BWL-Falle Deutschland

BWL-Studium Wie ein Trugbild und falsche Vorstellungen Träume zerplatzen lassen
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In seinem inspirierenden TED-Vortrag „Why you will fail to have a great career” nennt der kanadische Volkswirtschaftslehreprofessor Larry Smith den aus seiner Sicht wesentlichen Grund, warum Menschen keine herausragenden Karriereerfolg erzielen: Sie haben Angst ihrer Leidenschaft nachzugehen. Diese Angst sei getrieben von der Frucht vor persönlichem Scheitern oder von anderen als eigenartig angesehen zu werden. Dessen ungeachtet misslänge es jedoch den meisten Menschen bereits ihre Leidenschaft überhaupt zu entdecken, so Smith.

Auch mir viel es schwer mich für ein Studium zu entscheiden. Während meiner Schulzeit hatte ich zwar unzählige Interessen, doch im Kern war mir überhaupt nicht klar was ich eigentlich machen will. Die letzten 13 Jahre hatte ich im Nest meiner Eltern eine ungezwungene Kindheit genossen. Jetzt sollte ich mich plötzlich entschieden, was ich den Rest meines Lebens machen will. Außerdem wollte ich auf dem nächsten Klassentreffen nicht als der „Loser“ dastehen. Meine Mitmenschen sollten mich für etwas Besonderes halten. Eigenartig wollte ich natürlich auch nicht wirken.

Das BWL-Studium räumte für mich all diese Probleme scheinbar aus dem Weg. Damit könne man so viel machen, es sei also nicht nötig sich sofort festzulegen, hieß es. Außerdem würde mir mit einem guten Abschluss ein nettes Gehalt und eine Führungsposition winken. So viele Leute studieren BWL. Es kann also nur eine gute Entscheidung sein, dachte ich mir. Ich wägte mich mit BWL in Sicherheit. Folglich schrieb ich mich an einer Fachhochschule für den Studiengang „Business Administration“ ein. Damit war ich in die Falle gegangen!

Am ersten Tag sagte man uns dort, hier säßen die Manager von morgen. Im Hochglanzprospekt und auf der Internetseite wurden mit der Internationalität der Hochschule, modernen Lehrmethoden und Partnerschaften zu Top-Unternehmen geworben. Nach dreieinhalb Jahren BWL-Studium war mir klar: Ich bin auf ein Trugbild reingefallen. Hochschulen, Professoren, Unternehmen, Karrierenetzwerke und Kommilitonen haben sich hervorragend verkauft. Dahinter verbargen sich jedoch falsche Versprechungen, eine schlechte Ausbildung, ein krankhaftes Karrieredenken und viel Frustration.

Wenn man sich wirklich leidenschaftlich für Themen wie Unternehmensrechnung, Marketing, Logistik oder Personal interessiert, dann ist ein BWL-Studium das Richtige. Doch selbst dann sollte man sich darüber im klaren sein, dass eine generalistische BWL-Ausbildung in der Regel keinen tieferen Einblick in die genannten Fächer bietet. In all diesen Gebieten wird man üblicherweise erst in der Praxis richtig gut. Ein BWL-Studium an einer Business School ist zunächst einmal oberflächlich. Alle Themen, die in einem Unternehmen von Bedeutung sein könnten werden lediglich angeschnitten. Dahinter steckt die Intension einen Gesamtüberblick zu ermöglichen. Dies hat zur Folge, dass die Dozenten versuchen besonders viel Stoff zu vermitteln. Dabei geht es allerdings weniger um ein tiefes Verständnis der Materie als vielmehr darum, möglichst viel breites Wissen anzuhäufen. Es zählt also Quantität statt Qualität.

