Lars Hartmann
Ausgabe 0117 | 10.01.2017 | 06:00 13

Eine eigene Erzählung

Kapitalismus Wie ließe sich die Zukunft von links her zurückerobern? Zur Strategie von Nick Srnicek und Alex Williams

Eine eigene Erzählung

Occupy Wall Street: Die „Folk-Politik“ sozialer Bewegungen scheitert an der Komplexität der Verhältnisse

Foto: Ashley Gilbertson/Vii/Redux/Laif

Karl Marx sagte, die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme aber darauf an, sie zu verändern. Theorie jedoch, sagte Theodor W. Adorno ein Jahrhundert später, halte sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt worden sei. Auf Theorie setzt auch Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit von Nick Srnicek und Alex Williams. Ihre Theorie ist auf verändernde Praxis angelegt; sie versteht sich als Strategie der Intervention. Solcher Intervention bedarf es angesichts einer umfassenden Krise der Praxis, in die linke Bewegungen gerieten. Das Buch reagiert auf die Aporien sozialer Bewegungen wie Occupy ebenso wie auf die Erosion der Arbeiterklasse.

Universalismus von unten

Das Engagement sozialer Bewegungen, erklären die Autoren, stecke im Partikularen fest, es beziehe sich häufig auf lokale Räume. Sie nennen diese Formen des linken Protests „Folk-Politik“. Oft würden, wie bei Occupy, nicht einmal mehr Forderungen gestellt. Folk-Politik agiere zwar unmittelbar und spreche oft große Teile der Bevölkerung an, wie beim Anti-AKW-Protest, doch scheitere sie an der Komplexität der Verhältnisse. Sie kann dem Neoliberalismus nichts Wesentliches entgegensetzen, und schon gar nicht hebelt der Protest das System immanent aus, um die Kräfte des Gegners Kapitalismus gegen ihn selbst zu richten. Mit ihrem Buch knüpfen Srnicek und Williams an ihr Manifest für eine akzelerationistische Politik an.

Damit solche Emanzipation hin zur postkapitalistischen Gesellschaft vorangetrieben wird, müsse linkes Denken die Zukunft positiv besetzen, und zwar in einem universalen Sinn, der sich nicht bloß aufs Partikulare verschiedener linker Bewegungen bezieht. Die Autoren knüpfen hier an Gramscis Hegemoniebegriff an. Das umkämpfte Erbe der Moderne, um das Neoliberalismus wie auch linke Theorie gleichermaßen ringen, soll von links her zurückerobert werden, dem neoliberalen Narrativ der Marktfreiheit muss eine eigene Erzählung entgegengesetzt werden, die Rede ist von einem „Universalismus von unten“.

Vom Gegner lernen, so beschreibenSrnicek und Williams diese Strategie des Politischen. „Gelingt es umgekehrt, linke Themen und Kategorien an prominenter Stelle zu platzieren, wäre das bereits ein großer Schritt nach vorn.“ Wirksame Visionen ließen sich zum Beispiel über den Begriff der Arbeit entwickeln, die zum gesellschaftlichen Nutzen und nicht zur Profitmaximierung eingesetzt wird. Zumal durch Automatisierung ein qualitativer Sprung möglich ist, der es erlaubt, die Arbeitsgesellschaft zu verlassen. Erwerbsarbeit sei freiwillig. Srnicek und Williams plädieren für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Eine linke Moderne müsse die auf Kapitalakkumulation beruhende globale Ordnung überwinden. Sie schafft einen Unterbau, auf dem plurale Lebensweisen gedeihen, die Minderheiten und andere Kulturen berücksichtigen. Von jenem Ansatz von Habermas, die Moderne als „unvollendetes Projekt“ zu fassen, unterscheidet sich diese globale Emanzipationstheorie darin, dass sie dezentralistisch auftritt und Minderheiten einen Platz einräumt.

Allerdings muss linke Theorie in die Praxis überführt werden. Hier fokussieren die Autoren den Machtbegriff: „Doch eine Welt jenseits der Arbeit aufzubauen, bedeutet eine gesellschaftliche Transformation im großen Maßstab, was wiederum die Fähigkeit erfordert, Macht auszuüben.“ Sich dem Machtbegriff zu stellen, vor dem sich die folkpolitische Linke meist drückte, ist eine Stärke des Buchs. Veränderungen funktionierten nur, indem man sich verschiedener Organisationsformen wie Parteien und Gewerkschaften bediene und neu justiere, betonen Srnicek und Williams.

