Wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit?

Studium Der Text behandelt "Akademiker-" und "Arbeiterkinder".
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Was es (für mich) bedeutet, kein Akademikerkind zu sein - ein kurzer Text aus meinem Blickwinkel, der stellvertretend für die Sicht manch anderer sein soll.

Ich studiere Jura. Inzwischen schon im fortgeschrittenen Semester. Ein Studiengang, in dem es um Recht geht, natürlich nicht um Gerechtigkeit. Nicht um Sympathie, nicht darum, wer etwas verdient und wer nicht, sondern nur um blankes, emotionsloses Recht.

Passend dazu bin ich kein Akademikerkind. Eher eine Randerscheinung an der Jurafakultät. Gut, wir schreiben nicht mehr das 19. Jahrhundert, in dem nur gehobenes Bürgertum und Adel Bildungschancen zukamen und die anderen komplett von diesen ausgeschlossen waren. Das Krankheitsbild, die damals das Proletariat schwächte, wie Tuberkulose und Schwindsucht, ist heute Depression. Diese kommt bei Arbeiter- doppelt so häufig wie bei Akademikerkindern vor.[1] Nichtsdestotrotz müssen Arbeiterkinder heute nicht mehr im Bergwerk arbeiten, statt zur Schule zu gehen. Doch trotzdem ist Studieren für Akademikerkinder noch heute um einiges einfacher als für „Arbeiterkinder“, das verraten schon Statistiken (Demnach kommen Akademikerkinder mehr als 2,5-mal so häufig wie Arbeiterkinder aufs Gymnasium[2]). Akademikerkinder kommen öfter aufs Gymnasium und als logische Folge daraus auch öfter an einen Studienplatz. De facto gibt es auch im reichen Deutschland, in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht einmal abzustreiten, keine Bildungsgerechtigkeit.

Die gute Konjunktur kommt eben nur im Konjunktiv „Unten“ an. Das Prekariat hat gewissermaßen die Nachfolge des Proletariats angetreten.[3] Und es bringt Nachteile immer auch für die nächste Generation mit sich. Ein Großteil der jungen Leute, die man auf der Straße trifft und die in Ausbildungsberufen insbesondere wie dem Handwerk steckt, wird angeben, dass ja auch schon die Eltern nicht auf der Uni waren und im Umkehrschluss wird eine Befragung von Studierenden genau andersherum ausfallen. Von der Bildung der Eltern hängt allein schon ab, inwiefern sie ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen können. Ihr Einkommen entscheidet darüber, ob und wie intensiv ihr Kind in den Genuss von Nachhilfeunterricht kommen kann. Ein Teufelskreis, aus dem der Ausbruch schwerfällt.

Da wären zum einen die Finanzen als Begründung anzuführen. Studieren kostet Geld, neben Studiengebühren fallen Kosten für Bücher und weitere Materialien an. Nicht leicht zu finanzieren, wenn man einen zeitaufwendigen Studiengang und keinen oder nur einen gering bezahlten Nebenjob hat. Ich habe mich deshalb für ein Stipendium beworben. Soziales Engagement, mittelmäßige Noten, aber Empfehlung von zwei Professuren. Ich wurde abgelehnt, ohne Begründung. Das soll jetzt nicht trotzig klingen, aber eigentlich bin ich doch relativ gut darauf zugeschnitten: Engagiert, fleißig und möchte später „Anwalt für die kleinen Leute“ werden, sicher auch unter Gehaltseinbußen gegenüber denen, die hoch hinaus zu irgendwelchen heuchlerischen, durch die Waffenlobby unterstützten Wirtschaftskanzleien möchten. Und ich bin Arbeiterkind. Gerade frage ich mich, ob es sich überhaupt noch lohnt, meinen Traum weiterzuverfolgen, weil ich orientierungslos der Willkür der Hochschulbenotung ausgeliefert bin. Fast schon ein Schlag ins Gesicht, dass ich so einige Akademikerkinder kenne, die bei Stipendien angenommen wurden. Sympathische Menschen, denen ich das nicht missgönne, aber irgendwie wollte ich doch auch mal eine ausreichende, sorgenfreie Unterstützung erhalten…

Im Gegensatz zu mir und anderen Arbeiterkindern können die Eltern der Akademikerkinder ihren Sprösslingen meist ohne große Probleme noch 500-700 Euro monatlich abdrücken. Natürlich werden solche Zuwendungen oft für Wohnungsmiete und Unterhalt ausgegeben. Doch für eine „Arbeiterfamilie“ sind solche Summen per se häufig auch theoretisch nicht realisierbar. Ich lasse sogar „mein“ Kindergeld meinen Eltern, die genau wie ich zumeist, also immer, wenn möglich, Lebensmittel und Kleidung im Angebot kaufen (Dies kenne ich kaum anders). Daraus folgt, dass für Arbeiterkinder selbst trotz BAFöG-Bezuges mangels Zuzahlungen der Eltern ein Studium in einer fremden Stadt mit Unterkunft und Lebenserhaltungskosten so gut wie unmöglich ist, da BAFöG an sich meist nicht genügen wird. Mir wurde das BAFöG zuletzt um 50 Euro gekürzt, weil meine Mutter einen neuen Minijob angenommen hat und damit nun einer anderen Steuerklasse unterfällt. Dafür werden sie und ich nun bestraft. Jetzt übersteigen meine monatlichen Essens- und sonstigen Kosten meine BAFöG-Einkünfte. Danke für nichts!

