Du bist, was du isst?!

Ernährung ethisch Bio und vegan entwickeln sich zum vorbildlichen Trend. Doch wie bei allen Trends können nicht alle mithalten.
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„Bio schmeckt nicht jedem“

Vegetarisch oder sogar vegan zu essen, ist insbesondere moralisch toll. Ich bewundere gerade Menschen, die vegetarisch oder die Superlativausprägung davon, vegan, essen, weil ich dies selbst nicht schaffen würde. Das einzige Problem an der Sache: wie die meisten moralisch vorteilhaften Dinge, zum Beispiel auch Fairtrade-Lebensmittel, kostet es Geld, sich besser fühlen zu können. Geld, das Viele nicht eben mal so haben. Die Seele isst mit, aber nicht an der Tafel der Armen, sondern dies äußert sich wie so vieles kapitalisTisch. Also möchte ich in keinem Fall Bio und vegane Ernährung kritisieren, sondern nur erläutern, woran es nun mal für manche scheitert, sich ein Beispiel daran zu nehmen. Und es ist sicher sowieso vorbildlicher, vegan oder Bio zu essen, weil man es kann, als wenn immer und ewig die bildliche Schere des Hummers zwischen Arm und Reich steht. Ich erwähne Bio und vegan auch nicht in einem Text, weil ich beides in einen Topf werfen will. Dann würde völlig zurecht das Tofu in der Pfanne verrückt.

Nebenbei finde ich es großartig, dass Mensen in Hochschulen und Unternehmen häufig täglich eine Auswahl an vegetarischen und veganen Gerichten bieten, die auch gut angenommen wird und gleichzeitig kein Essverhalten aufzwängt (was ja manchmal von Konservativen unterstellt wird), weil sie genau wie Fleischgerichte ein Teil des Angebots darstellt.

Doch es gibt Kontraste hierzu: Bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einer Obdachlosenküche ist mir demgegenüber aufgefallen, dass wir doch relativ viele Wurstbrote für die Gäste geschmiert haben und nachgefragt, wieso wir nicht vegane Wurst oder mehr andere, fleischlose Aufstriche verwendeten. Dabei war mir die Antwort eigentlich schon vorher klar: Die große Mehrheit der Obdachlosen bevorzugt Fleischhaltiges, weil sie sonst vom Fleisch fallen würde. Die kostenlose Wurst ist deshalb begehrter als Marmelade oder ähnliches. Obdachlose haben mangels finanzieller Unabhängigkeit nicht die Wahl, sich eines moralisch hervorzuhebenden Essensspektrums zu bedienen. Es geht nur ums Sattwerden und Kaloriensammeln. So ist ihr Stück vom Kuchen eben das Fleisch.

Nun zum Thema Bio. Der Bio-Trend geht sogar so weit, dass im nächstgelegenen Einkaufszentrum der gute alte, bezahlbare Penny-Supermarkt einem auf Bio-Waren spezialisierten Supermarkt weichen musste. Und ich dachte immer, bezahlbares Essen sei für alle da. Naja, in einer Gesellschaft, in der Nahrungsmittel im Wert von Beträgen im dreistelligen Eurobereich im Durchschnittshaushalt jährlich entsorgt werden, haben die Leute ja offenbar noch genug Geld übrig… Traurig jedenfalls, wenn man aufgrund seines Portemonnaies sogar ein Lebensmittelgeschäft meiden muss. Für mich gilt deshalb auch weiterhin das Motto: Discounter for life!

Amüsant fand ich eine Pädagogin, die sich bei ihrer Bekannten in der Bahn doch tatsächlich darüber beschweren musste, wie enttäuscht sie davon sei, dass so viele Eltern gegen eine gesunde Schulspeisung ihrer Sprösslinge seien, für die doch ruhig mal etwas mehr Geld investiert werden könne. Ein echtes Sahnehäubchen. Leider haben nur nicht alle Eltern das Geld hierzu. In meiner Schulmensa gab es (mutmaßlich Bio-)Nudeln mit (wahrscheinlich auch Bio-)Tomatensoße auf einem nicht allzu großen und nicht gerade tiefen Teller für 3,50 €. Das war der Grund, aus dem ich an der Hand abzählen kann, wie oft ich in meinen acht Jahren auf dem Gymnasium in der Mensa zu Mittag gegessen habe. Man kann nicht allen Geldbeuteln eine hypergesunde Ernährung aufzwängen. Sonst wird das genaue Gegenteil des eigentlich erwünschten Effekts erreicht: Die Kinder kriegen von ihren Eltern weniger als die erforderlichen 3,50 € mit zur Schule und kaufen sich notgedrungen Cheeseburger, eine Packung abgelaufene Hähnchenbrustwurst, Butterkekse oder ein Käsebrötchen von vorgestern im Angebot. Zudem grenzen sie sich dadurch auch weiter von den Kindern besser betuchter Eltern ab und aus und leben ungesünder, neigen leichter zu Fettleibigkeit durch ungesundes Ernährungsverhalten oder – im Gegenteil – essen zu wenig. Dann wird aus „gut gemeint“ zwangsweise die Kategorie „schlecht umgesetzt“. Humane Preise von durchschnittlichen Qualitätsstandards entsprechenden gesundheitsfördernden Lebensmitteln sollten da doch die Lösung für das Mittagessen in der Schulkantine darstellen. Das noch als kleine Zutat zum Thema Bildungsungerechtigkeit.

In der Universitätsmensa fangen die Essenspreise für Studierende übrigens schon bei respektablen 1,95 € an und die angebotenen Gerichte machen nicht weniger satt. Das funktioniert nur dank außerordentlichen Subventionen. Na also, geht doch! Weil man sich an Gütesiegeln allein nicht sattsehen kann, muss für einen Teil der Gesellschaft auch weiterhin die Quantität die Qualität überwiegen. Und das macht aus diesen Personen noch lange keine schlechteren Menschen. Damit ist das Ganze für mich gegessen.

16:38 03.10.2016
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