Eine eigene Erzählung

Kapitalismus Wie ließe sich die Zukunft von links her zurückerobern? Zur Strategie von Nick Srnicek und Alex Williams

Karl Marx sagte, die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme aber darauf an, sie zu verändern. Theorie jedoch, sagte Theodor W. Adorno ein Jahrhundert später, halte sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt worden sei. Auf Theorie setzt auch Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit von Nick Srnicek und Alex Williams. Ihre Theorie ist auf verändernde Praxis angelegt; sie versteht sich als Strategie der Intervention. Solcher Intervention bedarf es angesichts einer umfassenden Krise der Praxis, in die linke Bewegungen gerieten. Das Buch reagiert auf die Aporien sozialer Bewegungen wie Occupy ebenso wie auf die Erosion der Arbeiterklasse.

Universalismus von unten

Das Engagement sozialer Bewegungen, erklären die Autoren, stecke im Partikularen fest, es beziehe sich häufig auf lokale Räume. Sie nennen diese Formen des linken Protests „Folk-Politik“. Oft würden, wie bei Occupy, nicht einmal mehr Forderungen gestellt. Folk-Politik agiere zwar unmittelbar und spreche oft große Teile der Bevölkerung an, wie beim Anti-AKW-Protest, doch scheitere sie an der Komplexität der Verhältnisse. Sie kann dem Neoliberalismus nichts Wesentliches entgegensetzen, und schon gar nicht hebelt der Protest das System immanent aus, um die Kräfte des Gegners Kapitalismus gegen ihn selbst zu richten. Mit ihrem Buch knüpfen Srnicek und Williams an ihr Manifest für eine akzelerationistische Politik an.

Damit solche Emanzipation hin zur postkapitalistischen Gesellschaft vorangetrieben wird, müsse linkes Denken die Zukunft positiv besetzen, und zwar in einem universalen Sinn, der sich nicht bloß aufs Partikulare verschiedener linker Bewegungen bezieht. Die Autoren knüpfen hier an Gramscis Hegemoniebegriff an. Das umkämpfte Erbe der Moderne, um das Neoliberalismus wie auch linke Theorie gleichermaßen ringen, soll von links her zurückerobert werden, dem neoliberalen Narrativ der Marktfreiheit muss eine eigene Erzählung entgegengesetzt werden, die Rede ist von einem „Universalismus von unten“.

Vom Gegner lernen, so beschreibenSrnicek und Williams diese Strategie des Politischen. „Gelingt es umgekehrt, linke Themen und Kategorien an prominenter Stelle zu platzieren, wäre das bereits ein großer Schritt nach vorn.“ Wirksame Visionen ließen sich zum Beispiel über den Begriff der Arbeit entwickeln, die zum gesellschaftlichen Nutzen und nicht zur Profitmaximierung eingesetzt wird. Zumal durch Automatisierung ein qualitativer Sprung möglich ist, der es erlaubt, die Arbeitsgesellschaft zu verlassen. Erwerbsarbeit sei freiwillig. Srnicek und Williams plädieren für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Eine linke Moderne müsse die auf Kapitalakkumulation beruhende globale Ordnung überwinden. Sie schafft einen Unterbau, auf dem plurale Lebensweisen gedeihen, die Minderheiten und andere Kulturen berücksichtigen. Von jenem Ansatz von Habermas, die Moderne als „unvollendetes Projekt“ zu fassen, unterscheidet sich diese globale Emanzipationstheorie darin, dass sie dezentralistisch auftritt und Minderheiten einen Platz einräumt.

Allerdings muss linke Theorie in die Praxis überführt werden. Hier fokussieren die Autoren den Machtbegriff: „Doch eine Welt jenseits der Arbeit aufzubauen, bedeutet eine gesellschaftliche Transformation im großen Maßstab, was wiederum die Fähigkeit erfordert, Macht auszuüben.“ Sich dem Machtbegriff zu stellen, vor dem sich die folkpolitische Linke meist drückte, ist eine Stärke des Buchs. Veränderungen funktionierten nur, indem man sich verschiedener Organisationsformen wie Parteien und Gewerkschaften bediene und neu justiere, betonen Srnicek und Williams.

