Lena Baetz
15.08.2012 | 14:57 9

Kein Klagelied

Feuilleton Die Trauergesänge der Feuilletonisten mögen uns amüsieren - verhindern aber den Blick auf die Wünsche der Leser. Schafft endlich die bornierten Klagen ab!

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Lena Baetz

Kein Klagelied

Foto: Alex Barth / Flickr

Wo, wenn nicht im Feuilleton sollte das Klagelied über den Tod des Feuilletons erscheinen? Gleich Orpheus, der um die verlorene Geliebte Eurydike trauerte, verfasste Georg Seeßlen am 8. August in der taz einen melancholischen Abgesang auf das liebste Selbstverge-wisserungsmedium des Bürgertums. Das ist nicht der erste Nachruf und wird auch nicht der letzte sein, denn das Klagen über den Verfall bürgerlicher Kulturinstitutionen ist – zumindest in Deutschland – seit jeher konstituierendes Moment des bürgerlichen Subjekts. Trauern die Feuilletonisten über den Verfall des Feuilletons, ist das zumeist ein Zeichen für seine Vitalität. Man könnte also meinen, alles sei wie immer und beruhigt seine Zeitung zusammenfalten.

Das würde allerdings verkennen, dass unter der Oberfläche des kulturpessimistischen Requiems auf das Feuilleton eine Frage verborgen ist, die es mit Blick auf einen Wandel des Bürgertums und den zunehmenden Schwund jüngerer Zeitungsleser tatsächlich zu beantworten gilt: Wie kann und muss das Feuilleton verändert werden, um es aus dem bildungsbürgerlichen Hades heraufzuholen?

Orpheus gelang es durch den verhängnisvollen Blick zurück, bekannter Weise nicht, seine Eurydike zu retten. Zeitungsmacher, Kulturredakteure und Feuilletonisten sollten deshalb ihr Augenmerk auf die Sehnsüchte und Wünsche einer neuen Generation von Lesern richten und mit dem Mut zum Experiment das Feuilleton einer breiteren Leserschaft öffnen - ob sie nun bürgerlich ist oder nicht.

Was aber erwarten heutige Leser vom Feuilleton und ganz allgemein von einer Print-Zeitung?

Übersicht

Wir sind es gewohnt uns im Netz unsere Informationen und unsere Unterhaltung zusammenzusuchen. Aber Blogs sind zwangsläufig spezialisiert auf einzelne Themen oder Aspekte eines übergeordneten Themas. Nur wenn sie ein Close-up bieten, können sie in der Fülle des Angebotes auffallen. Von der Zeitung erwarten wir die Totale.
Der Blick von oben, die Einordnung kleiner Dinge in das große Ganze, ermöglicht uns eine Übersicht, die wir uns im Netz nur unter großem Zeiteinsatz erarbeiten können.

Entgrenzung

Ressorts sind historisch gewachsene thematische Einteilungen, die ihre Berechtigung hatten, aber den entscheidenden Nachteil haben, dass sie die Perspektive verengen. Wer nur liest, was ihn aufgrund von Milieuzugehörigkeit oder Geschlecht zu interessieren hat, wird denkfaul.

Weil wir uns nirgendwo mehr vollständig zugehörig fühlen, ist es uns fremd, uns über einen einzigen Themenbereich zu definieren. Wir interessieren uns grundsätzlich für alles, denn unsere Persönlichkeit besteht aus weit mehr als Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und lokaler Zugehörigkeit. Im einen Moment lesen wir mit großem Interesse einen Artikel zu Postfeminismus und Lady Gaga, im nächsten einen Bericht über die politische Lage in Rußland und im übernächsten etwas über den neuesten Chanel-Nagellack. Wir wollen uns nicht zwischen einzelnen Themenfeldern entscheiden müssen – eine gute Zeitung ist für uns wie ein Mash-up, das nebeneinander eine ganze Welt an Möglichkeiten bietet.

