Ich bin ein Körnerfresser!

Vegetarismus Wie ich in 20 Tagen zum Vegetarier mutierte
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Ich bin ein Körnerfresser! Jawohl! Endlich ist es raus! 48 Jahre lang war ich passionierter Fleischesser und jetzt DAS. Sie können mich auch ruhig als "Körnerfresser" beschimpfen! Oder als "Müsli" . Oder was Ihnen sonst so einfällt. Ich nehme die Buße an. Schließlich habe ich mich selber lange Jahre über Vegetarier lustig gemacht.

Wie kam es dazu? Nun, auch bin im Lauf der Jahre immer dicker geworden, obwohl ich mich reichlich bewegt habe. Diesen Hang zur Bewegung verdanke ich einen gewissen Peter Hartz, der mit seiner Reform dafür gesorgt hat, dass ich mir kein Auto mehr leisten kann und deswegen bin ich eben aufs Fahrrad umgestiegen. Aber auch die Radelei half nichts, ich lag gewichtsmäßig konstant zwischen 105 und 110 Kilo, was selbst bei 1,95 m Körpergröße viel ist.

Also habe ich mich entschlossen, mal wieder heilzufasten. Das habe ich früher schon öfter gemacht. Und angeregt durch das Buch "Vierzig Tage Fasten" von Tilman Kruse wollte ich diesmal den großen Wurf wagen. 20 Tage Fasten! Tja, hat leider nicht geklappt. Eigentlich ist das Fasten kinderleicht. Sobald der Körper verstanden hat, dass er sich seine Nahrung aus seinen inneren Depots besorgen muss, tut er das auch. Man lebt ohne Hungergefühle ganz normal vor sich hin. Zwei Probleme gibt es aber. Erstens braucht es eine ziemliche Überwindung, überhaupt damit anzufangen, und zweitens ist es ziemlich langweilig. Man ist in der Regel zwei bis drei Stunden täglich damit befasst, sich Nahrung zu beschaffen, sie zuzubereiten, zu essen und dann auch noch zu verdauen. Diese Zeit entfällt beim Fasten und sie haben sie damit zur freien Verfügung. Das kann langweilig werden. Fastenärzte sagen ja immer, man solle nur dann fasten, wenn man Zeit und Muße dafür hat. Bei mir ist es umgekehrt: ich kann am besten dann fasten, wenn ich soviel zu tun habe, dass ich wenig Zeit habe, ans Essen zu denken.

Auf jeden Fall hat mich die Langeweile diesmal fertig gemacht und ich habe nach sieben Tagen aufgegeben. Aber wenigstens wollte ich mich den Rest der Zeit vegetarisch ernähren. Sozusagen als Buße, denn vegetarische Ernährung habe ich immer für eine Strafe gehalten.

Nach einigen Tagen vegetarischer Ernährung war ich ziemlich überrascht. Die ganzen gesundheitlichen Verbesserungen, die ich dem Fasten zugeschrieben habe -also dem vollständigen Verzicht auf Nahrung-, hat man auch dann, wenn man nur auf Fleisch verzichtet. Vegetarisches Essen schmeckt erstaunlich gut und der "Verzicht" auf Fleisch war alles andere als ein Verzicht. Fleisch ist nämlich im Gegensatz zu Alkohol und Nikotin kein Suchtmittel. Die Fleischesserei oder eben der Verzicht darauf ist nichts anderes als reine Gewohnheit. Dass uns Fleisch so gut schmeckt, dürfte an den Röstaromen liegen, die beim Braten oder Grillen entstehen. Aber die lassen sich auch leicht mit vegetarischer Nahrung herstellen.

Nach 11 Monaten vegetarischer Ernährung habe ich 15 Kilo abgenommen und meine ganzen gesundheitlichen Probleme sind im Nirwana verschwunden. Probleme wie Herzrasen, Hautjucken, gichtiges Gefühl in den Fingern und ähnliches. Auch ist es erheblich angenehmer, wenn der Körper statt 110 Kilo nur noch 90 Kilo durch die Gegend schleppen muss. Auch die Ästhetik soll hier kurz erwähnt werden. Ich bin zwar nicht der Eitelste, aber eine Wampe sieht nun mal leider unschön aus. Und mit zunehmenden Alter müssen Sie einen immer härteren Kampf gegen überflüssige Pfunde führen. Viele strecken irgendwann die Waffen. Aber als Pflanzenesser haben sie erhebliche Probleme, sich eine Wampe anzu(fr)essen. Nicht nur wegen der fettarmen Ernährung, sondern auch, weil durch den Wegfall der stark gewürzten Fleischspeisen der Durst nach Alkohol erheblich nachlässt.

Auch psychisch hat sich einiges getan. Früher attestierten mir Leute, ich sei ein ruhiger Mensch. Das fand ich interessant, denn innerlich fühlte ich mich wie ein Dampfdruckkessel vor dem Explodieren. Heute ist es mir fast schon körperlich unmöglich, Aggressionen zu entwickeln. Ich fühle mich wie ein Eimer Baldrian. Ein gutes Gefühl!

Ich fange auch langsam an, darüber nachzudenken, wie viel sich von dem , was wir für soziale, politische oder psychische Probleme halten, auf unsere Ernährung zurückführen lässt. Aber da landet man schnell im Esoterischen und so weit will ich nicht gehen.

Was hingegen der Fleischkonsum der Industrienationen überall auf der Welt rein physisch anrichtet, kann man leicht recherchieren und hat mit Esoterik nichts zu tun. Aber hier will ich ehrlich sein. Mich hat das Leid der Tiere nie interessiert, die enorme Verschwendung von Wasser und Energie für die Herstellung auch nur eines Kilo Fleisches ebenfalls nicht. Erst mein eigenes Wohlbefinden hat mich dazu gebracht, auf Fleisch zu verzichten. Das ist eine ethische Frage: wenn der Preis meines eigenen Wohlbefindens darin besteht, dass es anderen schlechter geht, sollte man darauf verzichten. Wenn der Lohn fürs eigene Wohlbefinden darin besteht, dass es auch anderen besser geht, geht das wohl in Ordnung.

to be continued...

14:19 22.01.2017
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Geschrieben von

lebowski

Ein Leben zwischen Faulenzerei und Leiharbeit.
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