Einen weiteren Hebel sehen sie im Konzept der synthetischen Freiheit. Das daran geknüpfte Versprechen der Emanzipation funktioniere jedoch nur, wenn die Gesellschaft die Technik entfessele. Ethische Debatten über Cyborgs oder Gentechnik seien antiquiert. Die Autoren sprechen vom „prometheischen Geist“. Dieses Denken verhält sich gegenüber der Technik positiv – anders als die Technikskepsis linker Theorien. Es weigert sich, „Einschränkungen als natürlich und unüberwindlich anzuerkennen“. Forciert wird das Projekt der Naturbeherrschung. Dass solche Entfesselung in Szenarien des Schreckens münden kann, unterschlägt das Buch. Zudem, und das hält der Rezensent für einen schwerwiegenden Mangel, ignoriert dieses Denken die philosophische Kritik gegenüber naivem Technikoptimismus. Insbesondere Günther Anders’ Die Antiquiertheit des Menschen ist hier zu nennen.

Zu wenig Futter

Zudem können Srnicek und Williams nicht plausibel machen, in welcher Weise im Postkapitalismus unterschiedliche Interessen von unterschiedlichen Gruppen wie Migranten, Arbeitern, Frauen, Schwulen, Lesben et cetera nur im Ansatz zu vermitteln sind. Das, was sie unter dem Begriff „Kräftepluralismus“ fassen, bleibt abstrakt. Selbst ein Projekt wie Habermas’ Diskursethik liefert in diesem Kontext mehr Futter. Wie soll gemeinsames Handeln gelingen und wie lässt sich eine umfassende gesellschaftliche Solidarität heterogener Gruppen erzeugen? Antworten darauf bleibt das Buch schuldig, oder die Autoren formulieren sie bewusst vage.

Sie liefern dennoch Anregungen, wie eine andere Zukunft aussehen könnte. Überlegungen zu den Gewerkschaften etwa, die sich bei den sozialen Fragen dringend hin zu den „unsichtbaren Arbeiterbewegungen außerhalb des Arbeitsplatzes“ öffnen müssen, also zu Menschen, die aus dem System der Arbeit fallen. Die Gewerkschaften umzufunktionieren, ist geboten, weil sich die klassischen Strategien der Arbeitskämpfe wie etwa Streiks in Zeiten von Stellenabbau und der „Prekarisierung der proletarischen Bevölkerung“ nur bedingt eignen. Gerade Gewerkschaften sind ein guter Ausgangspunkt, da sie über komplexe Organisationsformen verfügen.

Zum Klassiker linker Theorie taugt das Buch zwar nicht, doch es kann als Denkmodell dienen. Zukunft weist, weil sie offen ist, auf Möglichkeiten. Obwohl darin die Gefahr des naiven Utopismus liegt und das Grundvertrauen der Autoren in Technik nicht hinreichend mit jener „Dialektik der Aufklärung“ rechnet, wagen Srnicek und Williams den Versuch, Schaltstellen des Neoliberalismus zu besetzen. Der Optativ zeigt uns Perspektiven auf, Möglichkeiten anderer Existenz in einer postkapitalistischen Gesellschaft. Darin liegt die Stärke solcher Fantasien. Fragwürdig mutet jedoch manche Begrifflichkeit an: „Updates politischen Denkens“ und „Upgrades politischen Handelns“ klingen nicht minder technizistisch als die Sprache der Neoliberalen.

Die von den Autoren geschilderten Prozesse zur Veränderung benötigen eine der kostbarsten Ressourcen – nämlich Zeit. Vielleicht lässt sich der Ansatz von Srnicek und Williams gut auf einen Punkt bringen: Statt Revolution betreiben wir aktiv die Evolution. Der Rezensent sitzt dabei in seinem komfortablen Grandhotel Abgrund und fragt sich, ob dieses akzelerationistische Projekt der Moderne gelingen mag.

Info

Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit Nick Srnicek, Alex Williams Thomas Atzert (Übers.), Edition Tiamat 2016, 384 S., 24 €

06:00 10.01.2017
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

Kommentare 13