Haltung

Wir können uns vielleicht nicht mehr auf Themen einigen, die uns alle gleichermaßen interessieren, aber auf eine ästhetische Haltung zur Welt. Diese bestimmt heute weit mehr unsere Urteile über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen als unsere Lebensverhältnisse oder eine Milieuzugehörigkeit. Dabei geht es um Lebensentwürfe, nicht nur um reine Geschmacksfragen, denn wir lassen uns nur ungern vorschreiben, was wir gut, schön oder beachtenswert finden sollen. Was wir suchen ist eine bestimmte Wahrnehmung der Welt – und diese finden wir nicht nur in Kunst, Literatur und Musik, sondern auch in Wirtschaft, Technik und Politik.

Wenn wir die Zeitung aufschlagen – und im Besonderen das Feuilleton – hoffen wir, dass wir Gleichgesinnte finden und feststellen können, dass wir mit unseren vielleicht etwas verschrobenen Ansichten und ästhetischen Ansprüchen nicht alleine sind. Was wir vom Feuilleton erwarten, ist deshalb mehr als nur eine Kulturberichterstattung über Ereignisse der Hochkultur, die früher dazu dienten Gemeinschaft zu stiften. Das Staatstheater und die Bayreuther Festspiele sind für uns manchmal so fern wie der Mond.

Wir wünschen uns, dass Autoren eine Haltung haben und diese engagiert vertreten. Die scheinbare Objektivität der Berichterstattung, der neutrale Journalismus, aber auch die alles durchdringende Ironie sind wie eine Rüstung, in der sich der Autor vor seinen Lesern verborgen hält. Das heißt, uns Leser nicht ernst zu nehmen, uns die Reibungsflächen zu verweigern, die wir dringend benötigen. Wenn alle Feuilletons in etwa die gleiche Kulturberichterstattung enthalten und sich weitgehend eigener Standpunkte enthalten, wie sollen wir unsere Wahl zwischen den verschiedenen Zeitungen treffen?

Dauerhaftigkeit

Wenn wir wissen wollen, was gerade passiert, welche Themen aktuell diskutiert werden oder wie andere den Film beurteilen, der gerade in Deutschland in die Kinos kommt, suchen wir im Netz nach Nachrichten und Informationen. Meistens werden wir schnell fündig, und am nächsten Tag sind viele der gelesenen Nachrichten schon alt, weil immer neue Themen und Angebote nachdrängen. Wenn wir dann die Zeitung aufschlagen, haben wir oft das Gefühl, wenig Neues zu erfahren. Die Zeitung kann mit der Schnelligkeit unserer Netz-Lektüre nur selten mithalten – und sollte es auch nicht versuchen.

Unser Interesse an bestimmten Themen wird nicht nur durch ihre Aktualität bestimmt, und Anlässe wie Geburtstage und Todestage berühmter Persönlichkeiten erhöhen nicht automatisch unsere Bereitschaft, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen. Wie alle Menschen lieben wir es aber, wenn man uns Geschichten erzählt – Geschichten die komplex sind, mit Anfang, Mittelteil und Schluß, die uns nahe bringen, was hinter den Dingen steckt oder zumindest stecken könnte.

Große Geschichten entwickeln sich über eine längere Zeit, sie bestehen aus vielen einzelnen Bruchstücken, die für sich genommen interessante Neuigkeiten darstellen, die man aus aktuellem Anlass veröffentlichen könnte - aber nicht unbedingt sollte. Es braucht Geduld, um eine Geschichte reifen zu lassen, und Platz um etwas zu erzählen. Wir wünschen uns, dass sich das Feuilleton die Zeit und den Raum nimmt, die es dazu braucht. Das Lesen einer Zeitung ist verglichen mit unserer Netzlektüre eine kontemplative Angelegenheit, die Muße voraussetzt. Haben wir diese, lesen wir mitunter lieber ein längeres Stück als eine Handvoll Kurznachrichten.