Einen weiteren Hebel sehen sie im Konzept der synthetischen Freiheit. Das daran geknüpfte Versprechen der Emanzipation funktioniere jedoch nur, wenn die Gesellschaft die Technik entfessele. Ethische Debatten über Cyborgs oder Gentechnik seien antiquiert. Die Autoren sprechen vom „prometheischen Geist“. Dieses Denken verhält sich gegenüber der Technik positiv – anders als die Technikskepsis linker Theorien. Es weigert sich, „Einschränkungen als natürlich und unüberwindlich anzuerkennen“. Forciert wird das Projekt der Naturbeherrschung. Dass solche Entfesselung in Szenarien des Schreckens münden kann, unterschlägt das Buch. Zudem, und das hält der Rezensent für einen schwerwiegenden Mangel, ignoriert dieses Denken die philosophische Kritik gegenüber naivem Technikoptimismus. Insbesondere Günther Anders’ Die Antiquiertheit des Menschen ist hier zu nennen.

Zu wenig Futter

Zudem können Srnicek und Williams nicht plausibel machen, in welcher Weise im Postkapitalismus unterschiedliche Interessen von unterschiedlichen Gruppen wie Migranten, Arbeitern, Frauen, Schwulen, Lesben et cetera nur im Ansatz zu vermitteln sind. Das, was sie unter dem Begriff „Kräftepluralismus“ fassen, bleibt abstrakt. Selbst ein Projekt wie Habermas’ Diskursethik liefert in diesem Kontext mehr Futter. Wie soll gemeinsames Handeln gelingen und wie lässt sich eine umfassende gesellschaftliche Solidarität heterogener Gruppen erzeugen? Antworten darauf bleibt das Buch schuldig, oder die Autoren formulieren sie bewusst vage.

Sie liefern dennoch Anregungen, wie eine andere Zukunft aussehen könnte. Überlegungen zu den Gewerkschaften etwa, die sich bei den sozialen Fragen dringend hin zu den „unsichtbaren Arbeiterbewegungen außerhalb des Arbeitsplatzes“ öffnen müssen, also zu Menschen, die aus dem System der Arbeit fallen. Die Gewerkschaften umzufunktionieren, ist geboten, weil sich die klassischen Strategien der Arbeitskämpfe wie etwa Streiks in Zeiten von Stellenabbau und der „Prekarisierung der proletarischen Bevölkerung“ nur bedingt eignen. Gerade Gewerkschaften sind ein guter Ausgangspunkt, da sie über komplexe Organisationsformen verfügen.

Zum Klassiker linker Theorie taugt das Buch zwar nicht, doch es kann als Denkmodell dienen. Zukunft weist, weil sie offen ist, auf Möglichkeiten. Obwohl darin die Gefahr des naiven Utopismus liegt und das Grundvertrauen der Autoren in Technik nicht hinreichend mit jener „Dialektik der Aufklärung“ rechnet, wagen Srnicek und Williams den Versuch, Schaltstellen des Neoliberalismus zu besetzen. Der Optativ zeigt uns Perspektiven auf, Möglichkeiten anderer Existenz in einer postkapitalistischen Gesellschaft. Darin liegt die Stärke solcher Fantasien. Fragwürdig mutet jedoch manche Begrifflichkeit an: „Updates politischen Denkens“ und „Upgrades politischen Handelns“ klingen nicht minder technizistisch als die Sprache der Neoliberalen.

Die von den Autoren geschilderten Prozesse zur Veränderung benötigen eine der kostbarsten Ressourcen – nämlich Zeit. Vielleicht lässt sich der Ansatz von Srnicek und Williams gut auf einen Punkt bringen: Statt Revolution betreiben wir aktiv die Evolution. Der Rezensent sitzt dabei in seinem komfortablen Grandhotel Abgrund und fragt sich, ob dieses akzelerationistische Projekt der Moderne gelingen mag.

Info

Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit Nick Srnicek, Alex Williams Thomas Atzert (Übers.), Edition Tiamat 2016, 384 S., 24 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/17.

