PEGIDA, AFD, Compact - Rückker nach 1933?

Flüchtlingsproblematik Ich mache mir Sorgen um unsere Demokratie, wenn ich das "Volk" betrachte.
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Eine nicht allzu exotische Infektionskrankheit – PEGIDA

Deutschland geht es schlecht. Sehr schlecht. Aber warum? „Das Volk“ ist von einer „Volkskrankheit“ befallen. Sympthome: Naivität, Fremdenfeindlichkeit, Stammtischparolen-Tourette. Nicht wenige sind bereits infiziert, aber ich bin immun.

Einige Beobachtungen aus dem Urlaub bei meiner Familie auf dem Land. Das Thema Integration und Zuwanderung wird gemieden, denn es führt eh zu endlos langen, schon nicht mehr sachlichen Diskussionen. Und diese bestehen eher aus Vorurteilen als aus Argumenten. PEGIDA-Populationen („Wracktionen“) finden sich nahezu überall. Allein am Badestrand eines Baggersees entwickeln sie sich prächtig wie die Algenplage im Wasser. Aus dem verständlichen Monieren über die Politik R. T. Erdogan I. im Frühling und Sommer 2016 wird schnell die Diskriminierung von Flüchtlingen aus aller Welt, die ja wie eine Heuschreckenplage nach Deutschland einfielen und ein Dasein wie Gott in Frankreich führten. Wie bitte? Flüchtlinge, die ich kenne, können sich teils im städtischen Nahverkehr kaum eine Tageskarte leisten, um Unterricht und andere Integrationsmöglichkeiten wahrzunehmen. Als ich dem Gespräch weiterlausche, bekomme ich mit, dass nach Ansicht des labernden Opas in Hörweite deutsche Bürger/ -innen mit Migrationshintergrund und doppelter Staatsbürgerschaft in die Türkei abgeschoben werden sollten, weil ihnen doch die Erdoganpolitik so gut passe. Der Moment, in dem man daran zweifelt, dass Menschen in 75 Lebensjahren auch nur ein bisschen politische Willensbildung betrieben haben. Genausoweit ist es hergeholt, dass Frauen angeblich in Burkas und Burkinis Bomben schmuggeln oder darin einen Bankraub begehen.

Mit am meisten beunruhigt mich das Vermischen und Vermengen von Begrifflichkeiten. Schnell werden zwei Fronten fingiert: „Wir Deutschen“ gegen „Ausländer = Flüchtlinge = Muslime“. Dogmatisch ergibt die Hetze überhaupt keinen Sinn. Saubere Trennung wäre wichtig. Populismus macht blind und dumm und verschleiert mehr als Nikabs und Burkas.

Das regelmäßig in „Sonderausgaben“ erscheinende Hetzmagazin Compact verdummt das „Volk“ mehr als RTL, RTL II und Servus TV zusammen. Wer immer das „Idealbild der deutschen Frau“ und ein konservatives Familienbild betont, unter das Homosexuelle nicht fallen dürften und in einer anderen Ausgabe trotz dieser patriarchalen Struktur einen Anschlag auf eine Schwulenbar durch Islamisten verurteilt, wirkt nicht allzu glaubwürdig. Hierin einen Angriff auf die westlichen Freiheitsrechte, die nicht von den eigenen Leuten eingeführt wurden und bei einer AFD-Regierung mitnichten aufrechterhalten würden, zu sehen, ist schon mehr als bloß schizophren. Denn aus dem gleichen Lager stammen die „Besorgten Eltern“, die Homosexualität als Strafe Gottes abtun. Compact ist für mich damit „Der Stürmer“ von heute. PEGIDA und AFD zielen nicht auf das Bildungsbürgertum, sondern auf die, die ihre Bildung aus der Gebrauchsanleitung von WC-Reiniger beziehen.

Wäre die AFD an der Regierung, würden durch Rückgängigmachung der Emanzipation die Frauenrechte eingeschränkt, Alleinerziehende und gerade die Wähler aus dem Niedriglohnsektor wären die Benachteiligten Leidtragenden im Steuersystem.[1] Die AFD zu wählen wäre bei einem Blick in deren Parteiprogramm also blanker Selbstmord. Trotzdem stammen viele AFD-Wähler aus genau dem Milieu, das am meisten unter deren Politik zu leiden hätte. Verkehrte Welt…

Immerhin weiß ich durch universitäre und humanistische Bildung, dass es in der Türkei und Syrien sehr wohl christliche Kirchen und Gemeinden gibt, womit das „Argument“, dass wir hier keinen Bau von Moscheen als Bild einer „fremden Religion“ zulassen sollten, weil wir unsere Gotteshäuser im Nahen Osten auch nicht errichten dürften, vermutlich ausgekontert ist. Ich kenne Flüchtlinge, die ein halbes Jahr in Deutschland leben und ein besseres Deutsch als über vierzig Jahre alte Deutsche sprechen.