Sprache als ästhetisches Erlebnis

Zeitung lesen ist immer auch ästhetisches Erlebnis, das über die reine Informationsaufnahme hinausgeht. Das hat einerseits mit der Materialität der Zeitung selbst zu tun, dem Habitus des Zeitungslesers als weltoffene Figur und verbürgender Instanz für Urbanität, andererseits ist es in der Sprache begründet, die in der Zeitung verwendet wird. Noch unterscheidet sich diese in weiten Teilen von der Sprache, die sich in der Mehrzahl der Blogs findet. Der Hang zur großen Ironie, zum Flapsigen, Dahingeworfenen hat sie noch nicht erreicht, sie ist facettenreicher, nuancierter und damit auch konstruierter und komplizierter. Das mag manche Leser ausschließen, hat aber auch seinen eigenen Reiz, denn der inzwischen vielleicht ungewöhnliche Klang erinnert uns an die Traditionen in denen wir stehen – ob gewollt oder nicht.

Natürlich genießen wir es, gute Print-Artikel Online zu finden – auch wenn diese dann manchmal etwas schal und deplaziert wirken und scheinbar ihre Nuancen eingebüßt haben. Aber wir wünschen uns, dass weiterhin mit Blick auf die klassische Zeitung Artikel geschrieben werden und das Autoren- oder Verlegerauge nicht stets nach einer Online-Zweitverwertbarkeit schielt. Denn Online-Texte funktionieren anders: Wo im Print-Text Details und zusätzliche Erklärungen dafür sorgen, dass wir in die Tiefe der Dinge eindringen können und der Text für uns verständlicher wird, sind Online verweisende Links beigefügt, die uns, wenn nicht in die Ferne doch zumindest einen Klick weiter führen. Das ist ein anderes Lesen, da der rechte Finger noch bevor ein Gedankengang im Text zu Ende entwickelt ist, Erklärungen und Antworten bei Google sucht.

Gerade aber das Fremde der Sprache, die Anstrengung, die uns manchmal die Lektüre kostet, und der ungewöhnliche Klang führen dazu, dass wir uns ganz auf diesen einen Text einlassen. Und das macht das eigentliche Glück des Zeitungslesens aus.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (9)

sebamathis 15.08.2012 | 17:36

In welcher Fabrik werden sie eigentlich gemacht - die Debatten. Wer bestimmt was aktuell ist, was man jetzt gerade durch die Feuilletons hoch und runter schreiben muss. Wo treffen die sich, die den Kulturkanon komponieren zu Ihren nationalen Redeaktionssitzungen.

Was? das gibt es nicht? Aber warum heulen dann alle immer zum selben Lied der Wölfe? Sagt ein Richter in Köln "Vorhaut abschneiden böse" dann singen hundert Redakteure das Lied von der heiligen Vorhaut, ist der Hermann Hesse tot (nein, er ist nicht gerade erst gestorben!) dann muss Herr Hintz aus der Provinz auch noch was von seinen spätpupertären Erlebnissen in der Zeitung berichten.

Und wo sind sie hin, all die Themen, die auf der Straße liegen, die nach einer Debatte schreien über die aber noch keiner geschrieben hat und über die darum keiner schreiben will. Muss erst mal jemand sterben das ein Thema zum Thema des Feuilletons wird oder muss man Müller oder Schirrmacher heißen um über was zu schreiben, was noch nicht völlig ausgelutscht, ausdiskutiert und totgeschrieben ist?

Wenn es doch nichts mehr zu verlieren gibt, wo bleibt dann der Mut der Verzweiflung alles mal ganz anders zu machen, einen Moment lang den Atem anzuhalten, dem Herzschlag von Twitter und Co. zu widerstehen, nachzudenken und dann zu schreiben. Da gibt es tausend Themen, die sind vergessen oder noch nicht entdeckt worden. Die nicht im Kanon sind und dennoch Ihren Platz fordern. Und wo wenn nicht in der Zeitung, wo weder der Leser, noch der Schreiber von den schlapphütigen Analyse- und Trackingtools verfolgt wird, wäre der Platz für solche Themen. Und wenn dann ein Herr Seeßlen das, was dabei raus kommt als Müll bezeichnet (ja, er liebt das Wort "Müll") - na und - der Müll erzählt nicht selten die besseren Geschichten als die Produktauslage im Supermarkt. Darum liebe Spitzfedervirtuosen kann ich mich dem Text nur anschließen: dieses mal ist es ernst mit dem Untergang, jammern hilft da nichts, nur mutig sein und selber schwimmen lernen.