Nicht nur die geringere Quote an Arbeiterkindern ist eine Hürde, auch die Beanspruchung nagt an der Substanz. Die eigene Finanzierung ist ein Teil hiervon. Der andere ist die hohe Eigenverantwortung, die einem niemand abnehmen kann. Ich bin größtenteils auf mich gestellt, da mir kein Familienmitglied mit der Weitergabe von Erfahrungen aus dem eigenen Studium in Ermangelung eines solchen helfen kann. Niemand kann mir Lerntipps geben, mich bei der Studienorganisation unterstützen oder mir mit fachlichen Informationen zur Seite stehen. Ich habe 9 Semester Regelstudienzeit, danach wird das BAFöG gekürzt oder gestrichen, wenn ich zwei- oder dreimal (abhängig vom sogenannten Freiversuch) mein Staatsexamen nicht bestehe, stehe ich nach 5 Jahren mit leeren Händen da. Ich habe mein Studium gleich nach der Schule begonnen, manche fangen mit 21, 25 oder 30 Jahren an. Vielen von ihnen haben vorher schon erfolgreich eine Ausbildung abgeschlossen. Rückblickend wünsche ich mir, ich hätte es genauso gemacht. Den Rat hierzu konnte mir natürlich niemand vorher geben. Akademikereltern können ihre Kinder im Vorhinein über Vor- und Nachteile sowie Umstände eines Studiums aufklären. Meine konnten dies nicht und so bin ich „ins kalte Wasser gefallen.“ Ohne finanziell wärmende Schwimmweste ist es nicht einfach, sich über Wasser zu halten. Soziale Kälte…

Eigentlich wollte ich einen Auslandsaufenthalt im Rahmen des Erasmus-Programmes, der durch Auslands-BAFöG ermöglicht wird, genießen. Da mein Schwerpunkt allerdings bald ausläuft, ist es nun nicht mehr ratsam, dies zu tun, speziell in Anbetracht der Regelstudienzeit, dem bisher investierten (dann vergebens studierten) Semester und der Gewissheit, an meiner Uni meinen Fachbereich nicht zu Ende absolvieren zu können. Von Prüfungsämtern und Studienberatung sowas wie Unterstützung und Beratung zu erhoffen, war in meinem Fall leider auch eine Farce. Da ich jetzt aber keine Hoffnungen mehr auf ein Stipendium habe und das Erasmus-Programm nur Auslandssemester während der Studienzeit fördert, kann ich den Wunsch nach einer kulturellen Erweiterung meines Horizontes im Ausland leider auch vergessen. Das Pech eines Arbeiterkindes.

In der zweiten Hälfte des Jurastudiums absolvieren fast alle ein Repetitorium zur Vorbereitung auf das Examen. Die Akademikerkinder bekommen es vermutlich von ihren Eltern bezahlt, ich muss jetzt in meiner knappen Freizeit einen Job machen oder einen Kredit über einige tausend Euro aufnehmen. Dies konnte ich ebenfalls nicht wissen, bevor ich in meinem Studium steckte. Besonders bitter ist es, dass dieser Fakt impliziert, dass die staatliche Hochschule offenbar nicht in der Lage ist, die große Mehrzahl der Studierenden in geeigneter Form auf das Staatsexamen vorzubereiten. Sollte es nicht eigentlich der Zweck einer staatlichen Bildungseinrichtung sein, alle nicht so stark Begüterten genauso gut zu schulen wie eine private Alternative? Ist es überhaupt noch gewünscht, dass Menschen ohne das große Geld an staatlichen Unis Jura studieren? Sonst kann man das Wort „staatlich“ bald aus der Bezeichnung der Universitäten, die öffentliche Körperschaften darstellen, streichen. Ich habe nichts gegen die 300 € Semesterbeitrag, nicht zuletzt, weil ein großartiges Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr sogar im Durchmesser von gut 100 Kilometern inbegriffen ist. Aber, dass Jurastudierende derart mit der Examensvorbereitung alleingelassen und geradezu in private Hände getrieben werden, enttäuscht mich zutiefst. Mir fehlt das Geld für einen Kran, mit dem ich die Felsbrocken aus meinem Weg heben kann.

Letztlich erfahre ich als Arbeiterkind massive Nachteile gegenüber Akademikerkindern und sehe bezüglich meines Studiums in eine ungewisse Zukunft. Wieso wird der Bildungsweg und damit, wohin man geht, immer so sehr davon geprägt, woher man kommt und was die Eltern verdienen? Eine traurige Tatsache, an der mein Studium hoffentlich nicht scheitern wird. Aber nicht nur im Bereich, eine gehobene Bildung zu erlangen, habe ich im Vergleich zu Akademikerkindern mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen. Diese weiter aufzulisten, würde an dieser Stelle jedoch den Rahmen sprengen. Nachvollziehen und bewerten wird meine Ansichten sicher nur ein anderes Arbeiter-/ Arbeitslosenkind können, denn ich spreche hiermit mitnichten die Situation eines/ -r Durchschnittsstudierenden an.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeiterkinder#Typische_Arbeiterkinder-Erkrankungen; https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeiterkinder#Gesundheitliche_Auswirkungen.

[2] http://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-klueger-als-man-denkt/1588438.html.

[3] http://www.bpb.de/apuz/31024/prekaritaet-und-prekariat-signalwoerter-neuer-sozialer-ungleichheiten?p=all.

17:39 30.09.2016
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