Kokain hier, Coca dort

28. September Ein Beitrag über den Konflikt in einem exotischen Land eröffnete das Filmfest Hamburg. Mit einem anderen Krieg in der Ferne soll es weitergehen.
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Diesmal jedoch nicht mit einem Spielfilm, sondern einer Dokumentation, die auf unangenehme Art und Weise unser Hamburg mit dem weit entfernten Kolumbien verbindet. In „Mama Coca“ geht es um Kokain. Und nicht nur das – es geht um den Ursprung der Droge: die Cocapflanze und ihre Bedeutung für die Naturvölker Kolumbiens. Guter Stoff für eine Doku, denke ich mir, schwinge mich mittags auf mein Fahrrad und düse in Richtung Abaton Kino. Schon sitze ich im kleinen Kinosaal, um etwas über ein Thema zu lernen, das ich bisher nur an der Oberfläche betrachtet habe.

Die folgenden 84 Minuten klären mich auf und machen mich wütend, verständnisvoll sowie verständnislos gleichzeitig. Die in Hamburg lebende Regisseurin Suzan Sekerci wagte sich für ihren zweiten langen Dokumentarfilm in die Höhle des Löwens. Dort, wo die Drogenmafia mordet, spricht sie mit ehemaligen Rebellen, Bauern, Paramilitärs, Journalisten und Künstlern, die umfangreiche Hintergrundinformationen zum Konflikt geben. Einzigartig ist, wie nah die Protagonisten die Filmemacherin an sich, ihr Leben und ihre Familie heranlassen. Sie sprechen über ihr jeweiliges Schicksal und positionieren sich im Lauf der tragischen Geschichte. Die klare Struktur der Dokumentation ermöglicht es mir, die komplexen Geschehnisse der letzten Jahrzehnte zu überblicken. Wer kämpfte wann gegen wen? Warum formierten sich unterschiedliche Widerstandsbewegungen? Wie gefährlich ist das Leben heute in Kolumbien? Ein Interview mit dem Hamburger Ex-Dealer Roland Miehling alias „Blacky“ (der immer noch seine Haftstrafe absitzt) zeigt mir die Verbindung zu unserer Stadt auf. Er beschreibt, wie er die Droge nach Hamburg schleuste, wer sie hier konsumierte und wie er mit den großen Bossen an einem Tisch saß. Ein anderer Ansprechpartner komplettiert die Betrachtung: Suzan Sekerci besuchte die Yanacuna-Indianer in San Agustí, für die Cocapflanzen wichtiger Bestandteil ihrer Spiritualität sind. Sie wehren sich gegen ein Anbauverbot und kämpfen für die Anerkennung der Pflanze als medizinisches Mittel. „Unser Volk kann nichts für den Missbrauch als Droge“, so der Stammesführer. „Coca ist genauso wenig Kokain, wie die Traube Wein ist.“

Das mag man sehen, wie man möchte. Für mich hat sich der Kinobesuch jedenfalls wieder gelohnt. Es gibt wohl kaum etwas Sinnvolleres, als eine Dokumentation, über die man noch beim Heimradeln entlang der Außenalster nachdenkt.

Text: Lena Frommeyer
19:30 28.09.2012
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Lena Frommeyer (SZENE HAMBURG)

20 Jahre Filmfest Hamburg - das ist mir einen Blog wert! Über das cineastische Leben vom 27.9.–6.10. berichte ich hier bald regelmäßig.
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Lena Frommeyer (SZENE HAMBURG)

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