Kommentare (13)

Sascha 10.01.2017 | 09:49

Ja, hört sich nach einem interessanten Text an! Obwohl ich meine, dass viele dieser Gedanken nicht gerade neu sind. Aber die Sache mit dem eigenen Narrativ der Linken, das den Blick auf eine linke Moderne und Zukunft öffnet, halte ich auch für durchaus wichtig.

Natürlich bin ich anderer Meinung als die Autoren und stimme dem Redakteur zu, dass reiner Technikfetischismus uns nicht weit bringt, weil er die Gefahren und Risiken der technologischen Dynamik ausser Acht lässt. Technischer Fortschirtt ist nämlich nicht per se ein Fortschritt für die Menschen und die Gesellschaft. Die technologische Entwicklung sollte rational gesehen immer auf ihre Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft beleuchtet und kritisch hinterfragt werden.

Und mir würde schon Antworten einfallen auf die Frage, die hier im Artikel aufgeworfen wird: Die pluralen Interessen können zB dadurch vermittelt werden, dass man aus den reichhaltigen Erfahrungen der basisdemokratischen, anarchistischen und rätekommunistischen Bewegung Lektionen lernt und sich von dort etwas abschaut, wie unterschiedliche Interessen demokratisch vermittelt werden können, sodass niemand sich unterordnen muss und niemand seine Interessen durch Machtausübung über andere stellen kann.

Denn nach meinem Eindruck ist die Schwäche der beiden der Autoren: sie lassen außer Acht, dass Macht nicht neutral ist und nicht einfach für eine linke Moderne "umfunktioniert" werden kann. Man sollte gerade auch die Herrschafts- und Machtverhältnisse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft radikal in Frage stellen und lieber basisdemokratische, also genuin und wirklich demokratische Auswege und Alternativen suchen.

Und womit ich überhaupt nix anfangen kann, ist dieser Hinweis auf den "evolutionären" Weg am Schluss. Ich denke nämlich schon, dass eine soziale Revolution notwendig ist, im Sinne eines langfristigen gesellschaftlichen und politischen Prozesses und eines Klassenkampfes von unten, als Bedingung für die Schaffung einer linken Moderne, oder wie ich es lieber nennen möchte: für den Kommunismus und für das gute und schöne Leben für alle.

gelse 11.01.2017 | 08:04

>>Zudem können Srnicek und Williams nicht plausibel machen, in welcher Weise im Postkapitalismus unterschiedliche Interessen von unterschiedlichen Gruppen wie Migranten, Arbeitern, Frauen, Schwulen, Lesben et cetera nur im Ansatz zu vermitteln sind. et cetera nur im Ansatz zu vermitteln sind.<<
Diese Gruppen befinden sich nicht in einen Interessengegensatz.
Oder soll es heissen: Migranten oder Arbeitern oder Frauen oder Schwulen oder Lesben? Nein? Falls nein, dann sollte man nicht so tun, als ob die Arbeiterklasse homogen aus weissen, heterosexuell lebenden Männern bestünde. Arbeiter/innen, die in einer homosexuellen Beziehung leben, unterscheiden sich ökonomisch nicht von Arbeiter/innen die in einer heterosexuellen Beziehung leben.
Das Problem liegt darin, dass auf "irgendwielinks" geschminkte Bürgerlich-Liberale die Existenz der ökonomischen Klasse leugnen, und stattdessen eine als „bunt“ verbrämte soziale Spaltung propagieren.

gelse 11.01.2017 | 08:33

>>Man sollte gerade auch die Herrschafts- und Machtverhältnisse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft radikal in Frage stellen...<<
Ja.
Es wird kein Weg daran vorbeiführen, der Besitzerklasse die Macht über die Produktionmittel zu entreissen. Und weil wir wissen, sie ihre ökonomischen Macht nicht freiwillig aufgeben, müssen schlaue Strategien entwickelt werden, mit den sich Blutvergiessen möglichst vermeiden lässt.
Alles Andere, die Frage welche Arbeitsergebnisse für die Lebensqualität nützlich sind oder schädlich, Verteilung der gesselschaftlich notwendigen Arbeit etc. kann erst danach entschieden werden.

