Selbstanklage

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Gelingt es also, statt mit Hierarchie solidarisch, ja egalitär, „ohne Chefs“ zu werken, bleibt immer noch die Feuerprobe auf den Märkten. Es kann sich dabei sogar herausstellen, dass eine Dosis persönlicher Beziehung, Verbundenheit und Freundschaft, eines Denkens in Wir statt Ich ein Vorteil in der Konkurrenz und produktiver ist und dass ein wenig Rücksicht auf die Natur Zugkraft hat im Marketing. Schließlich hat die antiautoritäre Revolte von 1968 und danach auch gezeigt, dass flache Hierarchien, Zulassen von Widerspruch und Kreativität und Mannigfaltigkeit statt Einfalt gut ist fürs Geschäft. „Macht, was ihr wollt, bloß seid produktiv“ – das ist der aufgeklärte Standpunkt liberaler Kapitalverwertung. Bloß wird alles, „was ihr wollt“, durch das Bilanz-Sieb von „Seid produktiv“ gepresst und dabei alles ausgeschieden, was der Logik des Gelds, des Marktes, der Verwertung nicht entspricht. Was übrig bleibt – ist das, was wir Tag für Tag als Geschäft und Job erleben. Der Markt korrodiert solidarisches Werken und Wirken zu einem, das dem Geldverhältnis entspricht, macht die Genossenschaft am Ende wieder zu einer von „Ungenossen“, um noch einmal Max Weber zu zitieren.

Außerdem haben die Menschen, die sich da vom Mainstream abwenden und „solidarisch wirtschaften“ wollen, kein anderes Leben als eins mit Geld, Markt und Konkurrenz gelernt. Dessen Öde, Stress, Demütigungen und Lebensgefährlichkeit drängen uns zu Neuem, in dem wir schlecht geübt sind. Wenn der „alte Mensch“ mit dem neuen Leben nicht gut zurechtkommt, tut er in seiner Ratlosigkeit leicht wieder oder weiter, was er zwar nicht mag und was ihn und die Seinen schädigt, was er aber besser kann.

Lorenz Glatz in Streifzüge

13:49 14.04.2012
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Geschrieben von

lebowski

Ein Leben zwischen Faulenzerei und Leiharbeit.
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