrzehnt Martyrium hat mit ein Leidensgenosse verraten, dass wissenschaftlich betrachtet der Verbalterrorist „sozusagen“ ein Sprechplanungswort ist, das dem Sprechenden hilft seinen Redefluss gedanklich zu strukturieren und ihm Zeit gibt sich beim reden zu überlegen, was er gerade sagen will. Na herzlichen Dank! Weniger reden und zuvor mehr nachdenken könnte auch helfen.

23:06 17.02.2009
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Geschrieben von

laob

In Berlin und der Welt
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