Beim Barte der Sphinx: Was unsere Kunstkolumnistin Laura Ewert in Gizeh empörte

Meinung Mit Tutanchamuns Maske, Schmuck und Möbel, aber ohne Nofretete: Die Freitag-Autorin Laura Ewert meldet sich aus Ägypten, wo sie noch dringender als schon auf der diesejährigen Venedig-Biennale gern ein Protestschild zur Hand gehabt hätte
Ausgabe 50/2022
Ein Museum in der Wüste: Das Grand Egyptian Museum
Ein Museum in der Wüste: Das Grand Egyptian Museum

Foto: Khaled Desouki/AFP via Getty Images

Eigentlich sollte hier etwas Abschließendes zu der gerade zu Ende gegangenen 59. La Biennale di Venezia stehen, aber unter uns, die war ja dermaßen unaktuell in ihrer ganzen Uterus-Verehrung und Eso-Weltflucht, dass man kurz davor war, Protestschilder hochzuhalten. „Ich bin mehr als nur Gebärende!“, hätte auf ihnen stehen können oder: „Kapitalismus wird nicht durch Menstruationsblut abgeschafft!“ Na ja, so war das halt. Aber damit sich hier niemand länger aufregen muss, fahren wir auf der Kunstweltkarte ein bisschen nach unten rechts, und zwar nach Ägypten.

Genauer gesagt nach Gizeh, wo die ältesten erhaltenen Bauwerke der Menschen stehen und viel zeitgemäßere Fragen aufwerfen. Steht man nämlich auf den ersten Stufen der Cheops-Pyramide und versucht zu verstehen, was über 4.000 Jahre bedeuten, sieht man den imposanten Neubau des Grand Egyptian Museum. Es wird das größte Museum für ägyptische Kunst der Welt. Über 20.000 Exponate wurden dafür aus den anderen ägyptischen Museen zusammengesammelt. Seit Jahren wird die Eröffnung verschoben, aber wenn es so weit ist, werden dort erstmals die gesamten Inhalte der Grabkammer des altägyptischen Pharaos Tutanchamun zu sehen sein. Die Maske, die Streitwagen, Schmuck, Möbel. Alles, was die Könige und Königinnen sich damals halt so mit ins Grab haben legen lassen, um sie für das Leben nach dem Tod zu rüsten. Denn wenn die Sonne auf- und untergeht, so muss es doch auch die Seele … aber das führt vielleicht wieder zu sehr in die Esoterik.

Was jedenfalls in dem neuen großen Museum nicht zu sehen sein wird, ist die Büste Nofretetes, nach jetzigem Stand der Forschung Tutanchamuns Stiefmutter. Denn die steht weiter in Berlin. Und besucht man diese unfassbaren Bauwerke, betrachtet man später die 22 königlichen Mumien im erst 2021 eröffneten Nationalmuseum der ägyptischen Zivilisation, die in Tuch gewickelten Leichen von Ramses II. und seinen Nachfolgern, oder von Königinnen wie Ahmose Nefertari oder Hatschepsut (Ja, Female Empowerment gab es schon bevor man ein Online-Coaching zum Thema verkaufen konnte), dann stellt man sich schon die Frage: Was macht denn Nofretete eigentlich noch da, will die nicht nach Hause? Kann man „No Boarders, No Nations“ als Slogan gut finden, aber fühlen, dass ein Kunstwerk eine Heimat hat?

Fährt man in seinem klimatisierten Reisebus ein Stück weiter die Wüstenstraße entlang, überholt lahmende Pferde und Menschen, die ihre Hände so halten, als hielten sie etwas in der Luft, damit es auf Fotos so aussieht, als würden sie die Spitze einer Pyramide greifen (Oh, Mensch, wie konnte es so weit mit dir kommen?), landet man an der Großen Sphinx von Gizeh. Dort denkt man nicht nur darüber nach, was wohl wäre mit der Welt, hätten die Kollegen hier damals nicht die Schrift erfunden, man macht sich auch so seine Gedanken über den Bart der Sphinx, der bei den Pharaonen als Insignie der Macht gilt und bei diesem Exemplar wohl abgebrochen ist.

Ein Teil dieses Bartes liegt allerdings als Museumsstück Nummer EA58 im British Museum in London. Es wurde wohl im 19. Jahrhundert von britischen Besatzern mitgenommen und war schon in den 1980er Jahren Gegenstand von Verhandlungen zwischen den Regierungen. Damals bot die britische an, den Bart leihweise für zehn Jahre zurück nach Kairo zu geben. Der Grund, warum die Briten das Stück Kalkstein nicht abgeben wollten, erklärt ein Tourguide den Touristen: Es sei eben mittlerweile fester Bestandteil der britischen Kultur. Und da will man natürlich erst mal dieses Gehirn-Atompilz-Emoji posten. Aber man sollte doch eher Protestschilder malen. Könnte man den Bart und die Nofretete nicht tauschen gegen – sagen wir – freie Wahlen in Ägypten?

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