Welt am Fuß

Flaneur Unser Autor liebt den Berliner Botanischen Garten, nur hier kommt er in Stunden über die Heide in den Osthimalaya
Welt am Fuß
Aus Hinweisschildern kann der aufmerksame Betrachter immer auch etwas über sich selbst herauslesen

Foto: Bildgehege/Imago

Der Botanische Garten Berlin liegt tief im Südwesten der Stadt, in Lichterfelde, einem Refugium alteingesessener und neu zugezogener Bildungsbürger. Und wer von den Hotspots der Stadt anreist, muss einige Zeit fahren, hinein und hinaus in die Melancholie.

Am besten mit der S1 bis Feuerbachstraße statt zur Station Botanischer Garten, über die „gute alte“ Einkaufsmeile Schloßstraße passiert man ein Kleinod der 70er-Jahre-Architektur, den Steglitzer Bierpinsel, ein Pop-Art-Spaß, jahrelang ungenutzt, wird er seit kurzem bei Sotheby’s zum Verkauf angeboten. Echte Architekturfans steigen kurz noch hinab zum U-Bahnhof Schloßstraße, dann geht es weiter in die Grunewaldstraße, vorbei an der Nummer 13, dem Kafka-Haus. Dann immer geradeaus, eine kleine Fußreise, aber die Pfade von Wildnis und Natur liegen nun einmal weiter ab von der Zivilisation. Inzwischen gelangt der Flaneur zum nördlichen Tor des Botanischen Gartens, dem schöneren der beiden Eingänge, man spürt hier die Aura des feinen Stadtteils Dahlem. Durch das eiserne Tor geht es hinein. Linker Hand der Sumpf- und Wassergarten.

Im Reich des Froschmanns

Im Frühjahr paaren sich dort Frösche, lautes Quaken dringt aus dem Schilf und der Froschmann steigt – ganz Natur – auf die Fröschin. Rechts vom Hauptweg führt ein Pfad durch deutsche Waldlandschaften, Laubmischwald, Eichenwald, Erlenbruch und nährstoffreiches Moor.

Indian Summer von Lichterfelde aus. Hier liegen unweit die rauschenden Wälder der US-Atlantikküste, hier beginnt das Arboretum, der botanische Garten für Gehölze, es ist eine 14 Hektar große Freifläche. Rund 1.800 Baum- und Straucharten samt Wiesen, aber auch dichtes Gehölz der US-Pazifikküste. Wo sonst auf der Welt ragen die kleinasiatische Libanon-Eiche und die kaukasische Stieleiche friedlich nebeneinander in den Himmel?

Ursprünglich befand sich der Botanischen Garten im Stadtteil Schöneberg, an der Potsdamer Straße – dort, wo heute der Heinrich-von-Kleist-Park liegt. 1888 regte Ignaz Urban, Unterdirektor des Königlichen Botanischen Gartens, den Umzug an. Die Berliner Mietskasernen, die im Bauboom der Gründerjahre emporschossen, brauchten Raum. Der Garten wurde, nun ja, „weggentrifiziert“. So zog der wissenschaftliche Garten an die Ränder der Stadt.

Für das Publikum wurde die Anlage 1910 eröffnet. Blickfang des Gartens ist das hoch aufragende Große Tropenhaus mit seinen schillernd klingenden Pflanzen aus der Neuen Welt, aus Ozeanien, Asien und Afrika. Büscheliger Schraubenbaum aus Südostasien wetteifert im Wuchs mit dem von Indonesien bis Ozeanien verbreiteten Zweifelhaften Schraubenbaum und dem Schönhäutchen aus der Karibik, und man fragt sich, wie viel Berliner Witz vor dem Leberwurstbaum Halt macht.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das einstige Symbol der beginnenden Moderne zerstört, wie auch die übrigen Gewächshäuser mit all den Palmen, Kakteen und Begonien. 1958 wiederhergestellt, 1968 das Große Tropenhaus. Ein Jahr später brannte die Verglasung des Tropenhauses, schmelzendes Acryl vernichtete über die Hälfte der Pflanzen. Was noch in diesem Sommer 1969 in Berlin geschah: Die 33. Kleine Strafkammer in Moabit verurteilte die französische Journalistin Beate Klarsfeld zu vier Monaten Gefängnis auf Bewährung wegen einer Ohrfeige, die sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger versetzt hatte. Im Sommer 1970 wurde das Gebäude wieder geöffnet. Besonders schön und duftend ist es, wenn die Kamelien blühen. Im Winter, wenn das Berliner Grau aufs Gemüt drückt, genießt man hier den Kontrast zur Zentralheizung.