In aller Regel hängt die Gesamtnote für einen Kurs von nur einer einzigen Prüfung am Ende des Semesters ab. Das heißt, man muss sich für alle Kurse gleichzeitig vorbereiten. In vielen Fächern wird man gezwungen hunderte PowerPoint-Folien schlicht auswendig lernen, was in dem berühmten Bulimielernen resultiert. Das macht Prüfungsphasen häufig zu einer zermürbenden und ebenso nutzlosen Zeit. Denn diese Methodik führt dazu, dass man die meisten Inhalte im Anschluss ohnehin wieder vergisst. Hier profitieren die Studenten, die ein gutes Kurzzeitgedächtnis und viel Disziplin mitbringen. Kreative Problemlöser, Analytiker, kritische Denker, Studenten mit Führungsfähigkeiten oder gute Rhetoriker haben das Nachsehen und das obwohl genau diese Fähigkeiten in fast jeder Jobbeschreibung stehen. Wer BWL studiert wird schnell feststellen, dass die sehr guten Studenten nicht unbedingt die sind, denen man eine Abteilung oder ein Projekt anvertrauen würde. Wer gute Noten will, der muss möglichst pragmatisch vorgehen und im Strom mitschwimmen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Materie wird vielleicht in der Vorlesung aber üblicherweise nicht in der Prüfung wertgeschätzt.

Die USA und sogar Staaten wie Südafrika machen vor, wie es besser geht. In beiden Ländern habe ich ein Auslandssemester absolviert. In den USA schrieb ich nur in drei von fünf Kursen eine finale Prüfung und auch diese machten jeweils nur ein Drittel der Abschlussnote aus. Der übrige Teil wurde mit Case Studies, mündlicher Mitarbeit, Semesterprojekten und Präsentationen gefüllt. Ich hatte das Gefühl innerhalb eines Semesters mehr gelernt zu haben als in meinem gesamten Bachelorstudium in Deutschland. Diese Methodik wird in den USA vom Community-College bis hin zur Ivy-League-Universität angewendet. Auch in Südafrika hat die finale Prüfung nur 50 Prozent der Abschlussnote ausgemacht. Europäische Staaten wie Schweden, Norwegen oder Frankreich haben ihr System schon längst umgestellt. Viele deutsche Business Schools bilden mit ihrem Festhalten am Bulimiesystem deshlab die Schlusslichter im internationalen Vergleich.

Gute Noten sollte man zu jedem Zeitpunkt anstreben. Deutsche Unternehmen und Stipendienprogramme lieben messbare Ergebnisse. Eine Zahl sagt mehr als tausend Worte, lautet hier häufig die Prämisse. Du kannst noch so tolle Projekte durchgeführt haben und Erfahrungen gesammelt haben, am Ende ist die Note meist das entscheidende Kriterium. Wie oben beschreiben, sagen Noten von deutschen Business Schools allerdings recht wenig über die tatsächlichen Qualitäten eines Bewerbers aus. Meiner Ansicht nach findet in Deutschland also eine flächendeckende Fehlallokation von Absolventen statt. Überprüfen lässt sich dies allerdings nur schwer. Dafür müsste das System nämlich durchbrochen werden, um auch Kandidaten mit weniger guten Noten dafür aber vielen anderen interessanten Eigenschaften eine Chance zu geben.

Mit der Entscheidung zum BWL-Studium muss man sich zudem darauf einstellen, vielerorts eine schlechte Ausbildung zu erhalten. Wenngleich auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen, wird man oft mit unterbezahlten und wenig qualifizierten Lehrbeauftragten abgespeist. Diese konnten häufig keinen Fuß in der Wirtschaft fassen und flüchten sich dann zurück an die Hochschule oder Uni. Ferner stehen die Professoren r unter keinerlei Druck eine gute Ausbildung sicherzustellen. Vom Staat gut durchgefüttert und bis ans Lebensende abgesichert haben sie keinen echten Vorgesetzten, der sie bei Missständen zur Rechenschaft ziehen würde. In logischer Konsequenz kommt es dann auch permanent zu Missständen. Professoren füllen ihre Vorlesungen mit Pflichtpräsentationen von Studenten, arbeiten mit überalterten Skripten und wenig aktueller Literatur oder investieren nur ein Minimum an Zeit in die Betreuung von Bachelorthesen. Diesem Verhalten ist man leider schutzlos ausgeliefert. Das selbstbewusste Auftreten und die Worthülsen zu Beginn des Studiums sollen dabei über die mindere Qualität der Inhalte hinwegtäuschen.