Sascha 11.01.2017 | 08:46

Möglicherweise habe ich ja diese Stelle im Artikel nicht richtig verstanden, aber ich lese sie etwas anders als Sie. Ich denke, der Redakteur will damit nicht ausdrücken, dass es einen Gegensatz oder Widerspruch der Interessen zwischen all diesen Gruppen gäbe. Natürlich gibt es Überschneidungen und kann eine Arbeiterin gleichzeitig lesbisch oder ein Geflüchteter auch Arbeiter sein. Die Frage ist hier ja schon: Was soll überhaupt in diesem Zusammenhang ein "Interesse" von LGBTIQ-Menschen oder von Geflüchteten sein? Gibt es so etwas überhaupt bzw. ist der Begriff hier richtig angewendet? Es gibt vielleicht Bedürfnisse dieser Menschen, aber "Interessen"? LGBTIQ-Menschen und Geflüchtete haben wie alle Menschen das Bedürfnis, respektvoll und menschengerecht behandelt zu werden ( oder negativ formuliert: sie wollen nicht diskriminiert werden) und ihre sozialen Bedürfnisse zu befriedigen. Im Gegensatz dazu gibt es sehr wohl ökonomische Interessen der Arbeiterklasse wie angemessene Löhne und würdige Arbeitsbedingungen. Ich meine, wenn der Autor hier davon spricht, dass all diese Gruppen ihre unterschiedlichen Interessen "vermitteln" sollen, dann will er damit wohl eigentlich nur sagen, dass jeder Mensch andere Erfahrungen macht, andere Wahrnehmungen hat, andere Beziehungen pflegt und andere Ziele im Leben verfolgt, weil ja jeder Mensch ein Individuum ist. Die Frage ist aber, wie ein Mensch seine oder ihre Bedürfnisse in der Gesellschaft verwirklichen kann. Also kann jemand so leben, wie er oder sie gerne möchte? Und das muss eben gesellschaftlich "vermittelt" werden, im Sinne von: Kommunizieren, Anspruch erheben und Forderungen stellen. Und da dies einfacher und erfolgversprechender ist, werden solche Forderungen eben meistens zusammen in Form von Gruppen gestellt, wo man gemeinsame Anknüpfungspunkte findet, zB LGBTIQ-Community, Communities von Geflüchteten, Gewerkschaften usw.

Sascha 11.01.2017 | 09:06

Ja, Ihrem Kommentar kann und will ich nicht widersprechen! Sehe ich auch so. Soziale Emanzipation vom Kapitalismus bedeutet zu allererst die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Ergänzen möchte ich, dass die Frage nach den "schlauen Strategien" eben seit jeher innerhalb der Linken sehr umstritten ist. Ich befürworte so wie Sie einen gewaltfreien Weg. Und Gewaltfreiheit heisst für mich vor allem: Gemeinsam reden und Kommunizieren. Die Gewalt ist im Kapitalismus systemimmanent und strukturell. Die Linke sollte sich meiner Meinung nach darauf konzentrieren, die gesellschaftlichen Strukturen des Kapitalismus kritisch zu hinterfragen und gesellschaftlich zu delegitimieren (sich also dem System radikal zu verweigern) und nach Möglichkeit durch den Aufbau von sozialer Gegenmacht und gesellschaftlich praktikablen Alternativen die Strukturen des Kapitalismus real zu überwinden. Und last not least verstehe ich unter Gewaltfreiheit explizit nicht, dass man sich als Linke nicht verteidigen darf gegen die unzähligen Brutalitäten und Barbareien des Kapitalismus und des repressiven und autoritären bürgerlichen Herrschaftssystems.

Lars Hartmann 11.01.2017 | 10:02

@ Sascha: Ihre Einwände, insbesondere zum Begriff der Macht, sind berechtigt. In diesem Sinne fehlt mir bei den beiden Autoren zudem der in Theorie fundierte Ausgriff auf Macht, insbesondere von der linken Seite her wie bspw. bei Foucault. Allerdings weisen die Autoren – zu recht wie ich meine –, darauf hin, daß man in Fragen der Veränderung mit alten Klassenkampfkonzepten nicht weiterkommt. Im Westen wird es in absehbarer Zeit keine Aufstände einer geschlossen operierenden Arbeiterklasse geben.

