Züri brännt – ein kleines bisschen im Kunsthaus

Kunsttagebuch Fühlen Sie sich in der Schweiz auch immer, als hätten Sie etwas falsch gemacht? Umso mehr bewundert unsere Kolumnistin im Kunsthaus in Zürich die starken Charaktere, die Federico Fellini gezeichnet hat
Ausgabe 32/2022

Hallo und guten Morgen aus Zürich, der schönen Stadt am See, wo die Schulkinder in ihren Mittagspausen Rolex shoppen gehen, man in Restaurants Kunst im Millionenwert an den Wänden sieht – unter anderem mal so nebenbei einen Picasso im Raucherroom – und in der ich mich wie überall in der Schweiz immer ein bisschen so fühle, als hätte ich eine Straftat begangen, ohne zu wissen welche. Aber es soll hier nicht um mich gehen. Kennen Sie das Gefühl, wenn man jemanden auf der Straße anschaut, der dann stolpert und man denkt, man selbst sei daran schuld, weil man geguckt hat?

Ich wollte jedenfalls vergangene Woche das Kunsthaus in Zürich besuchen, und als ich dies in die Suchleiste eingab: „Kunsthaus“, um mehr Informationen zu den Öffnungszeiten zu erhalten, da wurde diese Nachricht angezeigt: „Keine Verletzten – Brand im Kunsthaus Zürich gelöscht – Sanierung notwendig“. Es hatte in der Nacht zuvor gebrannt, im Packraum, keine Kunst wurde zerstört, aber Rauch und Ruß hatten sich durch die Lüftung verteilt, das Haus muss zunächst geschlossen bleiben, zumindest der ältere Teil. Und ich dachte gleich, dass vermutlich mein geplanter Besuch irgendwas mit der Brandursache zu tun hat. Aber man soll sich wirklich nicht immer so wichtig nehmen. Also auf zum Kunsthaus.

„Leider ist nur der Chipperfieldbau geöffnet“, sagte eine freundliche junge Frau vor dem eigentlichen Bau. Und „leider“ ist ein bisschen gemein, denn das ist schon ganz schön viel, was da offen hat. Betritt man die große Halle des erst im letzten Jahr eröffneten größten Museums der Schweiz durch seine goldene Türen und blickt auf das große Treppenportal am Ende des Raumes, fällt einem die Höhe der Halle auf den Kopf, da muss man ganz unwillkürlich zweimal schnell einatmen, bevor man den Eindruck laut ausatmet. Welch ein Raum!

Verschiedene Sammlungen hängen hier. Und ganz oben eine wechselnde Ausstellung. Bis 4. September noch: Federico Fellini. Ja, der große italienische Regisseur, der für La dolce vita Anita Ekberg im Trevibrunnen baden ließ und damit nicht ganz unschuldig an zeitgenössischen Influencer-Träumen ist, aber das Baden ist dort natürlich streng verboten.

Federico Fellini – der Karikaturist

Was man – also ich – vom Maestro nicht unbedingt wusste, ist, dass er zeichnete, ja sogar zunächst als Karikaturist arbeitete und 1944 in Rom mit Freunden den Funny Face Shop eröffnete, in dem sich US-Soldaten zeichnen ließen.

Und er, dessen Filme so oft wie eine Reihung an großartigen Fotografien wirken, entwickelte seine Filme auf Papier. 500 seiner Zeichnungen sind in dieser Ausstellung zu sehen. Von feinen, rührenden, minimalen Gesichtern über Skizzen, die beim Telefonieren entstanden, neben denen dann noch die Nummer vom dottore vermerkt ist. Er karikierte Mitarbeiter, skizzierte Bühnenbilder, Kostumentwürfe, Figuren. Der Paparazzo mit hochgereckter Kamera aus La dolce vita, Anita mit riesengroßen Brüsten, der Zampano mit großer Nase und großem Buckel aus La strada, Fernando Rivoli aus Lo sceicco bianco, samt gelber Kopfbedeckung. Überzeichnet vielleicht, aber eher präzise. (Ständig sieht man große Nasen, das lässt einen seit der Documenta-Debatte immer kurz zusammenzucken. Aber Entwarnung!).

Schnelle Zeichnungen sind das, die manchmal erstaunlich nah an die filmische Umsetzung herankommen. Die manchmal aber auch als Kunstwerke für sich allein stehen können, wie zum Beispiel das Bild von Donald Sutherland als Casanova mit unaufhaltsamem buntem kurzem Strich. Oder die Boxerinnen aus La città delle donne, stark und großärschig. Viele sogenannte starke Charaktere. Charaktere, die sich vielleicht nicht sofort schuldig fühlen, wenn es brennt.

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