Ein Höhepunkt, wenn auch olfaktorisch unangenehmer Art, ist, wenn im Begonienhaus die Titanwurz blüht. Amorphophallus titanum, so die lateinische Benennung. Übersetzt heißt dies „unförmiger Riesenpenis“. Um Käfer zu locken, verströmt die Wurz einen Geruch von Aas und Verwesung. Aber die Blüte steht in jenen Tagen in Pracht – um es unverfänglich zu sagen.

Vor allem im späten Herbst kann man tagsüber herrlich ungestört über die Wege und Pfade spazieren. Es ist der Luxus des Stadtmenschen. Am Wochenende ist es voller, dafür lauscht man in die Gespräche hinein, hört Kinder toben, sieht Eltern tadeln.

Am Morgen unter der Woche ist kaum ein Mensch auf den Wegen zu sehen, die weite Fläche des Gartens liegt wie ausgestorben da. Jetzt fehlt nur noch der Nebel. Man kann über den Sinn von Arbeit oder Poesie nachdenken oder schauen: Ende Oktober stehen die Bäume im letzten Laub, Gelbes und der Rest von Rot, es duftet nach Erde. Morgens liegt Reif auf den Blättern. Von fern dringt der Lärm einer Schulklasse herüber. Manchmal schleicht ein Fuchs über die Wege. Man kann ihm folgen, geheimnisvoll dreht er den Kopf, zieht den neugierigen Besucher hinter sich her ins Unterholz, tiefer hinein ins nährstoffarme Moor, über die Heide in die Alpen.

Hinauf zum Osthimalaya

Wäre Frühjahr (aber das Frühjahr ist weit weg), könnte man Narcissus poeticus entdecken, die Dichternarzisse, es blüht die Großblütige Elfenblume, im Kaukasus gedeiht Bärtigblütiger Frauenmantel, und dort, wo die Heilpflanzen stehen, findet sich Adonis vernalis: gut fürs Herz. In der Botanik steckt fraglos Poesie. Romantiker wie Novalis wussten dies, sie waren ebenso Naturforscher und botanisierten. Paul Celan kannte sich bestens aus. Als er während seines schwierigen Besuchs im Juli 1967 bei Martin Heidegger mit diesem durch den Schwarzwald spazierte, konnte Celan alles, was er sah, benennen und versetzte den Naturmenschen Heidegger ins Staunen. „Arnika, Augentrost, der Trunk aus dem Brunnen mit dem Sternwürfel drauf“, dichtete Celan später dann in Todtnauberg, so heißt bekanntlich auch Heideggers weltberühmte Hütte. Celan hatte sich geweigert, mit ihm fotografiert zu werden, im April 1970 nahm er sich das Leben.

Region Osthimalaya. Ein Hügel von Beeten, und vor mir schlendert ein Paar. Beide um die 40. Ein freundlicher Mann, sie eine schöne Frau mit dunklen schulterlangen Haaren. Der Herr trägt eine Spiegelreflexkamera. Die Dame hängt mit ihrem Handy über Blüten, während er sich auf Sträucher kapriziert.

Inzwischen haben sie mich bemerkt. Der Mann lächelt, ich lächle, wir betrachten verstohlen unsere Hochpreiskameras. Die Frau schaut und ihr Mund kräuselt sich. „Schatz, guckst du mal!“, sie deutet auf einen Strauch. Er schaut, dann verschwindet er wieder hinter aufgehäuften Beeten. Die Frau guckt nach einer Blume, hält ihr Handy drauf. Sie hat bis jetzt nicht bemerkt, dass ihr Mann nicht mehr bei ihr ist. Sie ruft seinen Namen. Christian schweigt. Die Frau geht die Osthimalaya-Höhe hinauf. Nun tritt Christian hinter der felsigen Aufschüttung hervor. „Wo warst du denn? Ich habe dich drei Mal gerufen.“ „Fotografieren.“ Um sie zu besänftigen, nimmt er seine Spiegelreflex, will ein Porträt von ihrem schönen Gesicht machen.

Ein defekter Autofokus surrt hörbar. „Du kriegst mich mit diesem Objektiv nicht scharf!“, ruft sie. Während ich, über ein kleines Rinnsal gebeugt, ein gefärbtes Blatt im Himalaya-Wasser fotografiere, geht das Paar an mir vorbei, entlang der schmalen Furt, und wechselt in eine andere Region.

06:00 03.11.2017
Geschrieben von

Lars Hartmann

Grenzgänge zwischen Philosophie und Kunst
Lars Hartmann

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