Das Paradigma jugendlicher Schönheit

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Der überwältigenden Mehrheit aller Menschen bleibt es aus rein genetischen Gründen schon verwehrt, dem heutigen Schönheitsideal zu entsprechen. Unsere genetische Vielfalt sorgt für eine unerschöpfliche Individualität in unseren Erscheinungsbildern. Von der Fußsohle bis zur Haarspitze streben wir jedoch nach dem genauen Gegenteil dieser Mannigfaltigkeit. Wir sehnen uns nach Perfektion, nach einer Annäherung an den normierten Typus Humanoid, der sich über die künstlichen Trugbilder von Hollywoodschönheiten und Unterwäschemodels definiert. Mit chronischer Beharrlichkeit werden wir in unserer modernen Mainstream-Medien mit Gesichtern und Körpern konfrontiert, denen die wenigsten von uns ähnlich sehen. Trotz großen Anstrengungen, wird sich das auch Zeit unsers Lebens nicht ändern.

Ein Außenstehender würde im Hinblick auf unsere Filme, unser Fernsehen und unsere Printmedien wohl verwundert darüber sein, dass man dort eines kaum noch sieht: den gewöhnlichen Menschen. Denn eine Differenzierung finden nur noch zwischen herausragender Attraktivität und übermäßiger Hässlichkeit statt, um die Schönen noch imposanter wirken zu lassen. In Folge dessen, ist es kaum verwunderlich, dass sich die kollektive Frustration, wie eine Volkskrankheit ausbreitet. Anstatt uns von den restriktiven Normen zu lösen, geben wir uns auf Kosten unseres Selbstwertgefühls den gesellschaftlichen Zwängen hin. Die Nachfrage nach schönheitsfördernden Maßnahmen explodiert und so werden unsere Fußgängerzonen zu Alleen aus Sonnenstudios und Friseurläden. Fitnessstudios sprießen aus dem Boden und Kosmetiksalons prägen die Stadtbilder. Entziehen kann man sich all dem kaum, denn die Beeinflussungsdichte ist immens. Nur den wirklich unabhängigen ewigen Rebellen wird es gelingen, sich ein eigenes Bild von Schönheit zu definieren.

Unsere Irrationalität kennt bei all dem keine Grenzen. Sind es doch von jeher die Liebe und die Leidenschaft gewesen, die uns glücklich machten, so warten wir lieber Tag ein Tag aus auf eine Offenbarung, die für die meisten niemals Wirklichkeit werden wird. Die Gesellschaft versiengelt und die Menschen verfallen in Lethargie. Es ist ihre Erfolglosigkeit beim anderen Geschlecht und unsere Ablehnung gegenüber den eigenen Mängeln und Schwächen, die uns in einen permanenten Zustand der Unzufriedenheit versetzt. Der Blick in den Spiegel wird zur gnadenlosen Desillusionierung.

Dabei tun wir uns Unrecht, denn es geht bei all dem nicht um mangelnde Fähigkeiten oder menschliche Schwächen. Im Zentrum steht ein Zustand, der sich nur bis zu einem gewissen Maß verändern lässt. Wir verschwenden unsere inneren Ressourcen, in der Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlichen Paradigma, dem die große Masse geradezu autark unterworfen ist. Eine verschwinden geringe Minderheit wird zum Maßstab für die breite Masse erklärt. Dieser Maßstab begleitet uns in allen Lebenssituationen und durchströmt unser Denken bis hin ins Mark. Dabei bewerten wir uns selbst und andere nach Kriterien, denen wir nicht gerecht werden können und handeln irrational, da wir uns nur schwerlich mit Kompromissen arrangieren wollen. Wie für einen Inder die Kaste, so thront über uns eine lebenslange Ästhetik-Kategorie. Würde dieser Zustand endlich an Radikalität verlieren, so wäre das ein Gewinn für das Gros aller. Es würde uns entlasten und manche Macke gewissermaßen in gesellschaftlicher Eintracht schwinden lassen.

04:36 10.01.2012
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Geschrieben von

Lemmansky

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