Pose gewinnt

Gesellschaft Was ist von 1968 übrig? Glaubt man Armin Nassehi, vielleicht nicht das Beste
Lars Hartmann | Ausgabe 18/2018 1

Ein Buch zur Zeitchiffre 68. Eines von vielen in diesem Jubiläumsjahr. Bei all der Lektüre fragt man sich gelegentlich, ob wir all diese Bücher wirklich brauchen. In diesem Fall aber liefert Armin Nassehi einen interessanten, weil vielschichtigen und zuweilen auch provokanten Zugang zum Phänomen: von Schelsky bis Pop, von Dutschke bis Habermas, bis hin zur Krise der Gegenwart samt der neuen Linken und Rechten als Resultat der 68er-Bewegung. Viel Stoff. Nassehis Buch betrachtet die Entwicklung um das Jahr 1968 herum aus der Perspektive des Soziologen – komprimiert allerdings, so dass man nicht erst ein Bündel Theorie in der Aktentasche mitschleppen muss, um zu verstehen. Oft zwar in Fachsprache gepackt, aber auch für den interessierten Laien fassbar. Sein Buch ist in den Thesen anregend, wenn auch nicht immer intellektuell befriedigend, weil manche Skizze doch mit grobem Federstrich gezeichnet ist. Dennoch lohnt die Lektüre, auch wenn der Titel in die Irre führt. Denn die Existenz und die Bedeutung von 1968 zweifelt das Buch gerade nicht an.

Theorien im Clinch

Was bedeutet die Chiffre 68? Zu ihrem Erbe zählt Nassehi die Dauermoralisierung, die Etablierung eines unbedingten Standpunkts, von dem aus auf Gesellschaft geblickt wurde, und die Dauerreflexion, was meint, dass Thesen und Äußerungen begründungspflichtig wurden und kritisierbar sind. Das lief in der Stundenbewegung zu Hochformen auf – bis hin zur Selbstzerfleischung. Angesichts dieser Kultur der Kritik blühte eine Theorie, die Gesellschaft auf ihre Bedingungen hin befragte. Insofern ist auch dieses Buch ein Resultat von 68. Der prägende Begriff war „Gesellschaft“. Es schlug die Stunde der Soziologie,die später im legendären Theoriefight Luhmann-Habermas kulminierte: Während für Luhmann die funktionale Systembildung bestimmend war, wo praktische Fragen als technische gehandhabt werden, setzte Habermas einen emanzipativen Begriff von Gesellschaft an, wo soziale Handlungen und Sätze Begründungen unterliegen. Er warf Luhmann vor, die Gesellschaft, so wie sie ist, unkritisch zu rechtfertigen.

Die Entdeckung der Gesellschaft war zugleich die Entdeckung, dass Gesellschaft gestaltbar und veränderlich ist. Nassehis These ist, dass nicht die Protestbewegung die vielfachen gesellschaftlichen Veränderungen auf den Weg brachte, denn die Transformation stellten sich bereits Jahre davor ein und machten „1968“ erst möglich. Das freilich ist keine originelle These, wir finden sie bereits bei Hans-Ulrich Wehler. Nassehi füllt sie aber intellektuell aus, etwa am Beispiel des konservativen Soziologen Helmut Schelsky, der schon Ende der 1950er Jahre den Begriff der Kommunikation diskutiert und für eine Theorie etablierte, die versuchte, die anstehende Erosion starrer BRD-Verhältnisse zu mildern, um neue Stabilität auszubilden.