Columbus 15.08.2012 | 20:03

Schreiben Sie weiter als Schreibtischgast beim dF, Frau Baetz! Ich kann zwar manchen ihrer Thesen nichts abgewinnen, aber allein schon ihr strukturiertes Schreiben erfreut mein Leserherz.

„...das Klagen über den Verfall bürgerlicher Kulturinstitutionen ist – zumindest in Deutschland – seit jeher konstituierendes Moment des bürgerlichen Subjekts.“ - So isses, einerseits. Andererseits

definieren sich Bundesbürger heute nicht mehr über Kultur und Bildung, sondern über Karrieren.

Das machen auch die Journalisten und Feuilletonisten, oder der akademische Mittelbau. Hauptform der feuilletonistischen Bearbeitung ist daher, die gegenseitige Beobachtung der Meinungsjournalisten untereinander. Das ist kulturell unproduktiv, aber sichert einen Restbestand an Aufmerksamkeit.

Viel wäre schon gewonnen, wenn die Profis zu einer Tugend zurückkehrten, die da heißt, stelle das Neue und Bessere, -ruhig in ihrem Sinne, mit eigener Haltung-, vor. - So aber, artet alles z.B. in eine Diskussion aus, ob Schirrmacher nun ein besserer Kulturjournalist ist, als sein Kollege und Gegenpart Steinfeld von der SZ. Ob der Steinfeld einen Kriminalroman schreiben könne, in dem er seinen Kollegen erlegt, oder nicht. - Ich finde das extrem langweilig.

„Übersicht“, da haben Sie meine Zustimmung.

„Entgrenzung“, da würde ich Ihnen widersprechen wollen. Viel wichtiger fände ich, die Grenzen aufzuzeigen, die z.B. die Lena, den Sateliten Raabs, von Regina Spektor unterscheidet. Das Feuilleton muss sich wieder aufmachen Gutes und Schlechtes begründet zu trennen.

Aus der Sch****, Verzeihung, die Perlen fischen und vorstellen, anstatt sich mit der Auflagenkonkurrenz oder den vermeintlichen Großkopferten um Einschätzungen zu Charts und dem sowieso aus Fernsehen, Funk und Unterhaltungsindustrie bekannten Sein zu prügeln.

„Haltung“, ohne Wissen und Willen zur Neutralität, was nicht mehr heißt, als die eigene Meinung auch qualitativ begründen zu können, ist bloßes Meinen. Davon existiert unter Bloggern und Journalisten schon zu viel. Da entsteht keine Qualität, obwohl die Meinung so populär ist, weil ich meine Meinung so leicht dazu setzen kann. - Am Ende wird nur noch gemeint.

Gewisse „Dauerhaftigkeit“: Ja, das sollte ein Teil des Anspruchs der Wochenblatt-Journalisten sein.

-„Haltbar bis Ende XXXX“.

Sprache als ästhetisches Mittel: Ja, ein Wochenblatt oder ein Webzine mit diesem Überblicksanspruch sollte eine nachhaltige Sprache pflegen, die nicht den Nachrichtenjournalismus abbildet und auch nicht der Versuchung nachgibt, den flapsigen und nur scheinwitzigen, nämlich aus Gründen der Aufmerksamkeitsökonomie gewollt alles ironisierenden Ton des Webs und der Online-Witzemacher zu imitieren. - Ein Nebenbefund: Ironie und Witz werden viel häufiger dazu verwendet zu quälen und selbst ein bisschen Spaß zu haben, als irgend eine Erhellung oder Originalität zu erzeugen.

