Für den Gegenwert sehr vieler Kilo Butter oder: das erste Mal Kunst kaufen

Kunsttagebuch Kunst war für unsere Kolumnistin Laura Ewert bisher immer etwas, das man für Geld anschaut. Jetzt hat sie zum ersten Mal selbst Kunst gekauft – für sehr viel Butter ...
Ausgabe 43/2022

Das erste Mal ist wirklich aufregend. Und es kam überhaupt nur so weit, weil sie es mir leicht gemacht hat. Ich habe Kunst gekauft. Das erste Mal. Eine Fotografie, ungefähr postkartengroß, in der Ausstellung Nur Festsache in der Kreuzberger Galerie Schau Fenster. Von der Fotografin anna.k.o. aus Berlin. Kunst war für mich immer etwas, das man für Geld anschaut, aber eher nicht besitzt, nachdem man es dagegen getauscht hat. Ich habe zwar Bilder, die Künstler in meiner Familie gemalt haben, Werke, die mir Künstler geschenkt haben. Gekauft hatte ich noch nie etwas.

Doch der Organisator des Schau Fensters, Jan Kage, hat es wirklich geschickt angestellt. „Wenn du dir ein Werk aussuchen dürftest, welches wäre das?“, hat er gefragt. Frage er immer, sagte er noch, und so eröffnet er diesen sogenannten Möglichkeitsraum. Was wäre, wenn? „Die Fotografie von dem Mann mit den gegelten Haaren von hinten“, sagte ich. Und meinte eine Fotografie von Rosa Merk, die einen Mann von hinten fotografiert hatte. Der Nacken leicht gerötet, die Haare darin frisiert wie ein Hooligan. Oder wie ein Anwalt aus einer schlagenden Verbindung. Und es steckte so viel mögliche Gefahr in diesem Bild, vor der man trotzdem sicher war. Die Fotografin hat den Mann nie von vorn gesehen. Ich habe nie nach dem Preis gefragt.

Aber es gab noch ein Werk, an dem ich hängen blieb, später erst. Eine Fotografie von gestapeltem Brennholz. Sehr akkurat an einer Wand. Gekantetes Holz in gleicher Größe lag beieinander. Runde Stämme waren daneben, ebenfalls in gleichen Größen. Bretterabschnitte eng aufeinander. In manchen Fächern war das Holz nicht nur nach Form, sondern auch nach Größe geordnet, sich nach oben verkleinernd. Und in einem Fach waren runde Hölzer eingerahmt von eckigen. Es machte mich ganz ruhig.

Es ist nämlich so: Ich habe mir über die Lockdowns eine mittelschwere Zwangsstörung eingehandelt, die sich darin äußert, dass ich Müll trennen muss. Es darf kein Papier in den Plastikmüll, auch keine Essensreste. Fein und rein sortierte Plastikmüllsäcke geben mir ein besorgniserregend beruhigendes Gefühl. Nun ja, so ist es jetzt eben. Und diese kleine Fotografie löste diverse Gefühle in mir aus. Ein bisschen lief mir das Wasser im Mund zusammen, ein bisschen hatte ich das Gefühl, das Kaiserschnitt-Kinder haben, wenn man ihren Kopf zusammendrückt, und natürlich hatte ich sehr viel Bewunderung für den Menschen, der das Holz so aufwendig geordnet hatte.

Auf dem Info-Zettel zu Ausstellung standen der Künstlerinnen-Name und der Titel des Bildes: FAST NUR ESCHE, Gotha, 2022 (ein Anagramm des Ausstellungstitels übrigens, der wiederum ein Anagramm von „Schau Fenster“ ist), und dann noch „Preis: VB Tausch gegen Bio Sauerrahmbutter“.

Das war die zweite Tür zum Möglichkeitsraum. Butter. Es gab also die Chance, den unangenehmen Moment des Geldtauschs für etwas, das einem derart intime Gefühle entlockt, zu umgehen. Sich die Hände dabei nicht schmutzig zu machen. Auch die Chance, die Peinlichkeit zu verhindern, dass man in der Verhandlung zu wenig Geld bieten würde.

Ich suchte also anna.k.o. und fragte sie, ob man Butter einfrieren könne, denn so viel würde sie vermutlich auch nicht so schnell aufbrauchen. Sie fragte mich, was denn gerade ein Stück kosten würde, und ich musste überlegen. Und sie sagte, sie wollte eben mal ins Gespräch über Butterpreise kommen. Und wir sprachen über Butterpreise um die 3,50 Euro und Holzraub in Brandenburgs Wäldern. Und wir einigten uns auf einen zweistelligen Kilopreis.

Bis zum 6. November läuft die Ausstellung, kuratiert von Andreas Hachulla, noch. Ich hoffe, es findet noch jemand ein Werk mit therapeutischer Wirkung.

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