Neue Linke müssen her

Umwelttheorie Mit der ökologischen Krise werden Klassenstandpunkt oder sexuelle Identität sekundär, meint Thomas Seibert
Neue Linke müssen her
Wer es wagt, der Katastrophe ins Auge zu blicken, segelt unter gemeinsamer Flagge ...
Foto: Zuma Press/Imago

Geschichte ist nach Karl Marx die Geschichte der Klassenkämpfe. Für spätmoderne Gesellschaften kann man es so zuspitzen: Sie ist die Geschichte der politischen Krisen und vor allem der ökologischen Katastrophe. Kapitalismus, der sich kybernetisch, global und über Datenströme entfesselt, der verwüstete Landstriche zurücklässt, Hunger und Ausbeutung produziert. Natur, die aus den Fugen geraten ist. Die Dialektik von Produktivkräften und -verhältnissen ist kompliziert geworden, die Melodie der Gesellschaft spielt schneller, sodass revoltierende Kräfte die Verhältnisse anders zum Tanzen bringen müssen als früher. Auf diese spätmoderne Krisenerfahrung reagiert Thomas Seiberts Ökologie der Existenz.

Er möchte dabei die verschiedenen Krisen nicht losgelöst voneinander betrachten, sondern sie in ihrem Zusammenhang verstehen. Sie erkennen und verändernd eingreifen können nur Menschen. Deshalb stellt Seibert die Frage nach dem Subjekt neu: Inwiefern können wir als tätige Wesen in der Geschichte einen neuen Anfang machen? Da sie sich an Hegel und Marx orientiert, tritt die Kritik dialektisch auf. Doch herkömmliche Krisentheorien, insbesondere solche orthodox-marxistischer Provenienz, reichen nicht mehr aus. Bei der Pluralität von Akteuren in sozialen Kämpfen funktioniert der Griff zum Proletariat als unbewegtem Beweger nicht mehr.

Und es gibt einen Aspekt, der die verschiedenen Subjektpositionen wie Klasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung überschreitet: „Der ökologischen Krise und den von ihr aufgeworfenen ethisch-politischen Herausforderung kommt insoweit eine paradigmatische Rolle zu, als die Ökologie sich von Anfang an systematisch an ausnahmslos alle (…) wendet und darin jedes Partikularinteresse überschreitet.“ Prinzipiell sind alle betroffen. Seibert greift den Multitude-Ansatz von Michael Hardt und Antonio Negri auf: eine Vielheit, die sich politisch einmischt. Das reicht vom klassischen Arbeiter über den Flüchtling bis zur LGBT-Bewegung. Einzelne aus verschiedenen Gruppen, die gemeinsam handeln – das also, was die linke Theorie besonders in Italien unter dem Begriff Postoperaismus fasste: „Deshalb hängt der Neubeginn der Geschichte heute an der Neugründung einer Linken, die sich selbst wieder als Partei eines Anderswerdens der Welt im Ganzen verstehen könnte. Wenn das nicht mehr in der Form einer marxistisch-leninistischen Partei geschehen darf und kann, bleibt die Aufgabe selbst gerade deshalb immer auch eine Formsache, das heißt eine Sache des Wie.“

Die konstatierten Krisen fasst Seibert unter die Begriffe Globalisierung, Kybernetisierung und Individualisierung. Sie treiben auf einen Höhepunkt zu, der sich in einer ökologischen Krise manifestiert. Aber in diesem Punkt der Kulmination, so Seibert, liegt zugleich ein Akt der Freiheit, ein möglicher Wendepunkt. Krisen wie die Französische Revolution bedeuten Veränderung, sie zwingen zum Handeln. Seibert fokussiert politische und philosophische Dimensionen. Dabei fährt er einen Schwung an Texten auf, mischt, mixt, kombiniert und erzeugt ein Feuerwerk aus Denker-Stimmen und Theoriebezug: Michel Foucaults Machtkritik, Jean-Paul Sartre, Marx, Antonio Gramsci, das Kollektiv Tiqqun, Alain Badiou, Slavoj Žižek, Hegels Dialektik von Herr und Knecht, Luce Irigarays differenztheoretisches Weiblichkeitskonzept, Martin Heideggers Seins- und Ereignisdenken, Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Deterritorialisierung. Ein plurales Design.