Was die „Links“ angeht: Meist werden sie von Bloggern missbraucht. Sie ersetzen eine eigenständige Argumentation und erreichen nicht einmal den eingeschränkten Zweck des Belegs, man habe sich irgendwo kundig gemacht. „Links“, die das Erklären und die persönliche Argumentation einfach ersetzen, sind Teil jenes Sprach- und Datenmülls, den aufmerksame Feuilletonisten und Kulturjournalisten ebenso als Belastung empfinden, wie so manche, noch empfindsame Leser.

Es gibt eine ganze Reihe von mittlerweile recht häufigen „Linkattentätern“, die einen suchenden Leser erst einmal zuschütten mit Verweisen, die er doch gefälligst vorher zur Kenntnis nehmen müsse, um zu kommentieren oder überhaupt nur den Text zu verstehen. - Ich bitte, das nicht in den falschen Hals zu kriegen. Das Phänomen ist nicht nur bei Bloggern und Kommentatoren anzutreffen. Die höchsten Geister und Gespenster der Nation machen es klassisch und auf Papier nicht anders.

So hat vor geraumer Zeit der emeritierte Fernsehphilosoph Sloterdijk einem Professorenkollegen beschieden, er müsse erst einmal mehrere Tausend Seiten aus seiner, Sloterdijks, Feder zur Kenntnis nehmen, bevor er sich zu seinen würzigen Thesen äußern dürfe. Solche Idiotie gibt es auf allen Ebenen und Hoffart ist unter Gebildeten sehr wahrscheinlich häufiger, als unter uns Durchschnittsbürgern. Trotzdem ist es Sünde, Sünde, Sünde.

Beste Grüße und weiter

Christoph Leusch

Lena Baetz 16.08.2012 | 12:45

@ Michael Angele

Teilweise stattgegeben - feine Ironie, die hintergründig ist, findet sich noch immer eher in der klassischen Zeitung, wenn auch zunehmend seltener.

Was ich mit großer Ironie meine, ist eine Art zu Schreiben, bei der sich der Schreibende ständig imaginär selbst auf die Schulter klopft, weil er so ein origineller, lustiger Vogel ist. Dabei gehen oft die Zwischentöne verloren. Auf den ersten Blick ist so ein Text ja ganz amüsant, auf den zweiten dann meistens wie abgestandenes Mineralwasser. Was fehlt ist die Substanz, eine letzte Spur von "etwas ernst meinen" - vielleicht auch eigene Haltung und Herzblut.

Eng verbunden ist für mich mit dieser Form der Ironie eine Haltung, die Ende der 90er Jahre sehr en vogue war und auch heute noch weite Verbreitung findet: Kult. Weil man sich selbst und anderen etwas nicht zugestehen kann oder will, wird es kurzerhand als Kult deklariert, dann kann man es getrost verwenden. Sei es die Eiche-rustikal-Schrankwand, der Nierentisch oder eine bestimmte Geisteshaltung.

Einen ganz interessanten Aspekt des Seßlen-Textes fand ich übrigens den Punkt mit der Verbreitung der Kolumnen.

Ist das sozusagen der Blog in der Zeitung? Oder die "Unterwanderung" der anderen Ressorts durch das Feuilleton?

Lena Baetz 16.08.2012 | 14:16

@ Columbus

Merci für die Blumen und den großartigen Begriff "Linkattentäter", der sofort in meinen Wortschatz aufgenommen wird.

„Entgrenzung“, da würde ich Ihnen widersprechen wollen. Viel wichtiger fände ich, die Grenzen aufzuzeigen, die z.B. die Lena, den Sateliten Raabs, von Regina Spektor unterscheidet. Das Feuilleton muss sich wieder aufmachen Gutes und Schlechtes begründet zu trennen.

Was mich an der Aufteilung in feste Ressorts stört, ist die Kanonisierung der Themen, die scheinbar zwangsläufig damit einhergeht. Mit dem Kanon wird zugleich auch immer ein Urteil gesprochen: Dieses und Jenes ist interessant, beachtenswert oder gut und wenn Du zu einer bestimmten Gemeinschaft gehören willst, solltest Du dich an diesen Themen orientieren. Mich stört das normative und einseitige daran. Am einen Tag höre ich vielleicht lieber Regina Spektor - aber es gibt durchaus auch Tage, an denen ich der Satelliten-Lena etwas abgewinnen kann. Und ich habe keine Lust, mir von meiner Zeitung dabei ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen.

