Von Jakob Augstein und Erich Kästner

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Jakob Augstein mimt einmal mehr den moralischen Beserker in seiner SPIEGEL-Kolumne und bemüht dabei die wirksamste aller Keulen, die der Vergangenheit. Unter dem Titel "Wir hässlichen Deutschen" fährt er große Geschütze auf, faselt von Germanophobie, macht Merkel zur gefährlichen Kanzlerin. Das Übliche, so weit, so bekannt. Aus diesem Grund lese ich ihn so gerne. Je pointierter, desto verdaulicher. Schnell hakte ich ab, subsumierte seine Zeilen wie gewöhnlich unter dem Überbau "Ihr da oben, rechts vom Linken, Ihr verhunzt alles". Das tut mir immer gut; ein bisschen Frust über Bord werfen, um dann losgelöst im Alltagsrogramm fortzufahren. Ist der Nagel erst einmal im Holz versenkt, schlummert er dort seelenruhig, in etwa so lese ich Augsteins Kolumnen.

Dieses Mal war es aber anders. Ich stolperte über diesen einen Satz, der mich irrtierte: "für Deutschland (kann) es besser sein, gemeinsam mit den Partnern das Falsche zu tun, als allein auf dem Richtigen zu beharren." Pause. Sehr charmant, das Oxymoron, dachte ich, passt wunderbar zum Kuddelmuddel rund um die EU. Aber, fuhr ich in Gedanken fort, während der Nagel schon längst versenkt war, diesen Satz kennst du irgendwo her, der ist dir erst jüngst begegnet?

Ich ging auf memorarische Spurensuche und heute, mit einigen Stunden Abstand, offenbarte sich mir des Rätsels Lösung; gerade als ich während des Einkaufs vorm Eierregal stand, aber das nur so nebenbei bemerkt.

Hat jemand "Fabian" von Erich Kästner gelesen? Dolles Ding, soviel vorab. Jedenfalls dort begegnete mir dieser Ausspruch. Ich blätterte mich durch den Roman, auf S. 42 meiner Ausgabe machte ich Halt. An dieser Stelle sagt der Zeitungsredakteur Malmy in einer Journalistenrunde und im Beisein des Protagonisten, der - oh Zufall - Jakob Fabian heißt, folgendes: "Habe ich recht? Wegen solcher Idioten soll man den Kopf hinhalten? Ich denke nicht daran. Es wird weitergelogen. Es ist richtig, das Falsche zu tun."

Wenn man den Satz dann noch in seinen Kontext zurückführt, wird erst klar, warum Jakob Augstein anstatt in die rhetorische Keksdose, in den Topf mit dem kochend-heißem Wasser griff: Der Roman spielt gegen Ende der Weimarer Republik, kurz vor Hitlers Machtergreifung. Obwohl die Journalisten Malmy und der fürs Politische zuständige Münzer (Münzer!) von der politschen und ökonmischen Krise der Jahre Kenntnis nehmen, gar das dreckige Verhältnis zwischen Politik und Schwerindustrie durchschauen, verschweigen sie ihren Lesern Informationen, verfälschen oder erfinden diese - aus Profitgründen. Statt auf die Gesellschaft einzuwirken, lassen sie sich von der Krise treiben und fischen für sich die dicksten Fische heraus, natürlich alles im per Du mit der Politik.

Auch Jakob Augstein hat mit dem Satz einen großen Fang gelandet. Nebenbei gefragt: Kann es richtig sein, das Falsche zu zitieren?

13:54 09.12.2011
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Geschrieben von

Elbschleicher

Könnte auch politikverdrossen.
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