Warum werfen Compact und die NPD ihre Prospekte nachts in die Briefkästen und kleben ihre Aufkleber im Dunkeln auf? Genau, weil sie sonst von Menschen wie mir auf die Fresse bekämen. Selten so einen Schwachsinn wie in deren Artikeln gelesen. Indem die NPD die Migration eindämmen will, möchte sie „uns“ vor Ebola schützen. IQ weit unter Donald Trump und Forrest Gump. Und letzterer hat seinen Namen bekanntlich vom Ku-Klux-Clan-Aktivisten. Wer glaubt so einen Müll? Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.

Die AFD prangert die „Lügenpresse“ in Deutschland an, doch Länder wie Russland und Ungarn mit durch den Staat gesteuerten Medien sind das große Vorbild. Aha! Die AFD schlägt einfache Lösungen vor, die leider allein moralisch und rechtlich kaum durchsetzbar sind. Bei ihr wäre Beate Zschäpe Friedensnobelpreisträgerin, Frauke Petri Reichskanzlerin sowie Reichspräsidentin, Beatrix von Storch Gleichstellungsbeauftragte, Björn Höcke Bildungsminister und Alexander Gauland Reichsinnenminister. Lutz Bachmann würde das Reichskulturministerium leiten. Btw, wenn man Frauke Petry rückwärts liest, steht da Eva Braun.

Zu oft berufen sich die Patriot/ -innen auf „ihr“ Grundgesetz, doch leider kann kaum eine/ -r von ihnen Normen daraus zitieren. Schade! Gut wäre zu wissen, dass es nicht nur berechtigt, sondern beispielsweise hinsichtlich Eigentum in Art. 14 III GG auch verpflichtet.

Eine Feststellung habe ich gemacht: Wie unterscheidet man Linke und Rechte? Linke wissen, dass sie links sind (bin ich tendenziell auch), Rechte hingegen nicht, dass sie rechts sind. Noch ein Fakt für die, die sich gerne auf Fakten stützen:

Der Dschihad ist eine deutsche Erfindung aus dem Jahr 1914, um die „Araber“ zum Aufstand gegen die Briten zu bewegen. Also ist er nicht gar so „fremd“. Damals wurde der Dschihad (arabisch=Krieg oder Problem) von Büros in Berlin aus geplant und gesteuert.[2] Die Durchführung des Dschihad wurde meiner Meinung nach bis heute nicht vom Nahen Osten nach Deutschland zurückübertragen, zumindest, wenn man sich die Zahlen der Opfer von Selbstmordattentaten dort und in Mitteleuropa ansieht. Wenn ich mit diesen Entdeckungen mal nicht der „Lügenpresse“ von ZDFhistory aufgesessen bin…! Ich hoffe es mal.

Manchmal verwechseln „Pegidistinnen/ -en“ das Christentum mit dem „Deutschsein“. Schließlich steht ersteres spätestens seit der Trennung von Staat und Religion durch Bismarck (gut, über seine Sozialistengesetze lässt sich demgegenüber wenigstens streiten) nicht im Ausweis. Es ist kein „Christen gegen Muslime“, sondern vielmehr ein „Deutsche gegen Ausländer“. Es ist absurd, sich ausgerechnet in Leipzig und Dresden auf seine abendländische Identität zu berufen, wenn dort (auch dank DDR) gut 80 % der Bevölkerung konfessionslos sind[3] (Quelle: Wikipedia, der sich sicher auch manchmal Pegidistinnen/ -en bei der Recherche bedienen). Ich kann dem CDU-Politiker Strobl Recht geben, der in einer Talkshow von Maybrit Illner klarstellte, dass die AFD „nicht Christen, sondern Atheisten für die Verteidigung des Abendlandes“ seien.[4]

Ohne überhaupt Flüchtlinge (außer aus dem Fernsehen) zu kennen, über einen Kamm zu scheren, ist dumm und rassistisch (für mich kann man die Worte zumeist synonym benutzen). Ich kenne so einige Flüchtlinge persönlich und habe bisher nur gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Sie sind manchmal bessere Gastgeber in einem für sie neuen Land als „Deutsche“ in ihrem Heimatland.