Vorschlag: Vielleicht wäre es ein Anfang, eine Seite mit dem Titel "Fundstücke" zu überschreiben und dort mit der Entgrenzung zu experimentieren?

Lena Baetz 16.08.2012 | 14:24

@semanthis

ich finde, dass das Feuilleton für die Debattenkultur immer noch Großartiges leistet. Es schafft einen zentralen Ort und paradoxerweise eine größere Öffentlichkeit als das Netz. Denn dort ist es zeitaufwändiger und komplizierter die verstreuten Debattenbeiträge zu finden. Ich würde dir allerdings recht geben, dass die Debatten für einen größeren Kreis von Beiträgern geöffnet werden sollten. Im Grunde debattiert über die Zeitungsgrenzen hinweg immer der gleiche Club üblicher Verdächtiger - und der hat meist die 40 weit überschritten.Jüngere und insbesondere netzaffine Menschen werden häufig nur eingeladen an den Gesprächen teilzunehmen, weil sie einen gewissen Exotenbonus haben. Das nimmt aber zu wenig ernst, was sie zu sagen haben.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 16.08.2012 | 15:49

>>Was ich mit großer Ironie meine, ist eine Art zu Schreiben, bei der sich der Schreibende ständig imaginär selbst auf die Schulter klopft, weil er so ein origineller, lustiger Vogel ist.<<

Analyse nennt ihr, die wir, solcherlei herabwürdigende Art, das ist uns klar. Viel zu groß, ich weiß, aber kleiner und feiner hat der Schreibende es nicht.

Dieser Schreibende weiß, dass Autorin Baetz keine Texte veröffentlicht, von denen sie nicht selbst begeistert ist. Allein klopft sie sich während des Schreibens anhand anderer Kriterien auf die eigene Schulter. Ich gebe Columbus recht: Der Text wirkt sehr strukturiert. Das hat sie gut gemacht.

Die kollektivierende und zugleich segregierende Wirkung der ersten Person Plural ist meine Sache nicht. Ich bin kein wir, sondern ein schreibendes ich ohne Ambitionen auf Zugehörigkeit und Reputation jedweder Art. Das stärkt und schwächt und etkettiert mich zum originellen, lustigen Vogel. Und die Insider der Branche klopfen sich - mühsam nach Luft ringend - auf die Schenkel vor höhnischem Gelächter. Wer nicht mit lacht, gehört nicht dazu.

So einfach ist die Welt. Was unwiderstehlicher Geistesreichtum sein könnte, prädefiniert - schreibend - zunächst einmal, wer sich geistreich wähnt. Wie sich Humor ausgestalte, prädefiniert entsprechend, wer sich selbst als originell und lustig erfährt. Von mir aus auch als Vogel.

Die zweite Variable in beiden Rechnungen stellt jeweils die Leserschaft. Sie entscheidet am Ende, ob die Gleichung aufgeht oder der Schreibende einem großen (oder feinen) Trugschluss über sich selbst aufsitzt.

Kult als Synonym für vorerst nicht enttarntes Unvermögen. Die hässliche (aber lieb gewonnene) Schrankwand als Symbol des Leisten-Wollens aber Nicht-Könnens. Von mir aus auch das.

Columbus 16.08.2012 | 16:35

Die Trockenblumen haben Sie sich erschrieben.

Ich meinte nun nicht, das Feuilleton solle zu einer Art moralischer oder ästhetischer Anstalt verkommen, die dem Publikum Vorschriften macht.

Es geht mir mehr darum, das Gute überhaupt im Verhältnis angemessen vorzustellen und genau dafür zu argumentieren, anstatt z.B. über die "Lenaitis", die Geschäftstüchtigkeit Raabs und den immer schon vorhandenen, gar nicht mit Wertungen greifbaren Publikumsgeschmack zu ratschen.