Auch Positionen Heideggers

Sie alle sprechen mit- und gegeneinander, fallen sich ins Wort, ergänzen einander. Folie für den sozialen Protest ist die 68er-Bewegung – so wie Seibert überhaupt in sein Buch eine Theorie historischer Daten einflicht, von 1789 über 1848, 1917 bis eben zum Mai 1968. Vermittelt sind diese „Geschichtszeichen“ über den Begriff des Ereignisses, der in den gegenwärtigen philosophischen Debatten der Linken einige Konjunktur hat – übrigens auch konzipiert über das späte Denken Heideggers.

Seibert vermeidet es, die Schwächen des Gegners auszuweiden. Er achtet dessen stärkste Position. Das erlaubt es ihm, Positionen zu integrieren, die linker Theorie auf den ersten Blick fremd sind, wie eben diejenige Heideggers. Was in Frankreich keine großen Nöte bereitet – man denke an Sartre und Foucault –, wirkt für die deutsche Linke oft, als käme man mit dem Kirchenkreuz auf der Berliner Schlosskuppel. Seibert nimmt Heidegger als Gewährsmann für den Nexus von Existenz und Praxis und übersetzt ihn in eine Dialektik des Seins. Er liquidiert, verflüssigt also das ontologische Fundament Heideggers. Seinsphilosophie wird hier materialistisch bewegt. Heideggers Fundamentalontologie, das In-der-Welt-Sein transformiert sich in Seiberts Dekomposition zu einer Ökologie der Existenz. Wieweit diese Kombination philosophisch tatsächlich plausibel ist, erforderte eine längere Erläuterung. Methodisch wird sich Seibert vermutlich einige Kritik einhandeln. Interessant jedoch ist diese Verknüpfung, weil sie einen ungewöhnlichen Weg nimmt und die kritische Relektüre Heideggers zudem von einer explizit linken, ökologischen Perspektive erfolgt, nicht als Blut-und-Boden-Ideologie.

Zentral für Seiberts Projekt ist der im Sinne Heideggers gedeutete Begriff der Freiheit sowie Axel Honneths politisch-sittliche Anerkennungstheorie. Das dritte Kapitel seines Buches trägt den Titel „Kritik der Freiheit“. Es handelt sich dabei weder um eine subjektive noch um eine objektive Freiheit: Sie vermittelt durch den sozialen Raum eine Bestimmung, die dem Menschen vorausgeht. Der mit anderen geteilte Raum bei Heidegger korrespondiert mit dem, was Marx das „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ nennt. Mit Heidegger und Marx versucht Seibert eine existenzökologische Kritik in einem radikalen Sinne. Das bedeutet, den Problemen in ihrer Komplexität bis an die Wurzel zu folgen und nicht, wie bei Teilen der Linken beliebt, an der Oberfläche zu verharren und sich darin wie Narziss zu spiegeln.

Seibert versucht, viele Probleme zu stemmen. Die zentralen Linien zerfasern dabei manchmal. Man hätte sich für dieses gelungene Buch zum Schluss eine Engführung gewünscht. Auch die Frage nach einer „verbindenden Partei“, sozusagen die nach dem sozialen Kitt, der die verschiedenen Linien innerhalb der sozialen Bewegung zusammenhalten könnte, bleibt offen. Man kann das als Mangel lesen oder als Chance fürs Offene begreifen. Dass nämlich im Konkreten der sozialen Kämpfe solche Prozesse und Verbindungen immer wieder ausgetragen werden müssen.

Info

Zur Ökologie der Existenz. Freiheit, Gleichheit, Umwelt Thomas Seibert Laika Verlag 2017, 472 S., 29 €

06:00 02.08.2017
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

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