Kleiner Ratschlag: Sich Bibel- und Koranzitate nicht von Verschwörungsseiten, sondern immer lediglich von offiziellen Internetseiten herunterladen. Nicht nach dem Vorbild der „nordischen Rasse“: „Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Niemand ist aufgrund Hautfarbe oder Religion ein besserer oder schlechterer Mensch. Die Welt ist nicht schwarzweiß, sondern auch „hautfarbig“ (je nachdem, eine Frage der Perspektive), rot, gelb, braun, oder was auch immer.

Welches meine Lieblingsreligion ist? Keine! Ich bin „gebürtig“ evangelischer Christ und auch der Meinung, dass alle Scheinheiligen und insbesondere die selbsternannten „Verteidiger/ -innen des Abendlandes“ sich in der Kirche öfters als bloß an Weihnachten sehen lassen sollten, um auch mal tatsächlich mit dem Christentum in Kontakt zu kommen.

PEGIDA und IS sind sich in einigen Dingen zum Verwechseln ähnlich: Verfolgung von Minderheiten (das gab es schon ab 1933), allem was fremd ist, Verallgemeinerung, Vorurteilen, teils auch der Reduzierung der Frau auf ihre Tätigkeit als „Legehenne“ und Hausfrau. In Engstirnigkeit und Konservatismus überbieten sich IS und der neu entdeckte Nationalismus in Deutschland regelrecht gegenseitig.

Den IS mit Erdogan (für mich vertretbar), aber zugleich auch noch mit Kurdinnen/ -en, Vor- und Hinterasien und Afrika sowie syrischer Rebellion an sich und Assad in einen Topf zu werfen, ist so absurd, wie in Putin und Trump Demokraten zu sehen.

Und die beschriebene Dummheit wird dort gefährlich, wo die Demokratie sich selbst zerstören kann: bei Volksentscheiden. Durch sie können, durch Bauchentscheidungen und manipulative Beeinflussung und populistische Mobilmachung Minderheiten und Schutzbedürftige wie schon am Beispiel der Reichsprogromnacht 1938 zu Verfolgten einer gegen sie aufgehetzten Masse werden (Bin ich eigentlich der einzige, dem auffällt, dass der 11. September 2001 9/11, damit aber auch die Reichsprogromnacht vom 9. November 1938 11/9 ist und sich fragt, ob das ein Zufall sein kann? Naja, genug der Verschwörungstheorien). Legitimer Nachfolger des Einschmeißens der Schaufensterscheiben von jüdischen Geschäften ist das Anzünden von Flüchtlingsheimen, ob jetzt bewohnt oder noch unbewohnt.

Darum bin ich in diesen Tagen gegen direkte Demokratie. In Sachsen würden zurzeit einfach unsolidarische, unmoralische und im Endeffekt auch undemokratische Ergebnisse zustande kommen, wenn es um Flüchtlinge geht. Also: Schützt die Demokratie und die Bürger/ -innen vor sich selbst, um unser politisches System langfristig zu erhalten.

Nur, wer politische Mündigkeit erlangt hat und sich seriös bildet, kann später auch in geeigneter Weise politische Teilhabe ausleben. Bei AFD- und PEGIDA-Anhängern/ -innen habe ich diesbezüglich gewisse Zweifel. Lösung: baut mehr Schulen in Afrika und Ostdeutschland!

Als Betroffener von sozialer Ungerechtigkeit und Bildungsungerechtigkeit weiß ich selbst, dass daran nicht Geflüchtete, sondern eher das System und seine Ausprägungen Schuld sind.

Wichtig ist (nicht wie 1933-1945), nicht Moral und Gerechtigkeit mit Recht zu verwechseln. Das Wort Xenophobie lehrt uns sehr gut, dass Fremdenfeindlichkeit wörtlich in der vorgeschobenen, von AFD und PEGIDA geschürten Angst steckt.


[1] http://www.stern.de/politik/deutschland/afd-programmentwurf--was-die-partei-wirklich-will-6747774.html.

[2] http://www.zdf.de/heiliger-krieg/alle-beitraege-zur-reihe-der-heilige-krieg-23233804.html.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Leipzig#Religionen; https://de.wikipedia.org/wiki/Dresden#Religionen.

[4] https://www.welt.de/vermischtes/article158019275/Die-Kanzlerin-des-Willkommens-ist-laengst-nicht-mehr-da.html.

17:28 01.10.2016
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