Die Hekatomben an Artikeln, die alleine zu Schwedenkrimis in jeglicher Form und den ganzen "Lena-Raab-Komplex" in den wichtigsten Zeitungen des Landes verfasst wurden und werden, stehen in keinem Verhältnis zu der Aufgabe, das Spektrum der Aufmerksamkeit zu erweitern ((Es sind nur Beispiele, es könnte da auch stehen, zu Harald Schmidt, zu den unendlichen Tatorten, zur erfolgreichen deutschen Filmkomödie à la Lachsack Herbig oder Knackarsch Schweiger,....). So bleibt es beim Chart und bei der feuilletonistischen Auseinandersetzung mit dem TED und die einzige, mit viel Leidenschaft (Mordabsichten!;-))) ) exerzierte Grundübung ist die gegenseitige Beobachtung der Konkurrenz.

Sie beschreiben sehr schön die Klage des Feuilletons. Im gleichen Tonfall existiert die Klage der Kulturschaffenden, die Klage der Politikvermittler, die Klage der Leser, sie träfen tagein tagaus auf den gleichen Kram in ihren Lieblingsblättern und Online-Foren ihrer Wahl, läsen tagein tagaus das Gleiche. - Eine elenden Scheinrhetrorik und Sophisterei verschleiert letztlich nur mühsam, dass am Ende die 95% nicht nur die gleichen Waren in allen Läden der Republik kaufen sollen, sondern auch den gleichen Geschmack ausbilden und die gleiche Kulturwarenästhetik entwickeln müssen. - Bisher ist wenig Wunderkraut dagegen gewachsen und ich bin weit enfernt davon, eine gute Lösung zu wissen.

Beste Grüße

Christoph Leusch

Thomas.W70 18.08.2012 | 12:33

Es ehrt Sie, dass die das Feuilleton aus dem Hades zurückholen wollen, doch (und das ist übrigens auch die Essenz des Orpheusmythos): die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Die große Zeit des bürgerlichen Feuilleton ist vorüber.

Für viele, auch für mich, mag das traurig sein. Doch das ist der Lauf der Welt. Die Welt wandelt sich und mit ihr die Art und Weise, wie man mit Kultur umgeht.

Wie Kollege Columbus richtig anmerkt, hat Bildung in der postbürgerlichen Gesellschaft nicht mehr den Stellenwert, den sie in der bürgerlich geprägten Gesellschaft hatte. Und damit auch nicht mehr die einstigen identitätsstiftenden Potenziale. Denn darum geht es letztendlich wenn über Kultur geredet wird.

Ihre Forderung nach Öffnung des Feuilletons für Themen jenseits von sog. "Hochkultur" ist verständlich, und offen gesagt im Grunde schon längst Realität, doch, ohne die "Hochkultur" verteidigen zu wollen: es besteht eben ein Zusammenhang zwischen der Öffnung des Feuilletons und seinem Verlust an Identitätsstiftung ergo Relevanz.

Natürlich war es nicht unbedingts besser, als noch ein bestimmter, kaum je in Zweifel gezogener Kreis von Künstlern und Kritikern in den großen Feuilletons bestimmten, was gerade gut und wichtig war. Doch nur in ihrer Überschaufbarkeit und dem, manchmal durchaus arroganten Dirigismus konnte das Feuilleton Relevanz und Identität erreichen.

Mit Ihren Forderungen und durchaus sympathisch liberalen Ansichten über das, was das Feuilleton heute leisten soll, beschreiben Sie eigentlich eher den Status Quo. Bei Licht besehen ist der auch gar nicht so übel. Das Angebot ist viel größer und gute Text gibt es auch heute noch immer wieder zu lesen, wenn auch vermehrt nicht mehr im traditionellen print sondern anderswo.

Doch, ob Sie wollen oder nicht: der Preis der Freiheit und Offenheit war schon immer der Verlust von identitätsstiftender Kraft. Ihre Forderungen sind also der Grund für den Bedeutungsverlust und gewiss kein Mittel dagegen.