Eine weitere These lautet, dass auch die Kritiker von 1968 verkappte 68er sind. Durch das, was Nassehi den Generationszusammenhang nennt, können auch Konservative wie Botho Strauß, Norbert Bolz und Konvertiten wie Götz Aly im geweiteten Horizont von 68 auftauchen. CSU-Konservativen wie Dobrindt, die in einer präzise falschen Wendung heute die neue „konservativen Revolution“ fordern, um 1968 hinter sich zu lassen, übersehen, wieweit sie selbst von dieser Generationslage geprägt sind. Auf dieses Paradox weist Nassehi zu Recht hin. Selbst Konservative können sich Inklusionsforderungen wie Frauenrechten nicht mehr verschließen. Der Geist der Zeit ist mitten in der Gesellschaft angekommen. Insofern ist am Ende „1968“ bei Konservativen und Liberalen viel wirksamer gewesen als bei der Linken: „Gerade der Konservatismus hat sich in Deutschland pluralisiert, nach Westen geöffnet und ist schichtendurchlässiger geworden.“ Ironie und Hegelsche List der Vernunft. Wer die Sozialdemokratisierung der CDU beklagt, hat also völlig recht: die Inklusionsschübe haben auch dort nicht halt gemacht. Insofern war Habermas‘ Antwort auf die Frage, was von 1968 bliebe, nicht nur zynisch-witzig, sondern ganz richtig: Rita Süssmuth blieb. Nassehi nennt diesen gesellschaftlichen Dreh das implizit Linke, im Gegensatz zum expliziten, das sich im revolutionären Protest der Studenten zeigte und im Ergebnis erfolglos war.

Ausführlich widmet sich Nassehi dem Pop, neben Reflexion und Moralisierung die dritte große Kraft und Erbschaft der Zeit. Pop ist ein höchst inklusives Phänomen, denn jeder kann dazugehören. Und er entlastet zugleich: Pop erlaubt ohne größere Sanktionen gesellschaftliche Regeln zu brechen. In diesem Sinne ist er eine „konforme Möglichkeit der Subversion.“

Die Moral hat immer recht

Im letzten Kapitel fährt Nassehi noch einmal auf und pointiert die verschiedenen Stränge von Moral, Reflexion und Pop in einer Soziologie der Pose, zu der die Dauermoralisierung erstarrte, wenn postmodern die Unterschiede zwischen Rolle und Person verdampfen und semantisch die Kämpfe um Bedeutung und Macht anheben. Wer darf sprechen? Darf die wohlsituierte Frau für die unterdrückte sprechen, die weiße für die schwarze? „Solche Diskurse können kaum mit guten Gründen aufwarten, aber mit dramatischen, theatralen, emotionalen Posen bei wenig Widerspruchsrisiko.“ Nicht mehr, wer die Partei, sondern wer die Moral auf der Seite hat, hat immer recht. Willkommen in der Gegenwart. Diese identitätspolitischen Diskurse sind nicht mehr das Erbe von 68, sondern die Schwundform von Reflexion. Unbequeme Fakten wie ökonomische Ungleichheit werden zugunsten bequemer Theorie ausgeblendet. Waren die 68er noch Theoriefüchse für Politische Ökonomie und soziale Ungleichheit, wittert die neue Generation nun die Diskriminierung. Insofern fällt Identitätspolitik weit hinter den Reflexionsstand der 68er zurück. Die Möglichkeit, die Gesellschaft zu beschreiben und der Struktur zu begreifen, geht dabei zunehmend verloren, so Nassehi.

Im Gemenge zwischen Cultural Studies, linker Identitätspolitik, neuer Rechter, Pop, Dekonstruktion und Pose hat sich 68 verflüchtigt. „‚1968‘ ist vorbei und sehr aktuell“ – dies kann man als Fazit lesen. Nassehi bleibt hier zwar vielfach spekulativ, aber seine drastische These von der Ähnlichkeit neuer Rechter und neuer Linke ist eine Debatte wert, etwa wenn er von der Reethnisierung von Konflikten spricht. Da, wo das Eigene ständig betont und deren Gebrauch durch Fremde als „cultural appropriation“ markiert wird, findet sich die neue Linke dicht am rechten Modellen der Identität. Das heißt nicht, dass diese neue Linke explizit rechts geworden wäre, wohl aber, dass die Signatur der gegenwärtigen Generationslage, so Nassehi, implizit rechts ist.

Info

Gab es 1968? Eine Spurensuche Armin Nassehi kursbuch.edition 2018, 200 S., 20 €

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06:00 22.05.2018
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

Ausgabe 37/2021

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