Zentrale Differenz bleibt in diesen Konzepten in der Tat die Frage eines revolutionären oder eines evolutionären Weges. Wobei ich gegenwärtig und bei den Spaltungsprozessen innerhalb der BRD-Linken sowie in den Diskussionen um kleinklein keine revolutionäre Strategie ausmachen kann. Vor einigen Tagen twitterte Alexander Morlang: „während sich die linken im bedingungslosen kleinkrieg befinden, sind bei amazon über 230.000 Menschen ohne gewerkschaft. merkste was?“ Das bringt die Probleme ganz gut auf den Punkt.

@ Gelse
Der Interessengegensatz der verschiedenen Gruppen ist immer dann gegeben, wenn sie, wie es im kapitalistischen Prinzip der Konkurrenz vorgesehen ist, sich um eine Ressource streiten. Im Falle der weniger qualifizierten einheimischen Arbeiter in der BRD und der Migranten konkurrieren beide um Arbeit. Und wenn dann Journalisten – wie es etwa Ulf Poschardt macht – freundlich die Willkommenskultur zelebrieren und im selben Atemzug schreiben, nun sei es aber an der Zeit, die rigiden Arbeitsmarktgesetze der BRD zu „liberalisieren“, nach US-Vorbild, und wenn bereits wieder der Mindestlohn zur Disposition steht, dann ist etwas faul. Nicht nur im Staate Dänemark. Man achte einmal darauf, wer plötzlich alles für sein Mitleid gelobt wird, der sich ansonsten etwa in der Frage zu Griechenland als wenig mitleidig erwies. (Stichwort Medikamente für Krebspatienten etc.)

Zu dieser Konkurenzsituation kann man auch bei Marx im „Kapital“ nachlesen, etwa in dem Kapitel „Progressive Produktion einer relativen Übervölkerung oder industriellen Reservearmee“. Natürlich ist allen Gruppen dennoch ihre Klassenlage gemeinsam, wenn sie gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

gelse 11.01.2017 | 10:25

>>...nun sei es aber an der Zeit, die rigiden Arbeitsmarktgesetze der BRD zu „liberalisieren“, nach US-Vorbild, und wenn bereits wieder der Mindestlohn zur Disposition steht, dann ist etwas faul.<<
So ist es. Verbesserung der Ausbeutungsbedingungen. Immer wieder die alte Leier, unter immer wieder anderen Vorwänden.
Und dem kann eine linke Bewegung nur entgegenhalten, dass Alle Nichtbesitzenden gemeinsam an der Verbesserung ihrer Lage interessiert und dieses Interesse auch nur gemeinsam durchsetzen können.

Sascha 11.01.2017 | 12:09

Lieber Lars Hartmann, ich möchte an dieser Stelle differenzieren: Es ist einerseits wie Sie sagen sehr richtig, dass nicht nur in Deutschland, sondern nach meinem Eindruck auch anderswo, auf absehbare Zeit eine soziale Revolution für den Kommunismus nicht zu erwarten ist. Aber ich orte anders als Sie und die Autoren das Problem nicht darin, dass der revolutionäre Klassenkampf heute unwichtig oder untauglich wäre. Ich finde genau das Gegenteil ist richtig: der Klassenkampf und damit verknüpfte revolutionäre Ansätze muss ganz dringend belebt werden und wer wenn nicht die Linke soll das in Bewegung setzen? Ja, es wird in der Linken tatsächlich viel gestritten und wenig bewegt. Aber das macht meiner Meinung nach eine Theorie und Praxis von revolutionärem Klassenkampf als Strategie umso wichtiger! Es sollte viel mehr Foren und Austausch darüber innerhalb der Linken geben plus Aktionen und Hinaustragen in die Gesellschaft!

reflex 11.01.2017 | 16:59

von links her zurückerobern“ bedeutet schon das Scheitern.

Die „Arbeit“ wird in Zukunft vor allem Dienstleistung von Menschen für Menschen sein und bislang „Ehrenamtliches“ zielgerichtet einschließen. Die größte Leistung der Menschheit – die Transportleistung – wird zudem eine zentrale Rolle spielen und sich als Dienstleistung nur beschränkt automatisieren lassen.

„Gesellschaft“ muss sich nach einem REBOOT völlig neu erfinden und vor allem grundsätzliche Solidarität zur Maxime erheben. Ideologie muss als Herrschaftsmotor geächtet und zu einer reinen ungehinderten Privatsache werden.