Des Weiteren bietet ein BWL-Studium heute kaum noch Sicherheit. Gute Positionen für BWL-Generalisten sind rar gesät und das Arbeitskräfteangebot ist gigantisch. Auf eine Stelle bei Nestlé, BMW, der Deutschen Bank oder Siemens bewerben sich oft hunderte. Besonders schwierig wird es, wenn man keinen Einserabschluss an einer anerkannten Hochschule vorweisen kann. Der wäre nämlich das einzigen Kriterium, mithilfe dessen man sich noch von einem Industriekaufmann differenzieren könnte. Fallen auch die akademische Leistungen weg, bleibt am Ende nur noch eine minderwertige Ausbildung mit geringer Praxiserfahrung übrig - nicht sonderlich attraktiv für den Arbeitsmarkt. Unternehmen suchen deshalb vermehrt nach Studenten, die beispielsweise Kombinationen wie Wirtschaftsingenieurwesen oder Wirtschaftsinformatik studiert haben. Vom angepriesenen Traumjob Manager müssen sich die allermeisten Studenten im Übrigen von Beginn an verabschieden. Unabhängig von der Tatsache, dass nicht jeder Manger werden kann sind die Stellen auch hier rar gesät und verlangen häufig viele Jahre Praxiserfahrung. Man darf zudem nicht unterschätzen, dass auch hierzulande die richtigen Kontakte eine wichtige Rolle spielen.

Überdies herrscht unter BWL’ern in der Regel ein stark ausgeprägtes Wettbewerbs- und Karrieredenken. Der Wert eines Menschen wird häufig an dessen Erfolgen, nicht aber an dessen Fähigkeiten oder Charakter gemessen. Bestimmte Stipendien, Universitäten und Hochschulen sowie Unternehmensberatungen wie McKinsey und Boston Consulting Group oder Banken wie Goldman Sachs werden verehrt und gelten als ultimative Messlatte. Von dort aus wird sich nach unten gearbeitet. Wer am Ende bei einem möglichweise spannenden aber kleinen und „unbedeutenden“ Unternehmen landet wird eher belächelt. Das BWL-Umfeld bietet deshalb viele Möglichkeiten sich selbst abzuwerten. Der permanente Vergleich mit anderen hat vielen meiner Kommilitonen und mir nicht immer gut getan.

Mit Abschluss des Studiums folgt die Bewerbungsphase. Onlinebewerbungen klingen erstmal toll. Doch im Kern nimmt man damit den Unternehmen nur die Erfassung der Daten ab. Fast immer muss man ergänzend zur Onlinebewerbung auch ein Anschreiben, Zeugnisse und den Lebenslauf hochladen. Der Aufwand ist also eher größer geworden. Hinzu kommt, dass einem der Grund für eine mögliche Absage meist vorenthalten bleibt.

Abschließend möchte ich davon abraten, ein BWL-Studium nur zu wählen, um sich nicht festlegen zu müssen. Selbst für Menschen denen es leichter fällt sich zu begeistern und Leidenschaft zu entwickeln ist ein BWL-Studium häufig zermürbend und voller Frustration. Das sollte ein Studium nicht sein. Ich empfehle viel Zeit zu investieren, um die eigenen Interessen genau auszuloten. Hat man sein Gebiet gefunden, sollte man den Mut aufbringen sich festzulegen. Findet man kein geeignetes Feld, dann ist ein Studium vielleicht generell nicht das Richtige. Auch die Entscheidung gegen ein solches, lässt sich selbstbewusst vertreten. Langfristig wird der glücklich, der seine Leidenschaft findet und verfolgt. Ob diese immer zu einer großen Karriere führt ist nicht gesichert. Ziemlich sicher ist jedoch, dass ein BWL-Studium als Platzhalter nur wenige Glücksmomente bescheren wird.

15:36 15.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lemmansky

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