Kommt bald das Fake-Theater?

Dercon vs. Reese In der Urania diskutierten die neuen Intendanten der Volksbühne und des Berliner Ensembles. Kritische Nachfragen blieben aus
Kommt bald das Fake-Theater?
Vorreiter für ein Fake-Theater? Die Esther Perbandt Show auf der Berliner Fashion Week 2017

Foto: Alexander Koerner/Getty Images

Wer auf dem Spielplan der Berliner Theater unter Volksbühne nachschaut, sieht den September über Striche: Keine Vorstellung, zwei Monate lang wird das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz nicht bespielt. Stattdessen zieht es das Dercon-Theater nach Tempelhof, zur Spielzeiteröffnung wurde das Flugfeld betanzt. Fous de danse – Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof ist ein Projekt des französischen Tänzers und Choreografen Boris Charmatz. Gleichnamige Tanz-Events fanden 2015 und 2016 bereits in Rennes und im Mai 2017 in Brest statt. Im Herbst folgt Paris.

Aber was leistet das neue Dercon-Theater? In Tempelhof bekommt der Zuschauer statt Sprechtheater drei Wochen Tanztheater serviert. Echte Eigenproduktionen folgen bisher nur drei: Omar Abusaadas Iphigenie (Tempelhof, vier Aufführungstage), Susanne Kennedys Women in Trouble (große Bühne, sechs Tage) und im Februar von Albert Serra Liberté. Die Regie- und Dramaturgenstellen strich Dercon, er halbierte das Ensemble, die Stellen für Marketing verdoppelt er dafür und schuf acht Kuratorenstellen. Also genau das, was seine Kritiker befürchteten.

Am Montag versuchte Dercon in der Berliner Urania, sein Konzept bei einer Podiumsdiskussion mit dem neuen BE-Intendanten Oliver Reese zu präzisieren. Das klassische Ensembletheater solle variiert werden, so drückte Dercon es unscharf aus. Reese sprach sich gegen das „postdramatische Fieber“ aus und erklärte, er wolle das klassische Ensemble stärken. Eine Gemeinschaft von Menschen an einem Theater, keine wechselnden Gastspiele solle es bei ihm geben. Dabei sei ihm ein politisches Theater wichtig, um nicht den Anschluss zu verlieren, etwa gegenüber dem politisch-aktuellen Kino.

Fokus auf die "ideelle Gemeinschaft"

Dercon hingegen setzte auf einen Anfang bei null. Die Ökonomie der klassischen Theaterproduktion stellte er in Frage. Im Fokus stehe die ideelle Gemeinschaft, nicht die Vertragsgemeinschaft. Eine schöne neoliberale Umschreibung für die Abschaffung des klassischen Ensembles, die in sein Konzept passt. Gattungsgrenzen lösten sich auf, deshalb schwebe ihm ein „Stadttheater ohne Grenzen“ vor, ein Mehrspartenhaus, in dem Tanz, Film, Musik, klassisches Theater und bildende Kunst gemixt werden. Dennoch behauptet Dercon, die Kontinuität der Volksbühne sei ihm wichtig. Wie das funktionieren soll, blieb an diesem Abend ein Rätsel.

Dispute oder kritische Nachfragen an Dercon kamen kaum auf. Die meiste Zeit über sprach er: Tanz als politische Kunst, die Frage nach Identität und Körperpolitik. Poststrukturalistisch-vages Rauschen im Saal. Vielleicht hätte man wie beim Kanzlerduell Redezeiten festlegen sollen. Oliver Reeses Einwände blieben verhalten, aber sein Theaterkonzept überzeugte. Moderator Peter Raue glänzte durch Esprit, manchmal hakte er nach, im Ganzen aber war es eine harmonische Runde. Vereinzelt murrte es aus dem Publikum. „20 Millionen“, rief eine Dame erbost.

Mit dem Internet kamen irgendwann die Fake News. Hoffen wir, dass sich mit Dercon nicht das Fake Theater etabliert. Nach dem postdramatischen Theater wäre das eine ganz neue Gattung.

06:00 16.09.2017
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

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