Regieren – Organisieren des Daseins – darf sich auf ethisch-moralischer Grundlage nur pragmatisch am verträglich Zweckmäßigen orientieren. Nur so lassen sich die verschiedenen „Welten“ zu einer einzigen Welt friedlich zusammenführen.

Ob und wie das gelingt, steht dahon. – Gelingt das nicht, wird das Leben auf diesem Globus grünstigstenfalls einen neuen Anfang erfahren, wobei „mensch“ nicht mehr vorhanden sein mag.

– mlskbh –

w.endemann 12.01.2017 | 18:43

Die Autoren Srnicek/Williams leisten einen bedenkenswerten Beitrag zum linken Selbstverständnis und zur Strategiedebatte. Allerdings sind die im Blog angemerkten Kritikpunkte nicht nur überaus gerechtfertigt, sondern noch ergänzungsbedürftig. Im Einzelnen:

1. ist der Kapitalismus ein globales System. Er ist machtpolitisch nicht von der Peripherie her auszuhebeln. Den Kampf Dorf gegen Stadt verliert das Dorf. Ich verstehe ja die Motivation der Regionalisten, aber ihr Konzept ist unrealistisch und läuft doch einigen Aspekten einer modernen linken Lebenswelt zuwider. Insofern haben die vorgestellten Autoren recht, daß linke Tendenzen gebündelt werden müssen durch eine gemeinsame positive Zukunftsperspektive und daß dabei schon vorhandene Institutionalisierungen eine wichtige Rolle zu spielen haben. Ein linker Universalismus muß hegemonial werden.

2. ist eine Solidarisierung über gemeinsame Interessen notwendig, und die kann nicht, wie es im frühen Kapitalismus naheliegend war, über den klassischen Lohnarbeitsbegriff erfolgen, da wir uns schon weit entfernt haben von einer Arbeitsgesellschaft und mit der informationstechnologischen Revolution und Automatisierung immer weiter entfernen. Hätte man sich von der Scheinnutzenproduktion verabschiedet und wäre die notwendige Arbeit gerecht verteilt, würde sie bereits den kleineren Teil der Lebenswelt ausfüllen. Die Rückgewinnung des Primats der Politik vor der Wirtschaft, des politischen Willens vor ökonomischer Notwendigkeit steht auf dem Spiel, ein Meilenstein wäre die Durchsetzung eines konsequenten BGE.

3. Technik muß im linken Selbstverständnis wieder eine neutrale Bedeutung bekommen, sie ist ein nützliches Mittel, aber Ursache weder von Elend noch von Heil der Menschheit. Sie darf weder verteufelt noch vergöttert werden. Ein hohes technologisches Niveau ist die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit, aber die Überbetonung von Technik macht die Menschen eindimensional und der unverantwortliche Umgang mit ihr kann in die Katastrophe führen.

4. gibt es nicht die Alternative Evolution oder Revolution. In hochentwickelten Gesellschaften muß sehr vieles evolutiv ausgebaut und verbessert werden, andrerseits sind alle Reformbemühungen müßig, wenn nicht die kapitalistische Grundstruktur revolutioniert wird. Und mit ihr das ideologische Paradigma in den Köpfen der meisten. Das intuitive Wissen, daß das System in einer unüberwindlichen Dauerkrise ist und unsere Werte nicht die richtigen sind, ist vorhanden, nur geben sich zu viele noch der Illusion hin, aus der Lage einen persönlichen Vorteil ziehen zu können, viele glauben, sich nicht und selbst nichts verändern zu müssen, nicht wenige vertrauen auf die Magie kurzschlüssiger Scheinlösungen.

Sascha 13.01.2017 | 08:56

Hey, ich wollte doch mehr
Als an der Oberfläche kratzen
Wollt das Jetzt überschreiten
Und nach vorne im Gesamten
Ich will
Bißchen Menschen, die die Augen aufreissen
Und nicht laufend drauf scheißen
Dass das Grauen so kalt ist
Will die City reclaimen
Und Fabriken besetzen
Scheiss auf Autoritäten
Und ihr leeres Geschwätz
Will einen Aufstand
Will Menschen in perfekter Union
Ich will den Klassenkampf von unten
Bis zur Revolution

Yeah!

https://vimeo.com/199259377