Die Ikone der Reize

Nachruf Jeanne Moreau ist gestorben. Eine Verneigung vor einer der größten und ausdrucksstärksten Schauspielerinnen
Die Ikone der Reize
Jeanne Moreau mit Regisseur Francois Truffaut. Selten gab es tiefere Bilder von Liebe und Verlust als in ihrem Film "Jules und Jim"
Foto: Central Press/Getty Images

Hätte Jeanne Moreau in nur einem einzigen Film gespielt, sie wäre schon 1962 mit Jules und Jim in den Olymp aufgestiegen. Aber die Moreau spielte viele große Rollen. Vollendet in Antonionis La Notte, ebenso in Orson Welles Der Prozeß. Allein ihr Gesicht in der Totale ist unvergessen – der Blick streng, herausfordernd, dramatisch. Dazu der Schalk, der sich in ihrem Gesicht immer auch spiegelte, ich denke an Louis Malles Revolutionskomödie Viva Maria!. Sie war das Gesicht der Nouvelle Vague. Dieser Zug um den Mund herum, das Leuchten der Augen, etwas schimmerte aus einer anderen Epoche herüber, etwa wenn Catherine, Jules und Jim in Paris über jene Stahlbrücke um die Wette laufen – sie in Männeraufmachung mit der Schiebermütze, unschwer als Verkleidung auszumachen, die Männer mit ihren Hüten. Eine solche Welt, die inzwischen unterging. Ach, diese schönen alten Zeiten, an denen man bemerken muss, dass auch deren Betrachter langsam zu einem Fossil gerät.

Jules und Jim war mir einer ihrer liebsten Filme. Was sicherlich damit zu schaffen hat, dass ich ihn in jungen Jahren sah – in einer Zeit also, die prägt und wo sich die Eindrücke von Kunst umso tiefer ins Gemüt wie in den Geist senken. Erzählt wird eine deutsch-französische Geschichte von Liebe und Freundschaft – und das in einer fatalen und doch spielerisch leichten Dreieckskonstellation. Es tobt der Erste Weltkrieg, der das Lebensgefüge der Menschen zerreißt, während die Generäle, Feldherren, Kaiser und Politiker ihren Champagner schlürfen. Freilich, diese Szene kommt im Film nicht vor, aber man kann sie sich in einer Bosheitsaufwallung dazudenken, denn genau das evoziert dieser Film ja ebenfalls. In diesem Sinne ist Jules und Jim zugleich ein subtiler Antikriegsfilm, weil er den Krieg nur am Rande zeigt. Die Freundschaft überwindet Krieg und Politik. Und dann sehen wir eine Trennung, die Liebe eines Deutschen zu Frankreich. Die Ansprüche von Besitz gegen das anfängliche Spiel der Freiheit, das den Reiz der Jugend ausmacht. Der Film visualisiert vielfach Archetypen, wie jenen Aspekt der Freundschaft als eine Art von erotischer Utopie, die Ménage-à-trois, in ihrer Leichtigkeit, anfangs als ein unbeschwertes Spiel des Lebens und Liebens.

Utopie von Erkenntnis, Utopie von Dasein – doch ahnt man bereits das Fragile, das in diesen feingeistigen Übungen des jungen, wilden Lebens steckt. Als könne es ewig so sein, als könnten junge Künstler auf ewig jung und unbeschwert verweilen. Doch das gleitet fort und das Leben fordert einen Preis. Nichts bleibt, wie es ist, und der Fluss nimmt alles und alle Dinge mit in seiner Bewegung. Ich habe selten schönere und tiefere Bilder von der Liebe und vom Verlust im Kino gesehen.

Jules und Jim ist einer dieser Filme, die man nur einmal auf einer großen Kinoleinwand gesehen haben muss. In einem echten Kino. Wenn Jeanne Moreaus und Oskar Werners Gesicht in die Nahaufnahme rücken, wenn sie einander berühren, so bedarf es, um das genau zu erfassen und auf sich wirken zu lassen, einerseits des Abstands im Raum, im Dunkeln sitzend, tief im roten Kinosessel, gebannt, und zugleich nötig ist dazu eine Größe des Bildes in der Ferne. In diesem Sinne ist Kino eine erhabene Kunst. Jeanne Moreau gab diesen Bildern mit ihrem Spiel eine adäquate Gestalt. Heute lege ich die DVD mit Jules und Jim in den Rekorder. Verneige mich vor einer der größten und ausdrucksstärksten Schauspielerinnen.

Adieu, liebe Jeanne Moreau!

15:12 02.08.2017
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

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